Interview mit Bernd Hanstein, Rittal

Kein teurer Maßanzug

Interview mit Bernd Hanstein, Hauptabteilungsleiter Produktmanagement IT bei Rittal in Herborn, über Standardisierungspotentiale im Rechenzentrum, angefangen vom Doppelboden bis hin zur Infrastruktursteuerung

Bernd Hanstein, Rittal

Bernd Hanstein, Rittal

IT-DIRECTOR: Herr Hanstein, bis heute sind Rechenzentren gleich welcher Größe individuelle Lösungen. Ist dies noch ein gangbarer Weg oder erkennen Sie einen anderen Trend?
B. Hanstein:
Für Rechenzentren war lange Zeit nur die Maßanfertigung denkbar, wobei die Planung individuell auf die Gegebenheiten des Kunden einging. Demnach war das entstehende Rechenzentrum ein Einzelstück – Einrichtung und Infrastruktur explizit auf den voraussichtlichen Aufgabenbereich zugeschnitten. Doch immer mehr wird klar, dass dieser Ansatz in Zukunft nicht haltbar ist. Die komplexen Konzepte bei Entwurf, Umsetzung und Betrieb passen nicht mehr zu den mittlerweile stark standardisierten Diensten, die von den Servern bereitgestellt werden. Seit einigen Jahren verändern sich die Anforderungen an die zentralen Computersysteme maßgeblich. In der modernen Web-2.0-Gesellschaft sind die Dienste eines Rechenzentrums längst nicht mehr so einzigartig wie noch vor einigen Jahren. Neben den individuell abgerufenen Applikationen und Services, die sich von Unternehmen zu Unternehmen entscheiden, gibt es einen überwiegenden und noch dazu wachsenden Anteil von „Einheitselementen“. Standarddienste auf Standardhardware werden über Standardinfrastruktur mit Strom und Klimatisierung versorgt. Längst ähneln sich viele Rechenzentren – zumindest in weiten Bereichen. Standardisierung ist ein Weg, um den aktuellen Ansprüchen gerecht zu werden. Doch nur wenn alle Faktoren in Betracht gezogen werden, bleiben Flexibilität und Effizienz erhalten.

IT-DIRECTOR: Welche Faktoren sind das?
B. Hanstein:
Ansatzpunkte gibt es in fast jedem Bereich, angefangen von den Böden in den Serverschränken bis hin zur übergreifenden Infrastruktursteuerung. Auf der untersten Ebene eines Rechenzentrums stehen normalerweise die 19“-Schränke, in denen Server und andere Hardware Platz finden. Legt sich ein Kunde auf ein Schrankmodell fest, wird die Aufgabe der Administratoren und der Instandhaltungsabteilung deutlich einfacher.

Ein weiterer Ansatzpunkt ist die Klimatisierung. Sie wird traditionell ohnehin über eine zentrale Kälteerzeugung bereitgestellt. Das vermeidet Effizienzverluste durch mehrere Einzelsysteme und erleichtert die Skalierung. Seit die Leistungsdichten pro Rack beständig wachsen, stellen Anwender von der früher üblichen Doppelbodenkühlung über Kaltluft auf eine Direktkühlung durch Wärmetauscher in den Schrankreihen um. Der Wärmetauscher rückt auf diese Weise immer näher an die Hitzequelle heran, was einen deutlich effizienteren Betrieb möglich macht. Einheitliche Schranksysteme sind eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, denn die Wärmetauscher sind entweder in die hinteren Schranktüren oder zwischen den Racks integriert.

IT-DIRECTOR: Bieten sich auch bei der Stromversorgung Standardisierungspotentiale?
B. Hanstein:
Ja, denn sie ist die zweite kritische Ressource im Rechenzentrum. Auch sie kann von der Standardisierung profitieren, vor allem im Hinblick auf die
Verfügbarkeit und Redundanz. Für die Ausfallsicherheit sorgen im Rechenzentrum unterbrechungsfreie Stromversorgungen (USV). Ein erster Schritt zur Standardisierung war es, im Rack verbaute kleine USV durch eine große, zentrale Anlage zu ersetzen. So wird der Wartungsaufwand drastisch reduziert, Ersatzteile müssen nur für ein System beschafft werden und es ist sichergestellt, dass alle Monitoringdaten vorliegen.

Zudem werden Höheneinheiten im Rack frei, die für Server genutzt werden können. Ein weiterer Vorteil der zentralen Bereitstellung ist, dass die Leistung der USV optimal dimensioniert werden kann.

IT-DIRECTOR: Big Data ist derzeit ein wichtiges Trendthema, mit dem sich besonders internationale Unternehmen auseinandersetzen müssen. Wie kann Standardisierung hier helfen, mit den Datenmengen richtig umzugehen?
B. Hanstein:
Google, Facebook und Amazon müssen jeden Tag Informationsmengen bewältigen, die die meisten Unternehmen in ihrem gesamten Bestehen nicht einmal annähernd verarbeiten. Sie planten ihre Rechenzentren erst vor – nach Internetmaßstäben – sehr kurzer Zeit. Hohe Skalierbarkeit, Flexibilität und maximale Kosten- sowie Energieeffizienz waren bereits fester Bestandteil des Designprozesses. Und so stehen deren Hallen voller standardisierter Servercontainer, die hochverfügbar und wirtschaftlich gigantische Rechen- und Speicherkapazitäten vorhalten.

IT-DIRECTOR: Zeigen also die Branchengrößen den Weg in die Zukunft der Rechenzentren auf?
B. Hanstein:
Sicherlich, dabei scheint Vereinheitlichung die Rechenzentren fit für die Zukunft zu machen. Standardisierung beginnt aber nicht erst bei den Branchenriesen, sondern ist auch für kleinere Unternehmen umsetzbar. Wir ermöglichen mit dem modularen, standardisierten Rechenzentrum RiMatrix S nun allen Firmen, von solchen Standardkonzepten zu profitieren. Die kleinste Variante ist ein komplettes Rechenzentrumsmodul mit sechs Servergestellen und einem Netzwerkgestell, USV, Klimatisierung und Monitoring. Es kann Hardware mit einer Verlustleistung von bis zu 60 kW beherbergen und skaliert bei Bedarf unbegrenzt nach oben.

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