„Der Weg zu mehr Nachhaltigkeit hat gesamtgesellschaftlich bereits begonnen“, weiß Claudia Frese von Strato.
ITD: Frau Frese, Klimaschutz, die Reduzierung des CO2-Ausstoßes und die nachhaltige Ausrichtung der Lieferkette sind auch in der IT-Branche immer wichtiger. Wie können Unternehmen ihren eigenen CO2-Fußabdruck messen?
Claudia Frese: Mit dem Greenhouse Gas Protocol gibt es einen international anerkannten Standard, der den CO2-Fußabdruck eines Unternehmens berechnet. Dieser berücksichtigt einerseits die direkten Emissionen: den Stromverbrauch, Heizbedarf oder den Kraftstoffverbrauch durch das Firmenfahrzeug. Andererseits fließen auch die indirekten Emissionen wie eingekaufte Waren und Dienstleistungen sowie die vorgelagerten Emissionen der Verbrauchseinheiten bei den Lieferanten mit ein. Idealerweise sollte die Berechnung regelmäßig stattfinden und mit Reduktionsmaßnahmen kombiniert werden, um Fortschritte zu erreichen und auch sichtbar zu machen.
ITD: Was sind erste Maßnahmen, um das Thema „Nachhaltigkeit“ im Unternehmen anzugehen, damit die Digitalisierung nicht zum Brandbeschleuniger für den Klimawandel wird?
Frese: Der erste Schritt einer Nachhaltigkeitsstrategie ist immer eine vollständige Bestandsaufnahme. Darauf basierend lässt sich der Weg zur Klimaneutralität planen. Kurzfristig können Unternehmen dafür Kompensationsprojekte unterstützen. Wir fördern z.B. die Renaturierung des Königsmoors in Schleswig-Holstein sowie den Aufbau von Windkraftanlagen in Neukaledonien. Langfristig helfen etwa Maßnahmen wie der Bezug von Ökostrom und der Einsatz effizienter IT-Hardware dabei, den CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Wir haben uns mit solchen Maßnahmen vorgenommen, unseren Verbrauch um mindestens zwölf Prozent in den nächsten drei Jahren zu reduzieren. Die Digitalisierung ist allgemein zwar mit einem steigenden Strom- und Ressourcenverbrauch verbunden. Wir sehen sie allerdings auch als Chance, Emissionen zu reduzieren: etwa weil neue Kollaborationslösungen viele Dienstreisen überflüssig machen oder weil intelligente Stromnetze die Energieversorgung optimieren. Digitalisierung ist nicht nur auf der Verbrauchsseite zu betrachten, sondern wird den Umwelt- und Klimaschutz entscheidend voranbringen, wenn ihr Potenzial richtig genutzt wird.
ITD: Was sind hierbei die größten Herausforderungen und Stolpersteine?
Frese: Um eine umfassende CO2-Bilanz zu erstellen, müssen viele Faktoren berücksichtigt werden. Wer sich nur auf sein Kerngeschäft konzentriert, erhält keinen ehrlichen Einblick und verpasst möglicherweise potenzielle Optionen zur Einsparung von Emissionen. Je gründlicher die Erhebung ist, desto klarer ist der Weg zu nicht nur mehr Emissions-, sondern möglicherweise auch zu Kosteneinsparungen.
ITD: Welche Rolle spielt das Thema „Homeoffice“ im Rahmen der Nachhaltigkeitsmaßnahmen?
Frese: Das Homeoffice ist ein schönes Beispiel dafür, wie digitale Lösungen zu mehr Flexibilität und zugleich zu mehr Nachhaltigkeit beitragen können: Unnötige Arbeitswege und Dienstreisen werden reduziert und damit auch Emissionen eingespart. Mit dem Trend zum Homeoffice werden aber auch die Herausforderungen bei der Erstellung einer CO2-Bilanz weiterwachsen, denn die Mitarbeiter verbrauchen weiterhin Strom und Wasser – nur eben für das Unternehmen weniger gut messbar zu Hause. Das macht die Berechnung des unternehmensweiten CO2-Ausstoßes komplexer.
ITD: Welchen Einfluss hat der Umgang eines Unternehmens mit dem Thema „Nachhaltigkeit“ letztlich auf Kunden, Partner und den Rest der Gesellschaft?
Frese: Gegenüber der Gesellschaft zeigen Unternehmen mit Nachhaltigkeitsengagement, dass sie Verantwortung übernehmen und damit eine wichtige Vorbildrolle einnehmen. Nachhaltigkeitsbemühungen sind aber auch zunehmend ein Anreiz für Kunden. Besonders bei jungen Menschen ist das Thema sehr präsent und kann taktvoll in das Marketing integriert und für die Kundenbindung eingesetzt werden. Für Partner wird in Zukunft der Umstand wichtiger, dass die eigenen Emissionen gegebenenfalls gleichzeitig die indirekten Emissionen des Partners sein können. Richtig aufeinander abgestimmt, profitieren nachhaltige Partner voneinander.
ITD: Was raten Sie Unternehmen 2022, die sich bislang noch keine Gedanken über Nachhaltigkeitsstrategien gemacht haben?
Frese: Der Weg zu mehr Nachhaltigkeit hat gesamtgesellschaftlich bereits begonnen. Unternehmen sollten sich damit auseinandersetzen und Verantwortung übernehmen – es ist Zeit zu handeln! Gleichzeitig ist das Thema nicht so komplex, wie viele befürchten. Kein Unternehmen muss von heute auf morgen klimaneutral werden, aber kleine Schritte machen bereits einen Unterschied.
Bildquelle: Strato