Interview mit Philipp Müller, Rittal

Kronjuwelen sichern

Interview mit Philipp Müller, verantwortlich für das Produktmanagement Rimatrix bei Rittal in Herborn, über die Anforderungen an die Sicherheit im Rechenzentrum

Philipp Müller, Rittal

Philipp Müller, Experte für Data Center Container und IT-Sicherheit im Produktmanagement bei Rittal

Rechenzentren beherbergen heute in vielen Firmen die Kronjuwelen: Anwendungen, mit denen Geld verdient wird, sowie Daten, die Geld wert sind. Haben sich hier die Ansprüche und die Maßnahmen in puncto Sicherheit in den letzten Jahren verändert? Und wenn ja, inwiefern?

In den vergangenen Jahren nahm das weltweite Datenvolumen stetig zu. Der damit in Verbindung stehende Zuwachs an sicherheitsrelevanten Daten forderte damals wie heute die permanente Weiterentwicklung von Schutzmaßnahmen. So finden Systemlösungen der physischen Sicherheit heute auch branchenübergreifend Anwendung. IT-Sicherheitssafes und -Sicherheitsräume müssen verlässlichen Schutz gegen Brände, Einbruch, elektromagnetische Strahlung und zudem eine zukunftsfähige Struktur bieten.

Besonderer Wert wird auf system- statt auf bauteilgeprüfte Qualität gelegt. Aufgrund der beträchtlichen Anzahl von historisch gewachsenen und stetig weiter wachsenden Rechenzentren liegt ein besonderes Augenmerk weiterhin auf der nachträglichen Installation von Sicherheitszellen. Dies kann auch im laufenden Betrieb der bauseitig vorhandenen IT geschehen, wie Philipp Müller im Gespräch mit IT-DIRECTOR erklärt.

IT-DIRECTOR: Herr Müller, welche neuen Entwicklungen gibt es beim physischen Zugangsschutz?
P. Müller:
Je nach Anforderung des Betreibers eines Rechenzentrums finden unterschiedliche Arten von Zutrittskontrollen bereits im erweiterten Sicherheitskorridor Anwendung. Schon weit vor der Zutrittstür zum eigentlichen Rechenzentrum lassen Schleusenkontrollen nur eintrittsberechtigtes Personal herein. Neben den heute bekannten elektronischen Zutrittssystemen werden auch weiterhin mechanische Schlüsselsysteme genutzt, um immer einen Zugriff von Feuerwehren über Notschlüssel gewährleisten zu können. Die elektronischen Zutrittskontrollen beruhen neben den bereits etablierten Zahlenkombinationsschlössern und der Nutzung von Codecards auch auf neuartig ausgereiften biometrischen Technologien. Augen-, Finger- und Handscanner sowie biometrische Sprach- und Gesichtserkennungssysteme haben ebenfalls den Vorteil, dass ein Monitoring durch moderne Data-Center-Infrastructure-Management-Systeme (DCIM) jeglichen Zutritt überwachen und aufzeichnen kann.

IT-DIRECTOR: IT-Systeme sind heute deutlich häufiger und vor allem deutlich aggressiveren Angriffen ausgesetzt. Meist geschieht dies virtuell über den Netzwerkzugang. Nehmen dafür die Attacken auf die physischen Ziele ab?
P. Müller:
Physische Bedrohungspotentiale sind weiterhin allgegenwärtig und nehmen mit dem Fortschritt der Technik immer mehr zu. Best-Practice-Rechenzentren sollen aber allen potentiellen Gefährdungen durch Umgebungseinflüsse mit gleicher Priorität begegnen. So finden neben den möglichen Maßnahmen der Zutrittskontrollen auch Schutzmaßnahmen gegen elek-tromagnetische Störungen und Impulse konkrete Anwendung. Eine genaue Überprüfung auf elektromagnetische Verträglichkeit (EMV) und elektromagnetische Störquellen (EMP) ist von entscheidender Bedeutung.

IT-DIRECTOR: Die meisten IT-Budgets sind in den vergangenen Jahren geschrumpft, heute sind sie wieder weitgehend stabil. Ist ausreichend Geld vorhanden, um das Sicherheitsniveau aktuellen Bedrohungen anzupassen?
P. Müller:
Maßgeschneiderte IT-Lösungen waren in der Vergangenheit und bleiben auch in Zukunft eine Notwendigkeit. Der Schutz sensibler Daten durch IT-Infrastruktur muss in den Budgets – und seien sie noch so schmal – entsprechend berücksichtigt werden. Analysiert man testweise den Ausfall des Rechenzentrums in der sogenannten Downtime-Analyse, wird die ganze Tragweite eines möglichen Datenverlusts deutlich. Dies ist oftmals Anlass genug, nicht an dieser Stelle zu sparen.

IT-DIRECTOR: Was empfehlen Sie Firmen, die ein neues Rechenzentrum bauen, hinsichtlich der Sicherheit? Was raten Sie den Firmen, die ihr bestehendes RZ aufrüsten wollen?
P. Müller:
Eine Analyse des Sicherheitsbedarfs schafft die Grundlagen für entscheidende Faktoren und Erfordernisse. Grundsätzlich gilt: so sicher wie nötig. Dies ist aber nicht automatisch mit „so sicher wie möglich“ gleichzusetzen. Insbesondere bei der Verfügbarkeit gibt es viele Variablen. Sie müssen bei einer ­Gegenüberstellung der Betriebskosten und Investitionskosten Berücksichtigung finden. Gerade bei historisch gewachsenen Serverräumen wie der sogenannten Besenkammer finden wir Ansätze, die der Verbesserung der IT-Umgebung bedürften. Ob bei Brandlasten durch Teppichböden oder veralteten, einzeln aufgestellten Klimageräten mit hohem Stromverbrauch – es gibt zahlreiche Möglichkeiten, die Sicherheit deutlich zu erhöhen und dabei die Betriebskosten drastisch zu senken. Skalierbarkeit ist eine weitere Variable, die häufig außer Acht gelassen wird. Die einfache Erweiterung, ein Rückbau oder eine Standortänderung des Rechenzentrums müssen bei der Planung Berücksichtigung finden.

IT-DIRECTOR: Sicherheit bedeutet im RZ natürlich auch Verfügbarkeit. Gibt es neue Methoden, die die Verfügbarkeit erhöhen?
P. Müller:
Ja, dabei handelt es sich um eine Kombinationen von Klimatisierungsarten. Dazu zählen die adiabatische Kühlung, die Kyoto-Kühlung, die direkte freie Kühlung und verschiedene Energiespeicher. Die durchgehende Überwachung des Rechenzentrums ermöglicht eine Data-Center-Infrastructure-Management-Software (DCIM) in Verbindung mit einem Server-­Management. Grundsätzlich ist ein Rechenzentrum ein kom­plexes System, welches ein Zusammenwirken zahlreicher Komponenten voraussetzt. Gewerkeübergreifende Funktionen, maßgeschneidert und nachhaltig dem Bedarf des Betreibers angepasst, lassen Planungsschwächen im Falle eines Ausfalls rasch deutlich werden.

IT-DIRECTOR: Bemerken Sie ein Umdenken der Firmen, was die Energieeffizienz angeht?
P. Müller:
Die Energiekosten zu senken, aber gleichzeitig Packungsdichte, Verfügbarkeit und Sicherheit zu erhöhen, gelingt nur dann, wenn bestehende Systeme ständig weiterentwickelt werden. Der Großteil der Energiekosten im Rechenzentrum lässt sich im Bereich der Klimatisierung einsparen. Die Optionen wie die adiabatische oder die direkte freie Kühlung gewinnen mehr und mehr an Bedeutung. Wichtiger werden zudem DCIM-Systeme, um kontinuierliche Verbesserungen und Leistungsanpassungen durchführen zu können.

©2026Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok