Interview mit Marc Beierschoder, IBM

In-Memory-Technologie: Nachweislich schneller

Interview mit Marc Beierschoder, der innerhalb der Unternehmensberatung IBM Global Business Services den Bereich „SAP Business Analytics“ leitet, über höhere Geschwindigkeit durch den Einsatz von In-Memory-Technologie

Marc Beierschoder, IBM

Marc Beierschoder, IBM Global Business Services

IT-DIRECTOR: Herr Beierschoder, unter welchen Umständen stoßen „herkömmliche“ BI-Systeme an ihre Grenzen? Und wann lohnt sich der Einsatz einer In-Memory-Technologie wie SAP Hana?
M. Beierschoder:
Das ständig wachsende Datenaufkommen in den Unternehmen sowie die steigende Nachfrage nach aussagekräftigen Datenanalysen sind Hauptursachen dafür, dass herkömmliche BI-Systeme zunehmend an ihre Grenzen stoßen. Bei vielen unserer Kunden ist die Datenkomplexität in den Systemen zudem inzwischen so groß, dass sie sich nur noch mit Aufwand weiterentwickeln lassen. Häufig wird mittlerweile auch über zu lange Laufzeiten geklagt. Oft reichen da selbst die Nachtstunden nicht mehr aus, um Daten zu laden und aufzubereiten, damit sie am nächsten Morgen rechtzeitig zur Verfügung stehen. Genau in diesen Fällen lohnt es sich, u.a. auch über den Einsatz von Hana nachzudenken.

IT-DIRECTOR: Um wie viel schneller gehen Geschäftsanalysen mit dieser Technologie vonstatten?
M. Beierschoder:
In den meisten unserer Machbarkeitsstudien wurden Geschwindigkeitsvorteile nachgewiesen. Ladevorgänge konnten in einem speziellen Fall sogar von 52 Stunden auf bis zu elf Stunden verringert werden. Analog dazu haben wir bei der Aktivierung von Daten durch Hana-optimierte Datastore-Objekte Beschleunigungen mit Faktoren zwischen 48 und 1.400 erreicht. Hierbei mussten wir feststellen, dass eine starke Abhängigkeit der Beschleunigungsraten von den jeweiligen Datenmodellen und der Datenstrukturen herrscht. Desweiteren gibt es Bereiche, in denen die BI-Software in derzeitigen Tests keine deutliche Verbesserung bringt: etwa in der Datenreplikation vom Quellsystem und beim Rückschreiben der Daten.

IT-DIRECTOR: Mit Hana muss neben der Software in der Regel auch Hardware angeschafft werden. Mit welchen Kosten ist dies verbunden?
M. Beierschoder:
Das hängt stark von den Einsatzszenarien und der Ausgangssituation eines Unternehmens ab. Generell gilt jedoch, dass die Ausgaben für die Hardware meist nur den kleineren Teil der Kosten ausmachen.

IT-DIRECTOR: Mit welchem Aufwand ist ein umfängliches Projekt mit der In-Memory-Technologie verbunden?
M. Beierschoder:
In Zentraleuropa stellen wir fest, dass die meisten unserer Kunden sich zunächst langsam an das Thema herantasten. Wir bieten deshalb in der Beratungssparte der IBM verschiedene Leistungspakete an, um das Sammeln erster Erfahrungen damit zu ermöglichen. Das Beispiel eines Medizintechnikherstellers zeigt die typische Vorgehensweise: Das Unternehmen kontaktierte uns aufgrund von Performance-Eng­pässen bei einzelnen Auswertungen im Management-Reporting. Wir haben vorgeschlagen, das bestehende Business-Warehouse-System (BW) zu Testzwecken auf eine Hana-Infrastruktur zu migrieren. Dafür haben wir zunächst zwei gemeinsame Workshops aufgesetzt, um den Rahmen der Zusammenarbeit und die Testgegenstände festzulegen. Anschließend wurden die Daten aus dem Produktivsystem extrahiert und in eine unserer Hana-Appliances im deutschen Client Center übertragen, wo wir die zuvor definierten Testszenarien durchliefen.

Am Ende arbeiteten wir mit dem Kundenteam zusammen an der Entscheidungsvorlage und stellten die Applikation zu Demo-Zwecken zur Verfügung. In Summe wurden dafür 30 Beratertage veranschlagt. Die Infrastruktur wurde dabei komplett von IBM bereitgestellt, wobei sich die Kosten auch hier in Grenzen hielten.

IT-DIRECTOR: Können Sie uns weitere denkbare Einsatz­szenarien beschreiben?
M. Beierschoder:
Generell ist die In-Memory-Lösung für Unternehmen interessant, deren BW-Systeme im Hinblick auf Geschwindigkeit und Datenladefrequenz nicht mehr zufriedenstellend arbeiten und/oder für solche Betriebe, die ihren Wartungs- und Weiterentwicklungsaufwand deutlich reduzieren wollen. Darüber hinaus lässt sich die Software in datenintensiven Rechen- und Analyseprozessen einsetzen. Hier sehen wir vor allem im Simulationsbereich und bei komplexen Mustererkennungsprogrammen Potentiale. Dazu noch ein weiteres Praxisbeispiel: Einem international tätigen Papier- und Verpackungsmittelhersteller standen seine Abverkaufsdaten erst nach bis zu 24 Stunden zur Verfügung. Durch Hana bekommt er sie nun innerhalb von Sekunden. Er kann die Zahlen auswerten und darauf ad hoc reagieren.

IT-DIRECTOR: Wie funktioniert die Verknüpfung von Hana mit bereits im Unternehmen genutzten Geschäftsanwendungen oder Datenbanken, beispielsweise der DB2?
M. Beierschoder:
Die technische Verknüpfung als solche ist – wenn Experten hinzugezogen werden – keine große Sache. Entscheidend ist allerdings, was man mit dem Einsatz der BI-Lösung erreichen möchte. Daraus ergeben sich unterschiedliche Herausforderungen. So haben wir in enger Zusammenarbeit mit SAP beispielsweise ein Replikationsszenario für Kunden entwickelt, die Hana an DB2 anbinden möchten. Eine gute Kombination, denn dank der Integration mit dem Sybase Replication Server können die Daten nahezu in Echtzeit übertragen werden. Sie ermöglichen damit Analysen auf dem jeweils aktuellsten Informationsstand. Ein weiteres interessantes Szenario, an dem mein Team gerade arbeitet, ist die native Integration der Software in eine DB2-Near-Line-Storage-Umgebung, bei der nur solche Analysen auf Hana laufen, die eine entsprechende Performance wirklich benötigen. Damit könnten BI-Szenarien flexibler und vielfältiger werden sowie – aufgrund der Auslagerung seltener genutzter Daten – enorme Lizenzkosten eingespart werden.

IT-DIRECTOR: Welche Alternativen zu Hana können Sie Kunden vorschlagen, die sich für die Einführung einer Big-Data-Lösung interessieren?
M. Beierschoder:
Aktuell arbeiten eine Reihe von Software-Anbietern verstärkt an Lösungen für Big Data und Analytics oder entwickeln eigene In-Memory-Technologien weiter. Aufgrund der hohen Dynamik im Markt empfehlen wir daher, Investitionen in In-Memory-Computing mit Amortisationszeiten, die drei bis vier Jahre überschreiten, zu meiden. Ich würde angesichts dieser Dynamik ungern konkrete Produkte empfehlen, möchte allerdings darauf hinweisen, dass unter Kosten- und Reifegesichtspunkten auch im relationalen Datenbankbereich äußerst interessante Alternativen bestehen.

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