Kommentar zum Glasfaserausbau

Kohl, Kirch und die K-Frage

Es ist kein Geheimnis: In Sachen „Glasfaserausbau“ steht Deutschland mehr schlecht als recht da. Einer der Gründe dafür – so sagen spitze Zungen – ist, dass „Panorama“ nicht eben Helmut Kohls Lieblingssendung war.

Glasfaserkabel

Der 30-Jahres-Plan des damaligen Bundespostministers sah vor, Deutschland bis zum Jahr 2012 zum Glasfaserspitzenreiter zu machen.

„Sobald die technischen Voraussetzungen vorliegen, wird die Deutsche Bundespost aufgrund eines langfristigen Investitions- und Finanzierungsplanes den zügigen Aufbau eines integrierten Breitbandglasfasernetzes vornehmen.“ Hand aufs Herz: Wäre nicht die Rede von der „Bundespost“, würden wohl die wenigsten vermuten, dass dieser Satz 40 Jahre alt ist. Er ist Teil eines Vorhabens, das die sozialliberale Regierung unter Helmut Schmidt schon 1981 geschmiedet hatte, wie erst vor wenigen Jahren bekannt wurde. Der 30-Jahres-Plan des damaligen Bundespostministers sah vor, Deutschland bis zum Jahr 2012 zum Glasfaserspitzenreiter zu machen.

Die Geschichte wollte es anders. Als das politische Klima in der Bonner Republik umschlug und ein Misstrauensvotum 1982 Schmidt die Kanzlerschaft kostete, begrub der neugewählte Kohl diese Pläne und ließ stattdessen die Bordsteine aufbuddeln, um zügig ein Kupferkabelnetz zu verlegen. Über den Grund wird seither spekuliert; die Abneigung des streitbaren Kanzlers gegen öffentlich-rechtliche Journalisten war jedoch berüchtigt und so liegt die Vermutung nahe, er habe möglichst rasch Privatfernsehen in die Haushalte bringen wollen, um ein Gegengewicht zu der seines Erachtens nach „linkslastigen“ Berichterstattung der Öffentlichen zu schaffen. Diese Entscheidung hinterlässt nicht zuletzt auch wegen Kohls enger Freundschaft zu Medienunternehmer Leo Kirch – seines Zeichens Pionier des Privatfernsehens und somit wesentlicher Profiteur der staatlichen Investition ins Kupfer – ein Geschmäckle.

Kritiker sind sich sicher, dass damals mit der Glasfaser die Infrastruktur für heutige Digitalisierungsbestrebungen geopfert wurde. Auch wenn wohl beide Helmuts nicht abschätzen konnten, welche Tragweite die Entscheidung für oder wider das Kupfer einmal haben würde – mit den Nachwehen haben wir noch heute zu kämpfen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 11/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Man macht es sich natürlich sehr einfach, Kohl und Kirch allein den schwarzen Peter für Deutschlands verkorkste Glasfaserbeziehung zu geben. Auch Fehleinschätzungen folgender Regierungen und die Privatisierung der Bundespost dürften eine Rolle gespielt haben. So ist die Lage auch anno 2021 noch verheerend: laut einer aktuellen OECD-Studie liegt der Glasfaseranteil hierzulande bei gerade einmal 5,4 Prozent aller Festnetzbreitbandanschlüsse – in Schweden sind es 75, Spitzenreiter Südkorea kommt gar auf 84,5 Prozent. Das Ziel, das sich die nun scheidende Groko zu Beginn der Legislaturperiode gesetzt hatte, bis 2025 „Glasfaser in jeder Region und jeder Gemeinde, möglichst direkt zum Haus“ zu verlegen, kann wohl kaum mehr erreicht werden. Für eine mögliche Ampelregierung gäbe es also einigen Handlungsbedarf. In der aktuellen Ausgabe von IT-DIRECTOR 11/21 ab S. 34 erfahren Sie, was Digitalexperten fordern und weshalb einheitliche Infrastrukturvorgaben in der deutschen Gigabit-Strategie auch über das Jahr 2025 hinaus dringend erforderlich sind.

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