Digitalisierung

Maximales Tempo bei Digitalisierung und Netzausbau

Im Interview drängt Hagen Rickmann, Geschäftsführer Geschäftskunden der Telekom Deutschland GmbH, auf mehr Mut bei der Digitalisierung und eine stärkere Position Deutschlands in Sachen Glasfaser.

  • Hagen Rickmann

    Hagen Rickmann sagt:, „Ohne Förderung verspielen wir den Zukunftsstandort Deutschland. Denn Digitalisierung schafft keiner im Alleingang.“

  • Hagen Rickmann

    „Aus meiner Sicht wird KI ein noch stärkerer Turbo für die Digitalisierung, als es die Pandemie war. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen sich Unternehmen damit intensiv beschäftigen“, findet Hagen Rickmann.

  • Hagen Rickmann

    „Das Feedback von Unternehmen, die 5G-Campusnetzwerke eingeführt haben lautet: Es lohnt sich“, erklärt Hagen Rickmann.

ITD: Herr Rickmann, was sind die Pain Points bei der Digitalisierung, über die sich Ihre Kunden besonders viele Gedanken machen?
Hagen Rickmann:
Zurzeit ist das dominante Thema für die meisten Unternehmen, wie es in der makrowirtschaftlichen Entwicklung weitergeht. Damit verbunden stellt sich die Frage, in welche Themen bei der Digitalisierung investiert werden sollte – was ist auch zukünftig tragfähig? Für die Digitale Transformation ist fast immer ein Prozess-Redesign wichtig: Alte analoge Prozesse einfach nur in die digitale Welt zu übersetzen, wird nicht funktionieren. Hier gilt es zunächst, Komplexität zu reduzieren. Bei der Umsetzung ist auch der Fachkräftemangel eine echte Hürde.

ITD: Immer wieder hört man in Gesprächen mit Unternehmen, die Netze seien an ihrem Standort nicht verlässlich oder leistungsfähig genug für das Cloud Computing, welches als Digitalisierungstreiber gilt. Was sagen Sie Unternehmen, die aufgrund des fehlenden Glasfaserausbaus in Deutschland bisher z.B. nicht von der Cloud profitieren konnten?
Rickmann:
Aus meiner Sicht ist das nicht das erste Argument, warum man sich nicht für die Cloud entscheidet. Es gibt sicherlich noch Leitungsengpässe, aber wir haben bisher jedes Jahr über 5 Mrd. Euro in unser Netz investiert und viele Unternehmen angeschlossen. In 2023 schließen wir über 2,8 Millionen Haushalte und Unternehmen ans Glasfasernetz an und sind bereits in knapp 1.900 Gewerbegebieten mit Glasfaser aktiv. Das Argument greift also immer weniger.

ITD: Deutschland ist weltweit hinsichtlich des Netzausbaus auf den letzten Plätzen und hinsichtlich der Internetgeschwindigkeit auf Platz 44. Was sind hierfür die Gründe? Was machen andere Länder besser?
Rickmann:
Nach wie vor brauchen wir schnellere Genehmigungswege, das hat sich trotz der Diskussionen der vergangenen Jahre nicht ausreichend verbessert. Auch begrenzte Ressourcen im Baugewerbe und relativ hohe Ausbaukosten erschweren die Lage. Die skandinavischen Länder oder auch Estland haben früher mit dem Ausbau angefangen und waren pragmatischer. Das würde ich mir für Deutschland auch wünschen. Es gibt viele unterschiedliche regionale Anbieter und Interessengruppen – da ist es oft aufwendig, zu einer Einigung zu kommen. Für ausbauende Unternehmen wie die Deutsche Telekom ist wichtig, wie ein Return on Investment (ROI) aus den verbauten Glasfaseranschlüssen erreicht werden kann.

ITD: In vielen Bereichen geht es mit der Digitalen Transformation und dem Wandel zu digitalen Geschäftsmodellen noch sehr langsam voran. Welche Hürden erleben Unternehmen und wie könnte die Digitalisierung in Deutschland stärker vorankommen?
Rickmann:
Wir haben eigentlich gute Voraussetzungen mit unserem Mittelstandsrückgrat - das 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erzeugt - vielen Start-ups und Fördertöpfen. Das Problem liegt eher darin, dass wir nicht ins „Machen“ kommen. Teilweise fehlen der Mut und das digitale Mindset, mehr zu wagen. Und vor allem eine Fehlerkultur zu etablieren. Solange es gut läuft, ist naturgemäß der Veränderungsdruck geringer. Investments in IT und Digitalisierung sind eben auch keine Bundesanleihe, bei der man weiß, was man zurückbekommt. Dennoch sind sie essenziell für einen Zukunftsstandort Deutschland. Sie sind wesentlich, um mit attraktiven Arbeitsplätzen für eine Generation Z, die sehr genau weiß, was sie will, ausreichend Talente für das eigene Unternehmen zu gewinnen. Während nun aufgrund von unsicheren Märkten Kostenaspekte wieder in den Vordergrund treten, rutscht zurzeit leider auch der Kundenfokus wieder etwas aus dem Bewusstsein. Hier ist mehr Entschlossenheit zur Veränderung gefragt.

ITD: Sie raten Unternehmen, die Digitalisierung zu nutzen, um resilienter zu werden. Warum?
Rickmann:
Die Untersuchung „Die Resilienzmeister“ von Mind Digital aus dem vergangenen Jahr zeigt, dass 70 Prozent der hochdigitalisierten Mittelständler besser durch die Corona-Pandemie gekommen sind. Wer sich also digital stärkt, ist resilienter, weil sich beispielsweise Veränderungen besser antizipieren, Prozesse einfacher anpassen oder skalieren lassen und neue Kundengruppen leichter erreicht werden können.

ITD: Wie wichtig ist eine Digitalisierungsförderung durch die Politik, aber auch anderer Akteure, aus Sicht der Deutschen Telekom?
Rickmann:
Ohne Förderung verspielen wir den Zukunftsstandort Deutschland. Denn Digitalisierung schafft keiner im Alleingang – und es ist Allgemeingut, welches das ganze Land angeht. Deshalb tut der Staat gut daran, die rund 5.000 verschiedenen Förderprogramme weiter voranzutreiben. Bei der Bürokratie sind wir allerdings noch lange nicht dort, wo wir sein könnten. Es gilt, die Beantragung von Fördermitteln deutlich zu vereinfachen – und lieber zu korrigieren als zu überregulieren.

ITD: Sie begleiten als Schirmherr die „Digital X“. Was hat es damit auf sich?
Rickmann:
Die Digital X wurde 2018 als größte Digitalinitiative in Europa aus der Taufe gehoben. Damit wollen wir in offenen Formaten und Diskussionsrunden Kunden, Partner und teilweise Wettbewerber an einen Tisch bringen – und nicht zuletzt natürlich auch akquirieren. Die Idee ist, sich mit anderen Menschen aus anderen Branchen auszutauschen und voneinander zu lernen.

ITD: Wie hat sich die Initiative entwickelt und was steht für dieses Jahr auf dem Plan?
Rickmann:
Angefangen haben wir mit 15.000 Besuchern in 2018, im vergangenen Jahr waren bereits 50.000 vor Ort. Am 20. und 21. September findet die Digital X in diesem Jahr in vier Kölner Stadtteilen statt, unter anderem in Locations wie einem Kino oder einem Waschsalon. Unter dem Motto „Be digital. Stay human“ soll es auch um ethische Aspekte gehen und darum, wie die Digitalisierung uns Menschen und uns als Gesellschaft dienen kann. Wir freuen uns über Speaker wie Björn Ulvaeus von Abba, die Futuristin Amy Webb und viele weitere.

ITD: Unternehmen gehen das Thema „Künstliche Intelligenz (KI)“ eher zögerlich an. Warum ist es auch aus Wettbewerbsgründen so wichtig, sich mit den Möglichkeiten für KI zu beschäftigen?
Rickmann:
Aus meiner Sicht wird KI ein noch stärkerer Turbo für die Digitalisierung, als es die Pandemie war. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen sich Unternehmen damit intensiv beschäftigen und viele Fragen klären: Woher kommen die nötigen Daten? Was ist wichtig für eine sichere Lösung, die ebenso Akzeptanz findet? Es ist wichtig, dass der Trend in Deutschland nicht verschlafen wird. ChatGPT beispielsweise hat einen Bewusstseinswechsel in der Breite angestoßen, weil jeder den konkreten Mehrwert von KI sehen kann: Das wird die Nutzung sicherlich voranbringen.

ITD: Ganz offensichtlich ist der Fachkräftemangel das größte Handicap bei der Digitalisierung. Kann KI-Technologie hier Antworten geben?
Rickmann:
Studien haben gezeigt, dass der Fachkräftemangel weiterhin die größte aktuelle und bevorstehende Hürde für mittelständische Unternehmen darstellt – gefolgt von Themen wie Nachhaltigkeit oder Energiesicherheit. Ohne KI werden wir künftig bestimmte Themen gar nicht mehr abarbeiten können. Wir brauchen die Technologie bei repetitiven Aufgaben und immer gleichen Prozessen für Automatisierung und mehr Effizienz. Nur dann haben die Mitarbeiter mehr Zeit für die Weiterentwicklung von Produkten und den stärkeren Fokus auf Kunden, Qualität und Vertrieb.

ITD: Wo und wie kann KI die Folgen des Fachkräftemangels ganz konkret lindern?
Rickmann:
An Kundenbeispielen aus der Praxis gezeigt: KI unterstützt im Familienunternehmen Ludwig Meister die Mitarbeiter dabei, neue Bestellungen aus vielen unterschiedlichen Kanälen wie Fax, E-Mail oder Post digital zu erfassen und zu bearbeiten. Zuvor musste das in händischer Nacharbeit erledigt werden. Sie gehen dann mithilfe der KI komplett digital an Buchungs- und Produktionssysteme weiter. Damit konnte eine Zeitersparnis von 70 Prozent im Prozess erreicht werden. Der Tüv Nord verarbeitet zudem mittlerweile ein Viertel der über 500.000 jährlichen Anrufe komplett automatisiert mit einem KI-basierten, digitalen Sprachassistenten, der rund um die Uhr arbeitet. In beiden Fällen wird die Belegschaft entlastet und mehr Freiraum für andere Tätigkeiten geschaffen.

ITD: Wie wichtig sind Digitalisierung und KI perspektivisch für die Nachhaltigkeit? Wie können sie konkret zu mehr Nachhaltigkeit beitragen und von welchem Potenzial sprechen wir dabei?
Rickmann:
Die Digitalisierung leistet hier einen entscheidenden Beitrag: Einer Bitkom-Studie zufolge liegt das anteilige Einsparpotenzial digitaler Technologien am Gesamtziel von 372 Megatonnen CO₂-Äquivalente bis 2030 bei bis zu 41 Prozent. KI hilft dabei durch verbesserte Planung, optimierte Routen, und auch effizientere Produktionsprozesse mit weniger Ausschuss und verbesserter Temperaturregelung.

ITD: Wie wichtig wird der Digital Twin mit Blick auf die Nachhaltigkeit und kommende digitale Produktpässe?
Rickmann:
Ich halte das Thema für extrem wichtig. Es adressiert wesentliche Aufgaben, wie etwa die Wiederverwertung von Materialien, die Vermeidung von Überproduktion und (energie-)effizientere Prozesse. Mit dem Digital Twin lässt sich vieles anhand von Modellen und Simulationen optimieren, das sich vorher in der Form kaum realisieren ließ. Am sogenannten „Sustainable Twin“ lässt sich wiederum in der Fabrik sehen, wo im Prozess insbesondere Optimierungspotenziale bei den Emissionen bestehen – das ist auch mit Blick auf die kommenden Berichtspflichten wichtig. Die Umsetzung erfordert allerdings neben Entschlossenheit und einer guten Planung auch viel Durchhaltevermögen und nicht zuletzt die nötigen Investments.

ITD: Wie sieht es heute mit der 5G-Abdeckung in Deutschland aus?
Rickmann:
Wir haben bereits eine Haushaltsabdeckung von 95 Prozent mit 5G, bis 2025 werden es 99 Prozent sein – da sind wir Nummer eins. Es werden aktuell immer mehr dedizierte Netze für Unternehmen gebaut, die sich mit dem öffentlichen Netz verbinden lassen. Die weißen Flecken teilen wir uns mit unseren Wettbewerbern – und es gibt eine bundeseigene Gesellschaft, die Masten bauen soll.

ITD: Welche Erfahrungen haben die Unternehmen, mit denen die Telekom gemeinsam an 5G-Campusnetzen arbeitet, bisher gemacht? Wo liegen die größten Herausforderungen bei der Umsetzung?
Rickmann:
Das Feedback von Unternehmen, die 5G-Campusnetzwerke eingeführt haben lautet: Es lohnt sich. Mit 5G sind Szenarien rund um Echtzeitsteuerung möglich, etwa für autonome Transportsysteme und Robotik, getaggte Werkzeuge lassen sich überall schnell wiederfinden. Die Einführungszeit der Campusnetze liegt zwischen sechs und zwölf Monaten. Zunächst stellt sich immer die Frage, wie bestehende Infrastrukturen – etwa Wlan, in das bereits investiert wurde – und 5G-Netze zusammenarbeiten. Beim Aufbau, der Planung und Verwaltung ist sehr viel unterschiedliches Fach-Know-how gefragt, das oft die eigenen Ressourcen übersteigt. Hier helfen Kommunikationsanbieter wie die Deutsche Telekom mit fachlicher Beratung. So nutzt z.B. der Hamburger Hafen ein Campusnetz für das Drohnen-Management in Echtzeit und die Uniklinik Bonn setzt es für die Übertragung hochauflösender Radiologiebilder ein.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 7-8/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

ITD: Welche Ziele verfolgt Ihr Unternehmen mittel- und langfristig? Was erwarten Sie in den nächsten Jahren?
Rickmann:
Für uns ist ganz entscheidend, dass wir Deutschlands Position mit Glasfaser stärken, weiße Flecken schließen und den Netzausbau auch an Autobahnen sowie Bahnstrecken vorantreiben. Wir erwarten, dass die Nachfrage nach 5G-Campusnetzen weiter steigt, und gehen insgesamt noch stärker mit Partnern in die Digitalisierungsberatung. Gemeinsam möchten wir so einen wesentlichen Beitrag zum Zukunftsstandort Deutschland leisten.

Hagen Rickmann
Alter:
54 Jahre
Familienstand: verheiratet, drei Kinder
Derzeitige Position: Geschäftsführer Geschäftskunden der Telekom Deutschland GmbH
Interessen: Digitalisierung im Mittelstand, neue Technologien, Familienzeit an der Ostsee

Bildquelle: Mike Henning

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