Zu Dirk Henkes Verantwortungsbereich zählen die internationale Expansion von Malt sowie der Ausbau der Marke in der DACH-Region.
ITD: Herr Henke, im Rahmen des gegenwärtigen Digitalisierungsschubs sind IT-Fachkräfte gefragter denn je, doch fehlen sie an allen Ecken und Enden. Eine aktuelle Bitkom-Studie beziffert die Zahl von unbesetzten IT-Stellen inzwischen auf 96.000. Worin sehen Sie den Fachkräftemangel begründet?
Dirk Henke: Der Fachkräftemangel begründet sich auf mehreren Faktoren. Zum einen wächst der Technologiesektor seit Jahren so stark, dass wir mit der Ausbildung von Fachkräften einfach nicht hinterherkommen. Gleichzeitig herrscht zwischen alteingesessenen Großunternehmen, die ihre Digitalisierungsinitiativen hochfahren, und innovativen Start-ups ein Konkurrenzkampf um Talente. Außerdem hat seit der Pandemie und den hybriden Arbeitsmodellen ein Umdenken stattgefunden: Immer mehr Arbeitnehmer suchen nach mehr Flexibilität und Autonomie im Arbeitsleben und wagen den Schritt in die Selbstständigkeit. Wir verzeichneten auf unserem Marktplatz für unabhängige Talente alleine im vergangenen Jahr einen Anstieg der Neuanmeldungen um 67 Prozent. Insgesamt vernetzen wir mittlerweile 50.000 Unternehmen aller Größen mit über 390.000 Solo-Selbstständigen – Tendenz steigend.
ITD: Welche Unternehmen bzw. Branchen haben derzeit den größten Bedarf an IT-Fachkräften, gehen bei der Suche nach IT-Personal aber zunehmend leer aus?
Henke: Ich würde es nicht an Branchen festmachen, sondern am Unternehmen selbst. Attraktive Gehaltspakete zahlen, reicht längst nicht mehr aus. IT-Fachkräfte wollen flexibel nach ihren eigenen Wertevorstellungen arbeiten. Wer dagegen beispielsweise dreimal die Woche die Mitarbeiter ins Büro ordert, der verliert einen Großteil an Interessenten – alleine deshalb, weil nur die wenigsten im aktuellen Arbeitsumfeld das Bedürfnis sehen, für eine neue Arbeitsstelle den Wohnort zu wechseln. Da gibt es genug Alternativen, die genau das nicht fordern – bei gleichem oder besserem Gehalt und Benefits.
ITD: Was müssen Großunternehmen heutzutage an ihren Recruiting-Prozessen optimieren und grundsätzlich bieten, um für IT-Fachkräfte interessant zu sein?
Henke: Der Recruiting-Prozess darf nicht mehr nur den alten Strukturen folgen. Teure Stellenausschreibungen auf Jobportalen schalten, dutzende Bewerbungen sichten, mehrphasige Auswahlverfahren durchführen – das ist zu ineffizient und nicht mehr zeitgemäß. Außerdem muss der starre Fokus von HR-Abteilungen auf das Konzept der Festanstellung hinterfragt werden. Schlussendlich kommt es darauf an, die Talente zu finden, die am besten passen – und das können genauso gut Freelancer sein. Unabhängige Talente können über digitale Tools identifiziert und schnell in den Arbeitsalltag integriert werden. Quasi über Nacht erhalten Unternehmen so die Expertise, um digitale Projekte voranzutreiben und erfolgreich abzuschließen.
ITD: Welche Rolle spielen dabei ein hohes Gehalt und flexible Arbeitsmodelle wie etwa eine Mischung aus Homeoffice- und Büroarbeit?
Henke: Das Gehalt ist zwar nach wie vor ein wichtiger Faktor für die Auswahl des Arbeitgebers, spielt allerdings nicht mehr die übergeordnete Rolle wie vor zehn oder 20 Jahren. Das zeigt eine Studie, die wir gemeinsam mit BCG dieses Jahr durchgeführt haben: Die Hauptbeweggründe für Freelancer in Deutschland sind Unabhängigkeit (91 Prozent), flexible Arbeitszeiten (85 Prozent) und die freie Wahl des Arbeitsortes (73 Prozent). Der Wunsch nach höherem Einkommen scheint mit 62 Prozent an Bedeutung einzubüßen. Andere Studien belegen, dass sich dieses Narrativ auf die gesamte Arbeitswelt übertragen lässt. Egal ob auf der Suche nach Festangestellten oder Freelancern – ein mindestens hybrides Arbeitsmodell gepaart mit einem marktüblichen Gehalt sind Grundvoraussetzungen, um auf dem derzeitigen Arbeitsmarkt konkurrenzfähig zu sein.
ITD: Was ist für Arbeitssuchende im IT-Bereich derzeit interessanter: ein langjähriges Arbeitsverhältnis oder flexible Beschäftigungsmodelle?
Henke: Für alle, die auf der Suche nach mehr Flexibilität und Abwechslung sind, könnte die Situation kaum besser sein als jetzt. Der Fachkräftemangel zwingt Unternehmen förmlich, Freelancer in Teams zu integrieren – die sich entsprechend großer Nachfrage erfreuen. Wenn man feststellt, dass die Solo-Selbstständigkeit doch nichts für einen ist, findet man im Handumdrehen wieder eine attraktive Festanstellung. IT-Fachkräfte haben also nichts zu verlieren.
ITD: Inwieweit hat sich das Freelancing-Konzept in der IT-Branche bereits etabliert? Inwieweit greifen Großunternehmen in Sachen „IT-Expertise“ auf Solo-Selbstständige zurück?
Henke: Die IT-Branche ist der Industriezweig, der am längsten und besten mit dem Konzept „Freelancing“ vertraut ist; auch, weil wir dort den Fachkräftemangel nicht erst seit der Pandemie beobachten. Die seit jeher projektbasierte Arbeit in der IT macht den Einsatz von Freelancern besonders interessant. Durch die Anwendung agiler Methoden, wie gut definierte Backlogs, Sprints usw., kann die Integration von Freelancern in Teams ganz natürlich erfolgen. Wie stark die Nachfrage steigt, zeigen unsere Marktplatzdaten: Die Anzahl der gestarteten Suchanfragen nach Tech-Profilen in Deutschland ist von 2020 auf 2021 um 15 Prozent gestiegen. Im gleichen Zeitraum ist die Anzahl an neuen Profilen von Freelancern aus der Tech-Branche um 30 Prozent in die Höhe geschnellt.
ITD: Worin sehen Sie die Vor- und Nachteile einer Mehrfachbeschäftigung in der heutigen Zeit?
Henke: Eine Mehrfachbeschäftigung als Freelancer mündet in einem großen und wertvollen Erfahrungsschatz sowie einem breiten Netzwerk, das sich im Laufe der Karriere bezahlt macht. Außerdem überwiegt in der Projektarbeit die freie Zeiteinteilung: Als Freelancer bekomme ich eine Aufgabe und eine Deadline. An welchen Tagen, zu welchen Uhrzeiten und von welchem Arbeitsort ich diese erfülle, entscheide ich alleine. Da man in der Regel an verschiedenen Projekten gleichzeitig arbeitet, sollte man zwischen Themengebieten hin- und herspringen können, ohne den Überblick zu verlieren.
ITD: Xing, Stepstone, Indeed, Jobmesse, Social Media: Über welche Kommunikationskanäle finden Unternehmen und zukünftige IT-Fachkräfte am besten zueinander und warum?
Henke: Jobportale, Messen und Social Media sind nach wie vor valide Kanäle, um Mitarbeiter zu akquirieren und Präsenz zu zeigen. Um die steigende Nachfrage nach Freelancern zu befriedigen, gewinnen zudem entsprechende Marktplätze an Bedeutung. Dort können unabhängige Consultants Profile erstellen und Unternehmen nach den gewünschten Faktoren wie Expertise und Verfügbarkeit suchen. Intelligente Algorithmen vernetzen Unternehmen dann mit den passenden Profilen, innerhalb weniger Tage erhalten sie die benötigte Unterstützung. Die Marktplätze koordinieren zudem die Bezahlung, sodass der Prozess für Freelancer und Unternehmen transparent und sicher ist.
ITD: Welche Fehler gilt es bei der Fachkräftesuche bzw. dem IT-Recruiting zu vermeiden?
Henke: Wer starr den alten Mustern folgt, ignoriert die neuen Bedürfnisse der Arbeitnehmer und Freelancer. Eine diverse Unternehmenskultur einzuführen, die das Zusammenspiel zwischen Solo-Selbstständigen und Angestellten unterstützt, ist ebenso wichtig wie das Angebot flexibler Arbeitsmodelle.
ITD: Was müssen Unternehmen anno 2022 insbesondere noch tun, um ein „great place to work“ zu werden? Welche Trends in Sachen „Zukunft der Arbeit“ sollten sie auf jeden Fall im Blick haben?
Henke: Unternehmen müssen sich den individuellen Bedürfnissen der Fachkräfte anpassen. Ein einladende, inklusive Arbeitskultur, die das Miteinander unterstützt, sowie Verantwortung und Weiterentwicklung jedes Einzelnen fördert, ist ein weiterer Eckpfeiler der neuen Arbeitswelt. Zudem wird durch eine Blended Workforce ganz nativ lebenslanges Lernen in das Unternehmen integriert – denn unabhängige Talente teilen Inspirationen und bewährte Tools aus ihren bisherigen Stationen mit dem festangestellten Team. Das ist hochattraktiv für alle Talente, die sich dauerhaft weiterentwickeln wollen.
Bildquelle: Malt