Big Data

„Jeder sollte ein Gefühl für Daten entwickeln“

Im Interview erläutert Prof. Dr. Volker Gruhn, Aufsichtsratsvorsitzender bei Adesso, was sich hinter den Konzepten „Boundless Data“ und „Data Mesh“ verbirgt und welche Branchen am meisten davon profitieren.

Dr. Volkher Gruhn

Volker Gruhn ist Inhaber des Lehrstuhls für Software Engineering an der Universität Duisburg-Essen. Daneben engagiert er sich in weiteren Gremien, etwa im Wirtschaftsrat des Sportvereins Borussia Dortmund und als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Staige GmbH.

ITD: Herr Prof. Dr. Gruhn, was verbirgt sich hinter dem Begriff „Boundless Data“?
Gruhn:
In der traditionellen Unternehmens-IT-Architektur sind Informationssysteme primär als Rückgrat der Geschäftsprozesse konzipiert. Ob eine Bestellung oder eine Fehlermeldung: Ereignisse lösen eine Reihe definierter Aktivitäten aus. Die Daten spielen in der Prozessdomäne eine eindeutige Rolle, ihre Abhängigkeiten voneinander sind transparent. Am Anfang der Idee von Boundless Data stand für uns die Erkenntnis, dass dieser Ansatz immer häufiger an seine Grenzen stößt. Denn Daten halten sich heute immer weniger an die definierten Geschäftsprozesse. Stattdessen werden sie „grenzenlos“: grenzenlos nutzbar im gesamten Unternehmen – in Anwendungsfällen, die sich ständig weiterentwickeln, in Bereichen, die ohne die Datenbasis gar nicht existieren würden. Treiber dieser Entwicklung ist die zunehmende Digitalisierung der Unternehmen. Ein Blick auf die Datenlage rund um Kunden verdeutlicht die Entwicklung. Daten entstehen bei Vertriebskontakten, beim Monitoring von Webseitenaktivitäten, bei der Nutzung mobiler Anwendungen oder bei Anrufen im Kundenservice. Aus solchen Ereignissen, kombiniert mit externen Daten wie Marktanalysen, lässt sich ein detailliertes Kundenprofil erstellen. All dies können Unternehmen für zahlreiche Zwecke nutzen: für die Entwicklung personalisierter Produkte und Dienstleistungen, für die individuelle Kundenansprache oder für Cross-Selling-Aktivitäten. Diese Aufzählung ist nicht vollständig. Neue Einsatzmöglichkeiten können sich jederzeit ergeben. Der entscheidende Punkt ist: Daten werden an einer Stelle erhoben – ausgewertet und mit Wert aufgeladen werden sie potenziell an vielen anderen Stellen. Mögliche Zusammenhänge und Potenziale sind also bei der ersten Erhebung noch unbekannt. Hinter diesem einfachen Zusammenhang verbirgt sich ein fundamentaler Wandel: Statt mit klassischen Informationssystemen haben es Unternehmen heute mit datengetriebenen Systemen zu tun. Die Architekturen dieser Systeme sind nicht mehr ereignisgetrieben. Im Zentrum stehen die bereits erwähnten grenzenlosen Daten, deren Auswertung dezentral erfolgt. Entscheider müssen das klassische Denken von Daten in Prozessen überwinden.

ITD: Wie können die Verantwortlichen ihre Mitarbeiter auf diesen Wandel vorbereiten?
Gruhn:
Wie so oft geht es bei vermeintlichen IT-Themen nicht um neue Technologien oder Anwendungen, sondern darum, die Menschen mitzunehmen. Sie müssen von den Vorteilen überzeugt werden, sie müssen den Wandel akzeptieren und mittragen. Die Voraussetzung dafür ist, dass sie die Zusammenhänge verstehen. Das ist bei Boundless Data nicht anders. Es gilt, die fachlichen Voraussetzungen zu schaffen. Nicht alle im Unternehmen müssen versierte Data Analysts werden. Aber jeder sollte ein Gefühl für Daten entwickeln: Welche Bedeutung haben sie? Welches Potenzial kann in ihnen stecken? Nur so kann es gelingen, auch über den eigenen Aufgabenbereich hinaus Zusammenhänge zu erkennen und Chancen zu entdecken. Unternehmen sollten in Schulungen rund um die Themen „Datenanalyse“ und „Datenmanagement“ investieren.

ITD: Welche Auswirkungen hat die Idee von Boundless Data auf etablierte Prozesse und Strukturen in Unternehmen?
Gruhn:
Mit „Das haben wir schon immer so gemacht“ können Unternehmen das Potenzial von Daten nicht ausschöpfen. Boundless Data erfordert auch ein Anpassen der Organisation. Wer, wie bereits erwähnt, das klassische Denken von Daten in Prozessen überwinden will, muss Teile seiner Organisation rund um die optimale Nutzung von Daten aufbauen. Ein Beispiel ist das Überwinden der Grenzen zwischen IT und Fachbereich. Wo die IT aufhört und der Fachbereich anfängt, ist angesichts der Omnipräsenz von Daten und ihrer überragenden Bedeutung für den Unternehmenserfolg immer schwerer zu sagen. Vielerorts werden die Grenzen zwischen den Abteilungen ganz verschwinden.

ITD: Wie können Unternehmen sicherstellen, dass die dezentrale Nutzung von Daten nicht zu einer „Informationsanarchie“ führt?
Gruhn:
Ich glaube, dass ein wenig Informationsanarchie dem Thema „Boundless Data“ guttut. Das Konzept basiert auf der Erkenntnis, dass die Erhebung von Daten und ihre Nutzung voneinander entkoppelt sind. Aus Daten über Kundenbeschwerden entsteht ein halbes Jahr später die Idee für ein neues Produkt-Feature. Das lässt sich nicht im Detail planen. Und wenn statt von „Informationsanarchie“ von „Experimentierfreude“ die Rede ist, klingt das schon besser. Dennoch braucht es klare Governance-Strukturen. Es muss transparent sein, wer auf welche Daten Zugriff hat und wie sie genutzt werden. Darüber hinaus sind Systeme erforderlich, die die Qualität und Sicherheit der Daten gewährleisten. Für die Bereitstellung, Nutzung und Aktualisierung, die Vorverdichtung von Daten zu Informationen, ihre Qualifizierung und das Monitoring etabliert sich derzeit das Konzept des Data Mesh. Es bricht mit dem traditionellen, monolithischen Ansatz der Datenhaltung und ermöglicht eine agile, domänenorientierte Nutzung und Weiterentwicklung von Datenressourcen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 10/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

ITD: Wie wird sich das Konzept „Boundless Data“ in den nächsten fünf Jahren entwickeln?
Gruhn:
Ich gehe davon aus, dass das Thema „Bedeutung von Daten“ in den Unternehmen ganz oben auf der Agenda stehen wird. Ob es dann Boundless Data heißt, sei dahingestellt. Nicht zuletzt befeuert die Welle rund um die generative Künstliche Intelligenz diese Entwicklung. Immer mehr Verantwortliche werden erkennen, dass sie den Daten ihre volle Aufmerksamkeit widmen müssen. Projekt für Projekt wird sich das Verständnis, was mit Daten möglich ist, im Unternehmen verbreiten. Das größte Potenzial sehe ich vor allem in Branchen, deren Denken nicht schon von Natur aus um Daten kreist, etwa im Maschinenbau, in der Automobil- oder in der Textilindustrie.

Bildquelle: Adesso

©2026Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok