Anthony Tattersall: „Insgesamt haben wir 16 Länder weltweit befragt.“
ITD: Herr Tattersall, auf welchen Daten basiert der „Women and Skills Report 2021“?
Anthony Tattersall: Er vergleicht die Anmelde- und Leistungsdaten von weiblichen Lernenden vor der Pandemie mit den Trends, die auf unserer Plattform seit dem Corona-Ausbruch bis Juni 2021 beobachtet wurden. Wir haben 16 Länder weltweit befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass Frauen in Deutschland heute häufiger online lernen als vor der Pandemie. Der Anteil der neu registrierten weiblichen Lernenden ist von 37 Prozent im Jahr 2019 auf 48 Prozent im Jahr 2020 gestiegen.
ITD: Warum hat die Pandemie vor allem Frauen getroffen?
Tattersall: Die doppelte Auswirkung der Pandemie und der Automatisierung hat Frauen unverhältnismäßig stark betroffen − vor allem aufgrund von Schulschließungen und der Belastung durch unbezahlte Kinderbetreuung. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung sind Frauen in Deutschland doppelt so stark von der Krise betroffen wie Männer. Sie hat die Einkommensungleichheit verschärft und die sozialen Ungleichheiten weltweit vergrößert. Nach Angaben der International Labor Organisation (ILO) wird die Zahl der erwerbstätigen Frauen im Jahr 2021 voraussichtlich um 13 Millionen niedriger sein als 2019.
ITD: Welche interessanten Online-Lerntrends beobachten Sie bei Frauen in Deutschland?
Tattersall: In Deutschland ist der Anteil der Frauen an den gesamten Kurseinschreibungen von 35 Prozent 2019 auf 40 Prozent im Jahr 2021 gestiegen. Bei den MINT-Studiengängen verringerte sich der Unterschied zwischen den Geschlechtern von 29 Prozent weiblichen Einschreibungen im Jahr 2019 auf 33 Prozent 2021. Auch die Zahl der Frauen, die sich für professionelle Einstiegszertifikate anmelden, ist gestiegen: von 23 Prozent 2019 auf 33 Prozent 2021. Diese Zertifikate, die Konzerne wie Google, IBM und Facebook anbieten, sollen Lernende ohne Hochschulabschluss oder Technologieerfahrung auf eine breite Palette von stark nachgefragten digitalen Jobs vorbereiten.
ITD: Wie können wir die geschlechtsspezifischen Unterschiede beim Lernen weiter verringern?
Tattersall: Unternehmen, Regierungen und Hochschulen spielen eine Schlüsselrolle beim Abbau geschlechtsspezifischer Unterschiede. Unserer Studie zufolge tragen u.a. folgende Faktoren zur Steigerung der Teilnahme von Frauen bei: Übungsaufgaben vor anspruchsvollen Prüfungen (+12 Prozent Anstieg des Frauenanteils an den lebenslangen Anmeldungen), Auflistung der häufigsten Fehler bei von Kollegen bewerteten Aufgaben (+16 Prozent) und Verteilung der Bewertungen im Kurs (+8 Prozent).
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 12/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
ITD: Was waren die wichtigsten Ergebnisse des Berichts weltweit?
Tattersall: Unsere globalen Ergebnisse zeigen, dass sich mehr weibliche als männliche Lernende für Kurse anmelden, die von weiblichen Dozenten geleitet werden. 49 Prozent der Einschreibungen von weiblichen Lernenden entfallen auf Kurse mit weiblichen Dozenten, verglichen mit 38 Prozent bei männlichen Lernenden.
Bildquelle: Coursera