Wer profitiert?

„KI muss gesetzlich reguliert sein“

„Wenn Länder wie China oder die USA KI ‚skrupellos‘ einsetzen, Europa jedoch nicht, wird Europa massiv ins Hintertreffen geraten“, warnt Kay Knoche, Principal Solution Consultant bei Pegasystems, im Interview.

Kay Knoche, Principal Solution Consultant bei Pegasystems

Kay Knoche von Pegasystems hält KI für wichtig, „weil sie dringende Fragen mit der bestmöglichen Präzision beantwortet“.

ITD: Herr Knoche, laut einer aktuellen PwC-Studie setzen erst sechs Prozent der Unternehmen in Deutschland Künstliche Intelligenz ein oder implementieren derzeit KI-Systeme. Was sind mögliche Bremsfaktoren?
Kay Knoche:
Deutsche Unternehmen sind bei neuen Technologien eher zögerlich und warten ab, bis andere Firmen erfolgreich Projekte umgesetzt haben. Dazu kommen die strengen Richtlinien bezüglich Datenschutz, die inzwischen sogar dazu führen, dass viele aus Angst Dinge nicht tun, die durchaus erlaubt wären. Zu guter Letzt fehlen die Experten, allen voran die „Übersetzer“, die die entwickelten analytischen Modelle für die Fachseite so aufbereiten, dass sie damit operieren kann.

ITD: Für welche Branchen eignet sich KI generell am besten und warum? Wie sehen – abgesehen von Chatbots und digitalen Assistenten – konkrete Einsatzszenarien aus?
Knoche:
Die typischen B2C-Branchen – also Telekommunikation, Banking, Versicherungen, Krankenkassen, Airlines oder der Handel – profitieren von KI, weil sich hier allein durch die enorme Menge an Interaktionen wirkliche Skaleneffekte mit entsprechenden Auswirkungen auf die relevanten KPIs der Unternehmen erzielen lassen. Eine Bank beispielsweise kommt im Jahr auf Hunderte von Millionen Interaktionen im Web, mobil, am Schalter oder am Geldautomaten. Jede dieser Interaktionen wird mithilfe von KI persönlich zugeschnitten auf den einzelnen Kunden.

ITD: Wie lassen sich die wahren KI-Fähigkeiten eines Anbieters erkennen?
Knoche:
Unternehmen sollten darauf achten, dass die KI-Software mit wirklich „großen Zahlen“ umgehen kann. Wenn eine Bank 20 Millionen Webseitenaufrufe pro Tag in weniger als 200 Millisekunden beantworten muss, sollten trotzdem persönliche Empfehlungen ausgesprochen werden können, die sich an der aktuellen Kundensituation, beispielsweise dem Kontostand, orientieren. Zudem sollte es die Software auch den Mitarbeitern erlauben, die mit Data Science nichts am Hut haben, an der Gestaltung von Use Cases mitzuarbeiten. Insbesondere Mitarbeiter aus Fachabteilungen wie der Kreditvergabe, des Mahnwesens oder der Kundenrückgewinnung wissen um die spezifischen Anforderungen, die sich in der Kundenkommunikation ergeben.

ITD: Was sind klassische Fallstricke beim Aufsetzen von KI-Projekten im Unternehmensalltag? Welche Stolpersteine gibt es bei der Implementierung?
Knoche:
Die größten Stolpersteine bei der technischen Implementierung ergeben sich typischerweise während der Integration verschiedener Teilsysteme zu einer Gesamtlösung. Software-Hersteller bieten getrennte Komponenten zur Anbindung von Datenquellen, zur Entwicklung analytischer Modelle und zur Integration in operative Bestandssysteme wie CRM oder die Webinfrastruktur an. Gerade wenn eine der Komponenten einen Release-Wechsel durchläuft, ist der Integrationsaufwand hoch. Deshalb sollten sich Unternehmen einen Überblick darüber verschaffen, inwieweit die Standard-Software durchgängig aufeinander abgestimmt ist.

ITD: Welche Rolle spielt Big Data für KI-Systeme?
Knoche:
Big Data stellt den Treibstoff für KI-Systeme dar. Dass KI heute in aller Munde ist, liegt an zwei Tatsachen: Zum einen stellen die heute verfügbaren Rechengeschwindigkeiten keine Einschränkung mehr dar. Zum anderen ist Big Data mit Systemen wie Hadoop, Cassandra oder Kafka verwertbar.

ITD: Welche Risiken bergen KI-Systeme?
Knoche:
KI-Systeme werden Arbeitsplätze ersetzen, insbesondere in Segmenten mit Jobs für geringer Qualifizierte. Ehrlicherweise muss man aber sagen, dass KI auch das Tätigkeitsfeld von Ärzten oder Anwälten verändern wird. In Aufgabenbereichen, in denen es etwa nur darum geht, Massen an Dokumenten zu durchforsten, werden sie durch KI massive Konkurrenz bekommen.

ITD: Stichwort „KI-Governance“: Wie laut ist der Ruf nach einer gesetzlichen Regulierung von KI? Inwieweit sollte es Ihrer Ansicht nach Gesetzen und Vorschriften zur Regulierung von KI geben (Stichworte „Ethik“, „Sicherheit“ und „Datenschutz“)?
Knoche:
KI muss gesetzlich reguliert sein, wobei die Notwendigkeit für politische Eingriffe je nach Anwendungsbereich – ob nun Verbrechensbekämpfung, Verkehrsplanung, Medizin, Bildung oder privater Bereich – unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Kommt KI beispielsweise beim Online-Dating zum Einsatz, ist der Staat eigentlich nicht gefragt, während bei der Verbrechensbekämpfung die Sache ganz anders aussieht. Die Frage lautet hier: Ist es besser, einen Unschuldigen festzunehmen oder einen Verbrecher laufen zu lassen? Für die Bewertung jedes einzelnen Anwendungsszenarios ist es deshalb notwendig, die Logik der Entscheidungsfindung mehr oder weniger transparent zu gestalten.

ITD: Warum ist KI heutzutage wichtig und was sollte sie 2020 leisten können?
Knoche:
KI ist wichtig, weil sie dringende Fragen mit der bestmöglichen Präzision beantwortet: Was ist die erfolgreichste Chemotherapie, das renditestärkste Finanzanlageprodukt oder der geeignete Lebenspartner? Wenn Länder wie China oder die USA KI „skrupellos“ einsetzen, Europa jedoch nicht, wird Europa massiv ins Hintertreffen geraten.

Bildquelle: Pegasystems

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