„Nachhaltigkeit ist eine Teamleistung, sowohl innerhalb als auch zwischen Unternehmen“, betont Nils Giesen von Abat.
ITD: Herr Giesen, der Earth Day gibt jährlich ein Leitmotiv für vielfältige Aktionen rund um das breite Spektrum des Umwelt- und Klimaschutz vor. Wie wird dieser Tag in Deutschland wahrgenommen? Ist er allgemein bekannt?
Nils Giesen: Durch die mediale Berichterstattung rund um Nachhaltigkeitsthemen bekommt der Earth Day heute wesentlich mehr Aufmerksamkeit als noch vor einigen Jahren.
ITD: Inwieweit haben Deutschlands Unternehmen den Earth Day auf dem Schirm und planen entsprechende Aktionen?
Giesen: Nachhaltigkeit hat heute zum Teil auch geschäftliche Auswirkungen. Sie hat sich zu einer weltweiten Bewegung entwickelt. Entsprechend hoch ist das Interesse von Unternehmen, sich am Earth Day zu zeigen und für mehr Umwelt- und Klimaschutz einzutreten. Ähnliches gibt es ja auch mit Initiativen wie dem World Overshoot Day oder dem World Cleanup Day.
ITD: Inwieweit hat sich Ihr eigenes Unternehmen mit dem Earth Day in diesem Jahr befasst?
Giesen: Tatsächlich ist für uns in gewisser Form jeder Tag ein Earth Day. Wir haben Nachhaltigkeit in alltägliche Aktivitäten eingebaut und planen sie strategisch. Die mediale Aufmerksamkeit ist zweifelsohne hilfreich, um die notwendigen Maßnahmen für mehr Umwelt- und Klimaschutz zu ergreifen.
ITD: Grundsätzlich gewinnen Klimaschutz, die Reduzierung des CO2-Ausstoßes und die nachhaltige Ausrichtung der Lieferkette auch in der IT-Branche immer mehr an Bedeutung. Mit welchen Tools und Lösungen können Unternehmen ihren eigenen CO2-Fußabdruck messen?
Giesen: Dazu sind vier Aspekte wichtig: der Willen, etwas zu ändern, das Wissen über den Status quo, Maßnahmen, um eine Verbesserung zu erreichen, und Mittel, um diese auch zu aktivieren. Für den Willen und die Mittel können Tools und Lösungen nur bedingt etwas beisteuern, aber das Wissen und die Steuerung sowie die Umsetzung von Maßnahmen lassen sich natürlich sehr gut mit digitalen Tools unterstützen. Dazu bieten wir beispielsweise Lösungen wie unsere digitale Plattform ID-Report. Sie unterstützt bei der Erhebung und Berechnung von Corporate oder Product Carbon Footprints sowie der Erfassung und Nachverfolgung von Sorgfaltspflichten in der Lieferkette.
ITD: Was sind erste Maßnahmen, um das Thema „Nachhaltigkeit“ im Unternehmen anzugehen, damit die Digitalisierung nicht zum Brandbeschleuniger für den Klimawandel wird?
Giesen: Es darf nicht rein der „Digitalisierung“ wegen digitalisiert werden. Bleiben soziale und ökologische Aspekte in der Entscheidungsfindung auf der Strecke, ist eine Digitalisierung nicht nachhaltig. Ein strukturiertes Vorgehen und professionelle Unterstützung sind natürlich eine große Hilfe. Es geht darum, die wesentlichen Aspekte der unternehmerischen Nachhaltigkeit zu identifizieren.
ITD: Was sind hierbei die größten Herausforderungen und Stolpersteine?
Giesen: Den Startpunkt zu finden: Nachhaltigkeit kann sehr umfangreich sein. Wenn wir die Sustainable Development Goals betrachten – 17 Ziele mit 169 Unterzielen – oder die große Menge möglicher Kennzahlen des GRI-Standards, ist eine initiale Orientierung zwingend notwendig. Nachhaltigkeit ist kein Sprint, sondern ein Marathon, man sollte ruhig besonnen und organisiert anfangen.
ITD: Nachhaltigkeit bezieht sich jedoch nicht nur auf ökologische Aspekte, sondern auch auf den Umgang mit Mitarbeitern. Wie können Unternehmen ihre Belegschaft bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsinitiativen „mitnehmen“ und ihre Visionen auf sie übertragen bzw. das Team nachhaltig ins Unternehmen einbinden?
Giesen: Es gibt spannende organisatorische Modelle wie lokale/regionale Nachhaltigkeitsbotschafter oder „Sustainability Champions“. Eine Einbindung der Interessen und Vorstellungen von Mitarbeitern hilft auch bei der Umsetzung und Kommunikation von Nachhaltigkeitszielen und deren Maßnahmen.
ITD: Welche Rolle spielt das Thema „Homeoffice“ im Rahmen der Nachhaltigkeitsmaßnahmen?
Giesen: Aktuelle Studien wie die des Borderstep Instituts zeigen, dass sich mit einer vermehrten Umsetzung von mobilen Arbeitsplätzen oder dem Homeoffice deutliche energetische Einsparungen im Bereich des Commuting und im Zusammenhang mit Büroflächen möglich sind. Zudem gibt es deutliche soziale Vorteile für Mitarbeiter, wenn sie weniger pendeln müssen. Wichtig ist allerdings auch, ein gemeinsames Arbeiten und einen Raum zu bieten für Mitarbeiter, die kein Homeoffice wahrnehmen können oder wollen.
ITD: Welchen Einfluss hat der Umgang eines Unternehmens mit dem Thema „Nachhaltigkeit“ letztlich auf Kunden, Partner und den Rest der Gesellschaft?
Giesen: Nachhaltigkeit ist eine Teamleistung, sowohl innerhalb als auch zwischen Unternehmen. Gerade im Bereich der Lieferkette, der Berechnung von CO2-Fußabdrücken von Produkten, geht es nur gemeinsam und miteinander. Zudem ist Nachhaltigkeit einer der wichtigen Aspekte in der Auswahl möglicher Arbeitgeber für zukünftige Talente.
ITD: Was raten Sie Unternehmen anno 2022, die sich bislang noch keine Gedanken über Nachhaltigkeitsstrategien gemacht haben?
Giesen: Es ist noch nicht zu spät. Natürlich gibt es sehr viele Beispiele für Unternehmen, die sich erfolgreich in die nachhaltige Transformation begeben haben. Aber genau daran könnte man sich orientieren, wenn man sich bislang noch keine Gedanken über eine Strategie für mehr Nachhaltigkeit gemacht hat. Auch durch Coachings oder komprimierte Beratungs-Workshops können sich Unternehmen Orientierung holen.
Bildquelle: Abat