Größenordnung der Einsparungspotenziale

„Heute noch nicht konkret bezifferbar“

Im Interview betont Antje Tauchmann, Head of Marketing bei Maincubes: „Ein nachhaltiges Colocation-Rechenzentrum sollte im Jahr 2022 die vorhandenen Möglichkeiten für mehr Energieeffizienz nutzen.“

Antje Tauchmann, Head of Marketing bei Maincubes

„Um die Robustheit eines Rechenzentrums zu prüfen, werden ein Rechenzentrum und dessen Gewerke verschiedenen Stresstests unterzogen“, weiß Antje Tauchmann von Maincubes.

ITD: Frau Tauchmann, die aktuelle Diskussion um den Klimawandel betrifft natürlich auch Rechenzentren (RZ) in Deutschland. Die hiesigen Rechenzentren bieten großes Potenzial, Energie, Rohstoffe und Kosten einzusparen. Wie ist der Status quo hinsichtlich der Energieeffizienz deutscher Rechenzentren?
Antje Tauchmann: Technologisch gesehen haben die Rechenzentren aktuell kein Problem, mehr Energieeffizienz zu erreichen. Wer sich energieeffizient aufstellen möchte, kann das auch bereits tun. Hürden gibt es jedoch aus betriebswirtschaftlicher Sicht: Denn hier sind die meisten Rechenzentrumsbetreiber noch nicht willens, eigenständig in die Zukunft zu investieren und ihre Datacenter vorausschauend so auszustatten, dass die Kunden darin auch ihre energieeffizienten Technologien einsetzen können. Beispiel Flüssigkeitskühlung: Will ein Unternehmen bei seiner IT-Hardware auf Flüssigkeitskühlung umsteigen, was deutlich energieeffizienter ist als Luftkühlung, bieten die wenigsten Colocation-Rechenzentren dafür die Möglichkeiten, dies umzusetzen. Die Krux ist, dass die meisten Datacenter erst dann in mehr Energieeffizienz investieren, wenn die Kunden das explizit verlangen und die Kosten mittragen. Aus Umweltaspekten förderlicher und weitblickender wäre es, wenn Rechenzentrumsbetreiber schon heute eine flexible Datacenter-Umgebung schaffen, damit ihre Kunden – egal wann sie das möchten – neue nachhaltigere Technologien einsetzen können. Wir bieten z.B. diese flexible IT-Umgebung in unseren neuen Rechenzentren an und die Resonanz von Kundenseite ist sehr positiv.

ITD: Was macht ein nachhaltiges Rechenzentrum anno 2022 aus?
Tauchmann: Ein nachhaltiges Colocation-Rechenzentrum sollte im Jahr 2022 die vorhandenen Möglichkeiten für mehr Energieeffizienz nutzen: Einsatz von regenerativen Energien, alternative Kühltechnologien wie Flüssigkeitskühlung (Immersion Cooling/Flüssigkeitstauchkühlung, adiabatische Kühlung/Verdunstungskühlung, etc.) statt Luftkühlung ermöglichen, Abwärmenutzung anbieten, etc. Auch die Wahl des Standortes sollte überdacht werden: So eignen sich auch Standorte außerhalb der Ballungsräume, wenn diese z.B. in Gebieten mit einer besseren Versorgung mit nachhaltigen Energien liegen oder bestimmte Kühlmöglichkeiten wie die adiabatische Kühlung (Verdunstungskühlung) durch die Umgebungsbedingungen unterstützen. Zudem sollte ein nachhaltiges Rechenzentrum so aufgestellt sein, dass die Kunden die energieeffizienteren Technologien auch einsetzen können – was bei den meisten Datacentern aktuell noch nicht der Fall ist. Nötig dafür ist eine größtmögliche Flexibilität in der IT-Flächenausstattung. So haben die Investitionen der Kunden in Hardware lange Bestand und können nachhaltig für die Zukunft ausgerichtet werden. Auch sollten die Rechenzentrumsbetreiber den Kunden größtmögliche Transparenz gewähren, etwa was den Energieverbrauch ihrer Racks und Server anbetrifft, sodass diese die Einsparungspotenziale besser erkennen.

ITD: In welchen Bereichen liegen derzeit die größten Optimierungspotenziale bzw. Stellschrauben?
Tauchmann: Ein großes Optimierungspotenzial liegt aktuell bei der Kühlung der IT-Hardware, z.B. durch die deutlich energieeffizientere Flüssigkeitskühlung statt Luftkühlung. Dazu sollten die Datacenter-Betreiber den Kunden eine flexible Umgebung zur Verfügung stellen, in denen sie moderne Technologien auch umsetzen können. Eine weitere wichtige Stellschraube: Energie intelligent verwenden. Rechenzentrumsbetreiber sollten die Kunden transparent über den Stromverbrauch informieren, damit diese die Energie nach ihrem wirklichen Bedarf nutzen und Server ggf. auch mal abschalten können. Auch die Berechnung sollte intelligenter werden. Statt Paketpreise für den Strom können für beide Seiten faire Berechnungsmodelle zum Einsatz kommen, bei denen der Kunde nur das zahlt, was er wirklich verbraucht. Das entscheidende Kriterium für mehr Energieeffizienz ist, dass Rechenzentrumsbetreiber ihre Kunden beim Thema „Energieeffizienz“ mitnehmen. Der Anteil der Kunden-IT-Hardware macht 80 Prozent des Energieverbrauchs eines Rechenzentrums aus. Sich als Rechenzentrumsbetreiber nur um die eigenen 20 Prozent zu kümmern, ist zu kurz gedacht – aber leider Gang und Gäbe. Hier ist ein Umdenken angesagt – und eine gemeinsame Betrachtung und Ausrichtung auf Energieeffizienz: indem die Rechenzentrumsbetreiber ihre Kunden beraten, informieren und mit ihnen gemeinsam den Weg zu mehr Energieeffizienz ebnen.

ITD: Wie lässt sich die Energie- und Ressourceneffizienz eines RZ überhaupt berechnen?
Tauchmann: Damit beschäftigt sich derzeit das Umweltbundesamt im Rahmen des Forschungsprojekts „PeerDC“, um ein Bewertungssystem für energieeffiziente Datacenter zu erstellen. Maincubes ist Teil des Arbeitskreises.

ITD: Welche Technologien tragen zu mehr Nachhaltigkeit im RZ bei?
Tauchmann: Davon gibt es bereits viele, z.B. alternative innovative Kühltechnologien für die IT-Hardware (Flüssigkeitskühlung statt Luftkühlung), der Einsatz von regenerativen Energien, Abwärmenutzung, etc. Auch beim Bau eines Rechenzentrums sollte man auf Nachhaltigkeit achten, z.B. durch eine modulare Bauweise und größtmögliche Flexibilität in der IT-Flächenausstattung, damit die Kunden neue energieeffizientere Technologien auch einsetzen können. Ein weiterer Punkt pro Nachhaltigkeit ist es, Hardware so zu designen, dass nur das Notwendigste verbaut wird – mittels des Open Compute Projects (OCP), das Energie, Kosten und Ressourcen spart. Unser Amsterdamer Rechenzentrum AMS01 ist bislang das einziges Datacenter in Kontinentaleuropa, das die Zertifizierung OCP Ready trägt. So ermöglicht es Unternehmen im dort ansässigen OCP Experience Center, Lösungen auf OCP-Basis nachhaltig zu entwickeln und testen zu können. 

ITD: Mit welchem Aufwand muss bei der umweltverträglichen Gestaltung eines RZ gerechnet werden?
Tauchmann: Nimmt man allein die Anforderungen zur Erreichung des Umweltzeichens „Blauer Engel“ als Grundlage, hat ein Rechenzentrum dafür schätzungsweise zehn Prozent mehr Ausgaben beim Bau. Übererfüllt ein Rechenzentrumsbetreiber diese Anforderungen aus eigenem Antrieb, indem er sein Datacenter umfassend, flexibel und modular auf die Zukunft ausrichtet, vergrößert sich der Aufwand entsprechend. Unserer Meinung nach lohnt sich dieser, nicht nur aus dem Umweltaspekt heraus, sondern auch betriebswirtschaftlich: weil sich damit gemeinsam mit den Kunden die Energieeffizienz deutlich erhöhen lässt und langfristig Kosten sparen lassen – auch wenn die Größenordnung der Einsparungspotenziale heute noch nicht konkret bezifferbar ist.

ITD: Neben dem Energieverbrauch ist auch die Ausfallsicherheit eines RZ ein wichtiger Punkt. Was sind die derzeit größten Risikofaktoren für den Ausfall von Rechenzentren?
Tauchmann: Der größte Risikofaktor für den Ausfall eines Rechenzentrums ist aktuell die Energieversorgung und -sicherheit. Zudem sollten selbstverständlich auch alle anderen Vorkehrungen getroffen sein, die grundlegend für die Sicherstellung der Ausfallsicherheit eines Rechenzentrums sind – und die selbstverständlich sein sollten, z.B. physische Sicherheit, Standortsicherheit, Datensicherheit, Betriebssicherheit, Rechts- und Informationssicherheit.

ITD: Welche Aspekte sind demnach für die physikalische Sicherheit und Hochverfügbarkeit eines RZ entscheidend?
Tauchmann: Dazu gehören physische und elektronische Zutrittskontrollsysteme mit biometrischer Erkennung, Videoüberwachungssysteme, Zugangsschleusen für Personen und Fahrzeuge, ein 24/7-Sicherheitsdienst, moderne Brandschutzvorkehrungen sowie umfangreiche organisatorische Maßnahmen, die das Eindringen unbefugter Personen verhindern und umfassenden Schutz der digitalen Infrastruktur bieten. Ein wichtiger Aspekt sind zudem die gängigen unabhängigen und allgemeingültigen Zertifizierungen für die Datacenter.

ITD: Inwiefern lässt sich prüfen, wie robust ein RZ tatsächlich ist?
Tauchmann: Um die Robustheit eines Rechenzentrums zu prüfen, werden ein Rechenzentrum und dessen Gewerke verschiedenen Stresstests unterzogen. Das ist im Einzelnen auch notwendig, um verschiedene Zertifizierungen zu erlangen.

ITD: Welche drei Aspekte sollten unbedingt beim Neubau von Rechenzentren anno 2022 beachtet werden?
Tauchmann: Die wichtigsten drei Aspekte sind: Agnostik – die Umgebung des Rechenzentrums so anpassungsfähig gestalten, dass technologische Weiterentwicklungen und Innovationen von morgen immer ungehindert Einzug halten können. Nutzung von regenerativen Energien – gegebenenfalls auch den Standort des Rechenzentrums entsprechend wählen. Abwärmenutzung – vor allem auch gleich im Rechenzentrum selbst.

Bildquelle: Maincubes

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