Alexander Goller: „Die meisten Risiken entstehen durch unzureichende Cyberhygiene, schlechten Prozessen und menschliches Versagen.“
ITD: Herr Goller, wie hoch schätzen Sie die aktuelle Cyberbedrohungslage in Deutschland anno 2023 ein?
Goller: Die Cyberbedrohung ist in Deutschland nach wie vor hoch und hat sich nach Angaben des BSI im vergangenen Jahr sogar noch verschärft. Grund dafür ist eine Kombination aus dem Krieg zwischen Russland und der Ukraine, der Zunahme von Ransomware-Angriffen und einem mangelnden proaktiven Vorgehen von Organisationen bei der Stärkung ihrer Cyberresilienz.
ITD: Was sind die Gründe dafür, dass die Zahl erfolgreicher Hackerangriffe auf Unternehmen, Organisationen und Privatleute in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen ist?
Goller: Die Angriffe nehmen zu, weil es für Angreifer immer noch zu einfach ist, ihre Ziele zu erreichen. Angreifer werden immer dem Geld und dem Weg des geringsten Widerstands folgen, und das Problem ist, dass viele Unternehmen die Grundlagen immer noch nicht richtig beherrschen. Die Angreifer wissen, dass sie mehr Geld verdienen können, wenn sie den Betrieb von Unternehmen stören und sie damit erpressen können. Der Schaden entsteht nicht an der Schwachstelle selbst, über die die Angreifer eindringen. Der Schaden entsteht durch die Tatsache, dass sich Angreifer unbemerkt in der IT der Organisation bewegen, Betriebsausfälle herbeiführen sowie Daten stehlen können. Doch viele Unternehmen ergreifen noch immer keine Maßnahmen, um diese lateralen Bewegungen zu stoppen.
ITD: Welche Folgen kann ein geglückter Hackerangriff auf das IT-System eines Unternehmens oder einer Behörde im Ernstfall haben?
Goller: Das schlimmste Resultat eines Hackerangriffs ist der völlige Stillstand des Betriebs, und genau aus diesem Grund nehmen Ransomware-Angriffe zu. Downtime und andere Unterbrechungen kosten Geld, und wenn eine Organisation nicht arbeiten kann, ist sie eher bereit, Lösegeld zu bezahlen, um den Betrieb schnell wieder aufnehmen zu können. Das gilt insbesondere für kritische Infrastrukturen, denn dort stellen Ausfallzeiten ein erhebliches Risiko für Wirtschaft und Gesellschaft dar. IT ist heute die Grundlage für alle modernen Unternehmen. Deshalb ist Cyberresilienz so wichtig – es geht nicht mehr darum, Angriffe zu verhindern, sondern sie zu überleben und den Betrieb selbst während eines Angriffes aufrechtzuerhalten.
ITD: Was sollten Unternehmen tun, sobald sie einen Angriff auf ihre IT bemerken?
Goller: Ein Teil des Problems besteht darin, dass sich viele Organisationen nur darauf konzentrieren, was sie nach einem Angriff tun sollten. Unternehmen müssen aber bereits vor einem Angriff proaktiv Maßnahmen ergreifen, mit denen sie dann im Fall der Fälle den Angriff eindämmen können. Sobald Cyberangreifer erfolgreich in die IT einer Organisation eingedrungen sind, gilt es, die Bedrohung schnell zu isolieren und die Sicherheitsverletzung einzudämmen. Das ist jedoch nur dann möglich, wenn im Vorfeld die richtigen Maßnahmen zur Segmentierung ergriffen wurden. Dann gilt es, die Betroffenen zu informieren, den Schaden zu bewerten und Wiederherstellungsmaßnahmen einzuleiten, aber auch hierfür müssen im Voraus Pläne erstellt werden, um die Auswirkungen zu minimieren und die Wiederherstellung zu beschleunigen.
ITD: Wer ist in puncto „Cybersicherheit“ in Deutschland zurzeit mehr gefährdet – Konzerne oder Mittelständler?
Goller: Jeder ist dem Risiko von Cyberangriffen ausgesetzt. Kein Unternehmen sollte davon ausgehen, dass es immun ist, denn selbst das kleinste Unternehmen kann als Sprungbrett für größere, lukrativere Organisationen benutzt werden. Dennoch glauben die meisten Unternehmen in Deutschland nicht, dass sie angegriffen werden. Der Zero Trust Impact Report von Illumio hat ergeben, dass 61 Prozent der deutschen IT-Entscheidungsträger nicht davon ausgehen, dass sie angegriffen werden. Und nur 21 Prozent glauben, dass ihre Organisation auf einen Angriff vorbereitet ist. Damit liegt Deutschland deutlich hinter dem Vereinigten Königreich und den USA.
ITD: Wo liegen häufig die Schwachstellen, die Unternehmen für Cyberattacken besonders verwundbar machen?
Goller: Die meisten Schwachstellen sind bei den Endpunkten zu finden. Haben Angreifer einen Endpunkt infiltriert, bewegen sie von dort aus durch das Netzwerk zu ihren Zielen. Schwache Policies für Identity und Access sowie eine unzureichende Netzwerksegmentierung erleichtern es Angreifern oftmals, sich durch das Unternehmensnetzwerk zu bewegen. Weitere häufige Schwachstellen sind: Die Nichtbeachtung bewährter Praktiken, kein „Assume Breach“ Mindset, unregelmäßiges Patchen von Systemen und keine Überwachung der Protokolle von Zugangs-, Identitäts- oder Richtlinienverletzungen.
ITD: Wo haben Sie im Bereich „Kritische Infrastruktur“ (KRITIS) die größten Sorgen hinsichtlich der möglichen Folgen durch schwere Angriffe?
Goller: Die große Sorge bei einem Angriff auf eine Kritis-Organisation sind die möglichen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Ob es sich nun um Stromausfälle, Lebensmittelknappheit oder eine Unterbrechung der Wasserversorgung handelt, die Auswirkungen können enorm sein. Es wird erwartet, dass das Inkrafttreten von NIS2 und dem Cyber Resilience Act zu einer Überarbeitung der Kritis Verordnungen führen wird und diese sich stärker auf die in kritischen Infrastrukturen verwendeten Komponenten konzentrieren, um größere Probleme zu vermeiden.
ITD: Welche Maßnahmen sind am sinnvollsten, um für einen effektiven Schutz vor Cyberbedrohungen zu sorgen?
Goller: Die meisten Risiken entstehen durch unzureichende Cyberhygiene, schlechten Prozessen und menschliches Versagen. Daher sollten Unternehmen vor allem grundlegende Best Practices der Cybersicherheit nicht vernachlässigen. Abgesehen davon sollten alle Unternehmen auf eine Zero-Trust-Architektur hinarbeiten, um ihre Cyberresilienz zu erhöhen. Diese besteht in der Regel aus drei Schlüsseltechnologien: Zero Trust Network Access (ZTNA), Zero Trust Data Security (ZTDS) und Zero-Trust-Segmentierung (ZTS).
ITD: Was wünschen Sie sich von der Politik, um das Schutzniveau des Wirtschaftsstandorts Deutschland vor Cyberkriminalität noch weiter zu verbessern?
Goller: Die politischen Entscheidungsträger müssen mehr tun, um das Bewusstsein für Cyberbedrohungen zu schärfen und mehr Programme zur Aufklärung über Best Practices schaffen. Wir brauchen auch mehr Informationsaustausch zwischen deutschen Unternehmen, aber das wird nur geschehen, wenn wir uns mit der Offenlegung von Sicherheitsverletzungen anfreunden können und die Akzeptanz für Sicherheitsverletzungen und deren Offenlegung steigt. Ebenfalls brauchen wir mehr Maßnahmen und Initiativen auf nationaler Ebene, um die Resilienz zu erhöhen, ähnlich wie in den USA, wo State-of-the-Art Referenzarchitekturen wie das NIST Zero Trust Framework oder die Biden Executive Order große Beachtung finden.
Bildquelle: Illumio