Peering zwischen Netzwerken
Dr. Christoph Dietzel, Head of Global Products & Research bei DE-CIX
Roboter fahren autonom, Fabriken sind zentral vernetzt und sensible Entwicklungsdaten fließen mit minimaler Latenz durch verschiedene Clouds, Edge-Devices und zwischen Applikationen – in einer Zeit, in der Software und IT die Wertschöpfung neu definieren, treiben datenbasierte und intelligente Anwendungen nicht nur die Geschäftsmodelle voran, sondern stellen hohe Anforderungen an die digitale Infrastruktur. Von Routern und Switches über Rechen- und Speicherressourcen bis hin zu Netzwerken und Firewalls – Hardware-basierte Architekturen, die darauf ausgelegt waren, vorausplanbare Workloads zu hohen Fixkosten stabil abzuarbeiten, haben ausgedient. Die IT von heute ist Software-definiert, bedarfsgerecht monatlich abrechenbar und damit selbst so dynamisch skalierbar wie die Anwendungen, die Unternehmen betreiben, um etwa ihren Kundenservice zu verbessern, die Fertigungsqualität zu erhöhen oder den Umsatz zu steigern.
Monolithische Mainframes, starre Security-Perimeter und lineare Wasserfallprozesse gehören der Vergangenheit an. Alles, was sich agil virtualisieren lässt, wird heute agil virtualisiert. Und alles, was sich durch KI unterstützen lässt, wird durch KI unterstützt. Früher definierte Hardware, was Software kann. Heute bestimmt die Software, was Hardware können muss. Funktionen, die einst an die Leistungsgrenzen dedizierte Geräte gekoppelt waren, sind jetzt virtualisierbar. Beispiel Secure-Access-Service-Edge: SASE verlagert Netzwerk- und Sicherheitsfunktionen in die Cloud.
Egal ob Firewall-as-a-Service, Cloud Access Security Broker oder DNS-Sicherheit – SASE führt Dienste wie diese in der Cloud zusammen, wo sie sich Software-definiert bereitstellen und administrieren lassen. Berechtigungen für einzelne Maschinen, bestimmte Applikationen oder individuelle Nutzer lassen sich dabei dezentralisiert vergeben – je nach Funktion und Anwendung. Statt Sicherheitspolicies für Applikationen und Ports zu definieren, sind sie über SASE feingranular für einzelne Endpunkt und Dienste definierbar. So lässt sich der Datenaustausch nicht nur regeln, schützen und sichern, sondern der Verkehr für Endgeräte, Mitarbeitergruppen, Softwareressourcen und komplette Firmenstandorte optimieren.
Laut Studie des Beratungsunternehmens ISG sind neu implementierte SASE-Modelle derzeit das am schnellsten wachsende Segment im deutschen Software-Defined-Networking-Markt. Von Managed Services über Mainframe-Applikationen im Serverraum bis hin zu Edge-Devices auf dem Shop-Floor – wo immer IT und Cloud verschmelzen sollen, birgt das Herausforderungen. Beispiel Konnektivität: Wer Netze agil virtualisiert, intelligent und automatisch bereitstellen möchte, muss sie auch ebenso provisionieren können. Genau hier setzt Network-as-a-Service an: NaaS stellt Ressourcen nicht nur bedarfsgerecht, flexibel und autonom bereit, sondern integriert sie außerdem nahtlos in bestehende IT- und Cloud-Umgebungen – passgenau abgestimmt auf die jeweiligen Anforderungen etwa im Hinblick auf Bandbreite, IT-Security oder Datendurchlaufzeiten. Internetknoten spielen dabei eine Schlüsselrolle. Zum einen halten sie Netzwerke im Cloud-Edge-Kontinuum zusammen und machen Datenflüsse so kontrollierbar. Zum anderen ist eine skalierbare und Software-definierbare Interconnection-Plattform die Basis, um Vorteile Software-definierter Technologien überhaupt übergreifend ausschöpfen zu können – zwischen Standorten, Zulieferern und Partnern.
Standards, offene Architekturen und Schnittstellen: DE-CIX richtet seine Interconnection-Plattform gezielt auf Software-definierte Architekturen aus. So arbeitet das Unternehmen beispielsweise gemeinsam mit anderen Internetknoten-Betreibern in der IX-API Initiative an einheitlichen Programmierschnittstellen (API), um Peering-Dienste autonom bereitzustellen. Nicht anders im Förderprojekt Tellus, das unter Leitung von DE-CIX eine offene Software entwickelt, um Netzwerk-Funktionen zu virtualisieren. Tellus deckt die vollständige Interconnection-Lieferkette ab und schließt etwa unterschiedliche Provider, Clouds oder Dienste ein. Manuelle Prozesse reduzieren, um Netze dynamisch bereitzustellen und Funktionen übergreifend automatisiert zu administrieren – Vorteile wie diese machen Konnektivität nicht nur Anbieter-unabhängiger, sondern interoperabler: So realisiert DE-CIX aktuell im Projekt NEXUS eine Plattform, die Interconnection Services für Cloud-basierte Netze automatisch und bedarfsgerecht bereitstellt.
Genauso, wie sich Handys nahtlos zwischen Funkzellen bewegen, sollen sich Cloud-Dienste künftig reibungslos zwischen Netzwerken bewegen. Eine Möglichkeit, die für unterschiedliche Use Cases interessant ist. So erfordert etwa das autonome Fahren extrem niedrige Latenzzeiten, die nur durch passend zusammengeschaltete Edge-Computing-Lösungen erreichbar sind. Nicht anders im Gesundheitswesen oder der öffentlichen Verwaltung, wo ein besonders geschützter und rechtskonform vernetzter Datenaustausch gefragt ist. Gleiches gilt zudem für SASE im Internet-of-Things: Statt Daten zentral über das Netz eines Service Providers auszutauschen, schützt und authentifiziert das Modell jedes IoT-Device. Von einzelnen Sensoren und Relais über Motoren und komplette Anlagen – verbundene Geräte lassen sich nicht nur individuell automatisiert und Cloud-nativ absichern, sondern Latenzzeiten reduzieren. Da SASE Daten möglichst nah an der Anwendung über den nächstgelegenen Point-of-Presence des Anbieters überträgt, entfallen Umwege über Gateways, was Durchlaufzeiten minimiert. Doch auch wenn SASE als Overlay-Architektur agiert, ist ein leistungsfähiges Underlay essenziell – insbesondere für kritische Workloads. Nur wenn beide Ebenen softwaredefiniert miteinander interagieren, lassen sich Datendurchläufe beschleunigen und Sicherheitsanforderungen erfüllen.
Genauso, wie Hardware-basierte Architekturen ausgedient haben, sind heute immer seltener Netzwerke gefragt, die darauf ausgelegt sind, vorausplanbare Workloads stabil abzuarbeiten. Heißt konkret: In einer Zeit, in der sich laut IDC 22 Prozent der Unternehmen, die beispielsweise KI in der Cloud nutzen, um Latenz und 15 Prozent um die Bandbreite sorgen, erklärt SASE die Cloud zur neuen Maxime für Konnektivität. Eine Maxime, die nur auf einer robusten, automatisierten und souveränen digitalen Infrastruktur zum Erfolg werden kann. Einer Infrastruktur, wie sie das Projekt NEXUS schafft, um Anwendungen agil und souverän zu managen und Wertschöpfung über Software und IT für Europa und die Welt neu zu definieren.
Bild: wahyu_t / Freepik, DE-CIX