„Wir sehen seit Jahren einen Anstieg von Cyberangriffen und mittlerweile vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht von einem neuen Angriff liest, der Supply Chains oder ganze Betriebe lahmlegt“, erläutert Ralph Kreter.
ITD: Herr Kreter, wo liegt aktuell die größte Bedrohung für Firmen, gerade in Bezug auf Cyberattacken und Co.?
Ralph Kreter: Wir sehen seit Jahren einen Anstieg von Cyberangriffen und mittlerweile vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht von einem neuen Angriff liest, der Supply Chains oder ganze Betriebe lahmlegt. Kein Wunder also, dass laut des diesjährigen Allianz Risk Barometers Cybergefahren die größte Sorge für Unternehmen weltweit sind. Der Hauptgrund dafür ist die Zunahme von Ransomware-Angriffen, die von den Umfrageteilnehmern (57 Prozent) als die größte Cyberbedrohung für das kommende Jahr bewertet wurde.
Das ist auch berechtigt, wenn man sich anschaut, wie schnell die Zahl der Angriffe gestiegen ist und vor allem wie raffiniert sie sind. Beispielsweise gibt es „doppelte Erpressungstaktiken“, bei denen die Verschlüsselung von Systemen mit Datendiebstahl kombiniert wird. In anderen Fällen werden potentielle Opfer über Monate hinweg ausspioniert, um eine Phishing Attacke durchzuführen. Die E-Mails mit der schadhaften Software sind dann so personalisiert, dass es selbst für geschulte Mitarbeiter hart ist, den Unterschied zu erkennen. Erst kürzlich konnten wir einem unserer Kunden helfen eine derartige Attacke zu verhindern – dadurch hatten wir eine Chance genau zu sehen, wie der Angriff aufgebaut war. Hinzu kommt die sinkende Zahl von ausgebildeten IT-Teams, die sich dieser Bedrohungen annehmen können.
ITD: Die Digitalisierung hält überall Einzug – wie sieht das bei den Cyberkriminellen aus?
Kreter: Ich hatte erwähnt, dass die Cyberangriffe signifikant steigen. Das liegt u.a. auch daran, dass sich die Kriminellen – insbesondere, wenn sie gut organisiert sind – die neuen Technologien ebenfalls zu Nutze machen und ihr ‚Geschäft‘ praktisch automatisieren. Folglich können sie auch mehr Unternehmen als zuvor attackieren und mehr Attacken heißen leider auch mehr Chancen auf Lösegeld. Denn entgegen der BSI-Empfehlung steigt der Anteil der Betriebe, die auf die Lösegeldforderungen eingehen in Deutschland. Im Grunde hat die Digitalisierung zu einer Art Rebranding der Mafia hin zu organisierten Ransomware-Gruppen geführt, die letztlich aber noch dasselbe Ziel im Blick haben: möglichst schnell, möglichst viel Geld machen – oftmals als Team.
ITD: Wie agieren diese organisierten Gruppierungen heutzutage?
Kreter: Wir sehen beim Vorgehen dieser neuen ‚Mafia‘ zwei Trends. Zum einen das unternehmerische Herangehen an das Ransomware-Geschäft. Es wird nicht länger einfach ‚drauflos gehackt‘, sondern Malware maßgeschneidert und anschließend professionell kommuniziert. Sowohl mit den Opfern als auch mit anderen Akteuren – beispielsweise gibt es bereits professionelle Verhandlungsprofis für Ransomware-Attacken. Das soll die Bereitschaft zur Zahlung des geforderten Betrags erhöhen. Dieser Trend wird auch Ransomware-as-a-Corporation (RaaC) genannt.
Ein weiteres Vorgehen, das wir beobachten konnten, ist, dass Cyberkriminelle – anders als früher – nicht mehr versuchen, sich gegenseitig ausstechen und damit möglichst viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu bekommen. Stattdessen wurde sich ein Beispiel genommen an der Ransomware Reveton, die vergangenes Jahr mit großem Erfolg europaweit Unternehmen erpresste. Fast unmittelbar danach folgte die Ransomware CryptoLocker, mit der schätzungsweise über 2,8 Mio. Euro erpresst wurden, bevor sie eliminiert wurde. Seither hat sich der Fokus dieser Banden vorrangig auf das Erzielen von Umsatz und die Vermeidung medialer Aufmerksamkeit verlagert.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 10/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Aus Lukrativitätsgründen stehen zudem mittlerweile vermehrt kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) im Fokus der Angriffe. Anders als Großunternehmen haben diese oft nicht die Mittel und Kompetenzen, um sich ausreichend zu schützen. Sie müssen zudem oft in kürzester Zeit wieder betriebsbereit sein und sind deshalb schneller bereit, den Lösegeldforderungen nachzukommen.
ITD: Wie genau kann Deep Learning Unternehmen vor dieser Art der Kriminalität schützen?
Kreter: Allgemein gelten dieselben Regeln, die Unternehmen grundsätzlich befolgen sollten, wenn sie ihre Systeme vor Eindringlingen aus dem Netz sichern wollen: Es sollte ein Notfallplan für etwaige Cyberangriffe bestehen, um schnell reagieren zu können und so Schaden zu minimieren. Regelmäßiges Updaten von Passwörtern, Training der Mitarbeiter und Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA) sollten ebenfalls eingeführt werden.
Lösungen, die auf Deep Learning zurückgreifen, haben den Vorteil, dass sie einen Angriff verhindern können, noch bevor die bösartigen Dateien, die hoch- oder heruntergeladen werden, den Endpunkt erreichen und so das gesamte System infiltriert und Daten verschlüsselt werden können. Zudem hilft Deep Learning dabei, Fehlalarme – „False Positives“ – zu reduzieren, was zum einen der Überbelastung des IT-Teams vorbeugt und zum anderen ermöglicht, dass sich dieses auf die wichtigen Aufgaben konzentriert. Das intelligente System kann außerdem Ransomware erkennen, die bis dato noch unbekannt war und so der schnellen Entwicklung der Kriminellen zuvorkommen. Denn anders als Machine Learning zieht Deep Learning auf der Basis der eingespeisten Rohdatensätze automatisch Schlüsse.
Bildquelle: Deep Instinct