„Daten spielen für die Effizienz und auch die Nachhaltigkeit in der Lieferkette eine entscheidende Rolle“, betont David Strauss.
ITD: Herr Strauss, wie war es in den vergangenen zwei, drei Jahren um die Transportlogistik der hiesigen Unternehmen bestellt – gerade im Hinblick auf die aktuellen Krisen (globale Pandemie, geopolitische Konflikte, Fachkräftemangel, Inflation ...)?
Strauss: Krisen sind zur Norm geworden, wie man so schön sagt. Unternehmen haben sich neu aufgestellt, um mit sich stetig ändernden Bedingungen und Herausforderungen umgehen zu können. In der Logistik unterscheiden wir zwischen einmaligen, vorübergehenden Ereignissen wie Lockdowns oder plötzlichen Nachfragespitzen auf der einen Seite sowie systematischen Aspekten wie dem Fachkräftemangel, steigenden Energiepreisen und Inflation auf der anderen. Gerade bei langfristigen Herausforderungen sind kleinere Unternehmen besonders anfällig und müssen sich neue Wege überlegen, diesen Herausforderungen zu trotzen.
ITD: Welche Branchen hatten es zuletzt besonders schwer, mussten mit stockenden oder gar stillstehenden Lieferketten kämpfen?
Strauss: Generell kann man behaupten, dass jede Branche zu kämpfen hat – sei es mit Problemen im Bereich „Cybersecurity“, Überbestand oder Fehlbeständen (wie etwa Sonnenblumenöl in Deutschland letztes Jahr). Besonders schwer hat es allerdings die Lebensmittel- und Getränkeindustrie getroffen, die stark unter der Energiekrise sowie dem Mangel an Rohstoffen zu leiden hat. Auch alle Branchen, die auf Halbleiter angewiesen sind, haben aktuell zu kämpfen – und zwar bis in den Consumer-Electronics-Bereich.
ITD: Was macht für Sie eine nachhaltige Lieferkette aus?
Strauss: Eine nachhaltige Lieferkette ist eine vernetzte und orchestrierte Lieferkette, bei der verstanden wurde, dass man in einem Netzwerk operiert. Je eher Unternehmen dies verstehen, desto eher können sie Prozesse implementieren, von denen auch Nachhaltigkeit profitiert. Denn dann können die Teile der Lieferkette, die für einen hohen CO2-Fußabdruck verantwortlich sind, identifiziert und aktiv angegangen werden. Beispiele dafür sind die Bereiche „Transport“ und „Bestandsverwaltung“: Eine vernetzte Lieferkette zeigt alternative Transportmöglichkeiten bei etwaigen Überbeständen auf und vermeidet somit einen hohen CO2-Ausstoß beispielsweise durch die Vermeidung von Luftfracht. Zudem lässt sich mit einer vernetzten Lieferkette Nachhaltigkeit aus der Perspektive der Rohstoffe, der Einhaltung von Arbeitsgesetzen sowie generell aus ethischer Sicht betrachten. Das funktioniert jedoch nicht, wenn Unternehmen in Silos denken und nicht willig sind, diese aufzubrechen und über ihren eigenen Tellerrand hinauszuschauen.
ITD: Was sind die großen Herausforderungen und Stolpersteine für Unternehmen, um dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz gerecht zu werden?
Strauss: Die wohl größten Herausforderungen bestehen im Bereich der regelmäßigen Risikoanalyse sowie der Nachverfolgung der Sorgfaltspflicht bei den unmittelbaren sowie mittelbaren Zulieferern. Es sollte kein Problem sein für Unternehmen, ihrer eigenen Sorgfaltspflicht nachzukommen – diese Zulieferer auf allen Leveln im Blick zu haben, ist jedoch nur möglich, wenn Unternehmen miteinander vernetzt sind. Die unterschiedlichen Bereiche der Lieferkette werden leider immer noch zu sehr in Silos gedacht; diese müssen aufgebrochen werden und eine vernetzte Supply Chain muss entstehen.
ITD: Welche innovativen IT-Lösungen und Software-Tools können bei der Einhaltung des Gesetzes unterstützen und die Leistungsfähigkeit der Lieferketten steigern?
Strauss: Generell geht es um einen ganzheitlichen und integrierten, vernetzten Ansatz für die Digitale Transformation der Lieferkette. Grundsätzlich kann dies mit vielen Software-Lösungen erreicht werden. Eine Lösung, die als offene Plattform gestaltet ist sowie ein großes Partnernetzwerk bereitstellt, bringt jedoch noch weitere Vorteile mit sich.
ITD: Inwieweit kann Künstliche Intelligenz (KI) an dieser Stelle aushelfen und welche Rolle spielen Daten für die Effizienz in der Lieferkette?
Strauss: KI kann dabei helfen, schmutzige Daten – also Daten mit Fehlern und Inkonsistenzen, die oft zu einer zeit- und kostenintensiven Angelegenheit für Unternehmen werden können – zu bereinigen. Sobald man etwas tiefer in die Lieferkette eintaucht, werden die Daten immer unstrukturierter, Codes sind nicht mehr so zuverlässig und es nicht mehr so einfach, ein Produkt eines Tier-n-Zulieferers zu identifizieren. Künstliche Intelligenz ist gut darin, dies zu korrigieren. Daten spielen für die Effizienz und auch die Nachhaltigkeit in der Lieferkette eine entscheidende Rolle. Unternehmen erhalten einen Vorteil, wenn sie über alle Daten in der Lieferkette verfügen und so ihre Prozesse und Timings darauf abstimmen. Die Stichworte lauten Transparenz und Sichtbarkeit – damit lassen sich Engpässe sowie Überbestand vermeiden.
ITD: Was sind weitere Schlüsseltechnologien sowie zukünftige Innovationsschwerpunkte für resiliente Lieferketten?
Strauss: Der Fokus sollte auf einer ganzheitlichen Sichtbarkeit entlang der Lieferkette liegen – nicht auf Technologien wie Blockchain. Resilienz entsteht durch Transparenz, durch aufgebrochene Silos und durch eine vernetzte offene Plattform von Unternehmen, Lieferanten und Partnern.
Bildquelle: E2open