IT-Sicherheit und Cyberkriminalität

Herausforderungen, Initiativen und Impulse

Im Interview: Sascha-Michael Odenthal, Director MSP & Cloud bei Infinigate, David Baier, Solution Architect bei Ping Identity, und Markus Auer, Security Advisor und Sales Director DACH von Bluevoyant.

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    David Baier: „Online-Betrug ist groß im Kommen – seit Jahren schon.“ ((Bildquelle: Ping Identity))

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    Sascha-Michael Odenthal: „Cyberkriminelle finden immer wieder neue Schwachstellen.“ ((Bildquelle: Infinigate))

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    Markus Auer: „Es wird immer Akteure geben, die versuchen werden, Organisationen zu kompromittieren.“ ((Bildquelle: Bluevoyant))

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    Angesichts der wachsenden Cyberbedrohungslage stehen Unternehmen unter enorm hohem Druck. ((Bildquelle: Getty Images/iStock/Getty Images Plus))

ITD: Herr Odenthal, Herr Baier, Herr Auer, in puncto „Cybersicherheit und Politik“ - welche Impulse und Initiativen sind wichtig?
Odenthal: Es ist von größter Bedeutung, dass Vorschriften und Gesetze zur Cybersicherheit auf internationaler Ebene angeglichen werden. Ebenso entscheidend sind die Verbesserung und Anhebung der Mindeststandards im Hinblick auf Prävention, die sowohl durch öffentliche Institutionen als auch private Unternehmen durchgesetzt werden sollten. Um die globalen Cybersicherheitsherausforderungen zu bewältigen, sollten relevante Organisationen, regionale Bündnisse oder auch bilaterale Abkommen in die Strategie involviert werden. Dies zeigt, dass es insbesondere auch die politischen Entscheidungsträger sind, die Rahmenbedingungen schaffen, Ressourcen bereitstellen, diplomatische Bemühungen unternehmen und sich in internationalen Foren für die Cybersicherheit als vorrangiges Ziel einsetzen müssen.

Baier: Online-Betrug ist groß im Kommen – seit Jahren schon. Die Politik muss sich das endlich bewusst machen und anfangen, stärker gegenzusteuern. Denn: praktisch jeder Bürger läuft mittlerweile Gefahr, Opfer von Online-Betrügern zu werden. Ein Hauptaugenmerk der Politik wird deshalb darauf zu liegen haben, die traditionellen Einfallstore für Cyberkriminelle besser vor deren Zugriffsversuchen abzusichern; ein weiteres auf den mit künstlicher Intelligenz verbundenen Risiken und Gefahren. Es ist davon auszugehen, dass diese in den kommenden Jahren und Jahrzehnten stark zunehmen werden. Cyberkriminelle wissen, dass sich die Erfolgsrate von Cyberangriffen mit ihrer Hilfe schnell und unkompliziert erhöhen lässt. Die Politik muss hier mehr gegensteuern – auf deutscher wie auf europäischer Ebene. Zum Beispiel mit der Einführung und Durchsetzung von Standards und Normen zur Anhebung der Sicherheit von Nutzeridentitäten. Eine Schlüsselrolle wird dabei Normen und Standards für E-Wallets und dezentrale Identitäten zufallen.

Auer: Es wäre ein wichtiger Impuls, wenn die Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor gestärkt wird, da Cybersicherheit ein Teamsport ist und bleibt. Die Verteidigung von Organisationen ist deutlich effektiver, wenn sie kollaborieren. Der öffentliche Sektor kann Bedrohungsdaten mit dem privaten Sektor austauschen. Eine weitere bedeutende Aufgabe des privaten Sektors ist der umfassende Schutz der Netzwerke von Regierungen und kritischen Infrastrukturen mit den neuesten Technologien.

ITD: Thema „Cyberkriminalität“ – welche neuen Herausforderungen gibt es für Unternehmen und Organisationen?
Odenthal: Cyberkriminelle werden jeden Tag in ihrer Vorgehensweise schlauer, schneller und finden immer wieder neue Schwachstellen. Ihre Angriffe führen sie gezielt durch und setzen Social Engineering-Taktiken ein, um die gewünschte Reaktion zu erzielen - z.B. zum Klicken auf Links oder zur Weitergabe vertraulicher Informationen. Ein gegenwärtiges Beispiel ist die Aufforderung, die Multi-Faktor-Authentifizierung zu bestätigen. Zudem haben die Angreifer Zugang zu fortschrittlichen Hacking-Tools und -Techniken, darunter Zero-Day-Exploits, maßgeschneiderte Malware und komplexe Angriffsvektoren. Diese zunehmende Raffinesse ermöglicht es ihnen, gezieltere und schwieriger zu entdeckende Attacken zu starten. Darüber hinaus nehmen Cyberkriminelle zunehmend Lieferketten ins Visier, um größere Organisationen zu kompromittieren. Sie verschaffen sich Zugang zu den Systemen des Ziels, indem sie einen vertrauenswürdigen Anbieter oder Lieferanten infiltrieren. Kurzum: Schwachstellen werden zunehmend schneller ausgenutzt, als Unternehmen sie flicken oder entschärfen können. Umso wichtiger wird es deshalb sein, sich noch verstärkter auf präventive Maßnahmen zu konzentrieren.

Baier: Gegner und Angriffsmuster sind nach wie vor dieselben. DDoS-Attacken, Phishing-Angriffe, usw. machen immer noch den größten Teil der Cyberattacken aus. Jedoch: ihre Anwendung erfolgt immer raffinierter und professioneller. Für Laien sind sie vielfach kaum noch von regulären Anfragen zu unterscheiden. Ein Grund: Die neuesten Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz. Mit KI kommt eine Technologie ins Spiel, die sich selbst weiterentwickeln und optimieren, die Angriffsmethoden automatisiert anpassen kann – passend zugeschnitten auf das oder die Opfer. Wohin das Ganze noch führen wird, das wird erst die Zukunft zeigen. Unternehmen jedoch tun gut daran, sich schon jetzt entsprechend vorzubereiten.

Auer: Eine der interessantesten Veränderungen ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI). Dabei wird sie wahrscheinlich sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben. Sie kann Hackern bei der Erstellung von bösartigem Code unterstützen. Sie kann aber auch von den Verteidigern genutzt werden, um ihre Dienste zu verbessern. KI kann dabei helfen zu beurteilen, welche Warnungen am dringendsten sind, und sie kann genutzt werden, um Muster zu erkennen und die Verteidigung zu optimieren. Für die führenden Anbieter von Cybersicherheits- und Managed Security Services (MSSP) ist KI nicht neu und wird seit Jahren zur Verbesserung ihrer Produkte eingesetzt. Mit der Unterstützung menschlicher Experten kann KI Bedrohungen schnell und effizient erkennen.

ITD: Schutz vor Cyberangriffen – wie haben sich Prävention und Abwehrmaßnahmen weiterentwickelt?
Odenthal: Durch die zahlreichen Cyberangriffen, über die auch medial berichtet wird, ist in der Öffentlichkeit das Ausmaß des Risikos, dem wir ausgesetzt sind, schon etwas bewusster geworden. Die Cybersicherheit rechtfertigt inzwischen größere Investitionen als je zuvor - sowohl in der Privatwirtschaft als auch im öffentlichen Sektor. Und es gibt international immer mehr Spezialisten, die in den höheren Ebenen von Organisationen, viele davon auf C-Ebene in Unternehmen sitzen. Zugkraft hat definitiv das Zero-Trust-Sicherheitsmodell gewonnen, das davon ausgeht, dass Bedrohungen sowohl von externen als auch von internen Quellen ausgehen können. So setzten Unternehmen ZTNA ein, um eine kontinuierliche Überprüfung von Identitäten und strenge Zugangskontrollen zu gewährleisten. Neben der reinen Verhinderung von Angriffen liegt der Schwerpunkt verstärkt auf der Widerstandsfähigkeit gegenüber Cyberattacken. Unternehmen investieren in Strategien und Technologien, die sie in die Lage versetzen, Cybervorfälle zu erkennen, darauf zu reagieren und sich davon zu erholen. Sie implementieren Cloud-spezifische Sicherheitsmaßnahmen und Best Practices, um ihre Daten und Anwendungen in Cloud-Umgebungen zu schützen. Konkret sehen wir eine erhöhte Nachfrage nach Management- und Sicherheitslösungen für Endpunkte (RMM), MS M365 und andere Cloud-Umgebungen.

Baier: Ob sich Abwehrmechanismen in letzter Zeit verändert haben oder nicht, ist pauschal schwer auszumachen. Gesagt werden kann aber, dass sie sich an aktuelle Angriffstechnologien und -muster angepasst haben. Auch hier hat die Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz wieder eine große Rolle gespielt. Immer ausgefeiltere Machine Learning-Algorithmen kommen mittlerweile beispielsweise bei der Betrugserkennung zum Einsatz und sorgen bei Online-Unternehmen und Endanwendern für mehr Sicherheit.

Auer: Seitdem KI-Lösungen für den Massenmarkt verfügbar sind, ist KI in aller Munde. Viele sind besorgt, dass KI die Zahl der Angriffe erhöhen kann, da es einfacher wird, Malware zu programmieren und einzusetzen. Allerdings wird KI auch schon seit Jahren von führenden Anbietern von Cybersicherheitslösungen eingesetzt, um Bedrohungen zu erkennen und darauf zu reagieren. Die Fortschritte in der KI helfen diesen Anbietern, ihre Dienste weiter zu verbessern. Sie setzen beispielsweise maschinelles Lernen ein, um gefälschte Domains, Logos und Grafiken, proprietäres HTML und IP-Verletzungen, gefälschte Social-Media-Profile und vieles mehr zu erkennen.

ITD: Trends und Themen – was beschäftigt die IT-Sicherheits-Branche aktuell am meisten?
Odenthal: NIS2 ist die jüngste Entwicklung im Bereich der Cybersicherheitsvorschriften. Es wird erwartet, dass sie in der Region EMEA und auch in den USA eingeführt wird. Wie die konkrete Umsetzung genau aussieht und welche Auswirkungen dies auf Unternehmen und deren Cybersicherheitspraktiken hat, wird in den Fachkreisen viel diskutiert. Grundsätzlich ist es wichtig zu fokussieren, dass Cybersicherheit ein globales Anliegen ist. Die Vernetzung der digitalen Welt bedeutet, dass Entwicklungen in einer Region globale Auswirkungen haben können. Fachleute für Cybersicherheit, politische Entscheidungsträger und Unternehmen haben deshalb ein starkes Interesse daran haben, die geopolitischen Aspekte der Cybersicherheit zu verstehen. Auch die neuesten Entwicklungen der KI im Bereich der Cybersicherheit sind äußerst spannend. KI spielt eine immer wichtigere Rolle bei der Verbesserung von Cybersicherheitsmaßnahmen, von der Erkennung von und Reaktion auf Bedrohungen bis zur Identifizierung von Anomalien und prädiktiven Analysen. Es entstehen viele innovative Lösungen, um KI zur Stärkung der Cybersicherheitsabwehr einzusetzen.

Baier: An erster Stelle wäre hier sicherlich wieder – wie nicht anders zu erwarten – die künstliche Intelligenz zu nennen. Gefolgt vom Dauerbrenner Cloud. Seit neuestem nehmen aber auch dezentrale Identitäten einen immer größeren Stellenwert ein. Unternehmen sind auf der Suche nach Lösungen, die ihnen dabei helfen, Betrugsrisiken zu minimieren. Dezentrale Identitätsmanagementlösungen können da – sofern richtig und durchgehend angewandt – zu einem zentralen Baustein ihrer Sicherheitsarchitektur werden.

Auer: Es wird immer Akteure geben, die aus finanziellen oder ideologischen Gründen versuchen werden, Organisationen zu kompromittieren. Unternehmen müssen ihre interne Sicherheit und digitalen Lieferketten überwachen und vor allen Risiken schützen. Die jüngsten geopolitischen Spannungen machen deutlich, wie wichtig es ist, zu wissen, mit wem man in Verbindung steht und welchen Zugang Anbieter, Lieferanten und andere Drittanbieter haben. Wenn ein Drittanbieter angegriffen wird, kann das die Hauptorganisation gefährden und zu Datenverlust, Ransomware-Angriffen oder Betriebsunterbrechungen führen. Darüber hinaus müssen Unternehmen auf Unterbrechungen der vernetzten Lieferkette vorbereitet sein, die viele Ursachen haben können, z. B. Naturkatastrophen, geopolitische Konflikte, oder andere Sicherheitsprobleme. Bevor es zu einer Unterbrechung kommt, sollten man sich darüber im Klaren sein, auf wen man sich verlassen kann und ein Backup haben, um die Geschäftskontinuität zu gewährleisten. Unternehmen sollten außerdem ihre digitale Lieferkette kontinuierlich überwachen und bei Problemen schnell mit den Drittanbietern zusammenarbeiten, um Abhilfe zu schaffen. Ein proaktiver Schutz im Bereich der Cybersicherheit hilft Unternehmen, Sicherheitsverletzungen zu überstehen.

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