Kommentar

Keine Chips im Auto

Im Januar 2021 lag die Produktion in der Automobilindustrie real- und saisonbereinigt knappe 15 Prozent unter dem Vorkrisenniveau – der Lockdown hatte seine Spuren hinterlassen und sich nicht zuletzt auch auf die Kauflaune der Verbraucher niedergeschlagen. Das, so zeigten sich die großen Autobauer optimistisch, sollte sich im Frühjahr ändern: Mit leeren Fabrikhallen, stillstehenden Bändern und Kurzarbeit sollte eigentlich nun Schluss sein. Eigentlich.

Autochip

Obwohl sich der Markt langsam wieder regeneriert, schlägt dafür nun ein Halbleitermangel umso heftiger zu.

Denn, wie sich jetzt zeigt, hat die Branche die Rechnung einmal mehr „ohne den Wirt gemacht“: Obwohl sich der Markt langsam wieder regeneriert, schlägt dafür nun ein Halbleitermangel umso heftiger zu und führt zu Produktionsstillständen in bislang kaum dagewesenem Ausmaß. Die Autoindustrie muss den Vorwurf gefallen lassen, sehenden Auges in die Krise gesteuert zu sein, ohne rechtzeitig Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Während der ersten Phase der Pandemie nämlich, als sich abzeichnete, dass Absatz und Produktion zurückgehen würden, stornierten die Konzerne ihre Bestellungen bei den Zulieferern – in dem Glauben, nach der Krise würden diese die zuvor nicht abgenommenen Produktionsgüter zügig nachliefern. An sich ein ökonomisch nachvollziehbarer Ansatz, hätte man nicht unterschätzt, dass sich Corona als echter Digitalisierungsturbo entpuppt und die Nachfrage nach digitaler Hardware explodieren lässt.

„Der Halbleitermarkt boomt, Elektronik zur Beschleunigung der Energiewende und für die Arbeit und das Leben Zuhause bleibt sehr gefragt. Der Digitalisierungsschub hält an“, sagt dazu Infineon-Chef Reinhard Ploss. So fanden die Chiphersteller denn auch rasch neue Abnehmer für ihre Erzeugnisse, mussten nicht auf die Genesung der Autoindustrie warten und zeigen dieser nun gar die kalte Schulter. Natürlich ist die aktuelle Schieflage ist nicht allein der Kurzsichtigkeit der Automotive-Branche gestundet. Die durch die US-Sanktionen gegen China ausgelösten Chiphamsterkäufe von Huawei sowie die von Peking geplanten neuen Exportkontrollen beim Handel mit Seltenen Erden entschärfen die Lage nicht eben.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 5/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Rasches, aber bedachtes Handeln, das auf einem tiefen Verständnis für die Volatilität globaler Lieferketten vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitalisierung und ihrer wachsenden Bedarfe basiert, ist nun gefragt. Die etwa von Intel oder Infineon geplanten Milliardeninvestitionen sollen zwar dazu dienen, in Zukunft Kapazitäten auszubauen. Doch bis sie greifen werden wohl Jahre vergehen. Jahre, in denen die Nachfrage nach Halbleiterprodukten weiter ansteigen wird. Die Schaffung dauerhafter und krisenunabhängiger Investitionsanreize für Digitalprodukte innerhalb der EU hätte vielmehr schon deutlich früher starten müssen.

So ist die aktuelle Chipkrise nur auf den ersten Blick ein wirtschaftliches Problem. Dahinter steht eher die geopolitische Frage, wie aus deutschen Autos, chinesischem Silizium und amerikanischen Chips langfristig ein nachhaltiges Produkt werden kann.

Bildquell: Getty Images / iStock / Getty Images Plus

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