„Der Vorteil von virtuellen Produkten ist, dass viele Struktur- und Prozesskosten wie die Lagerhaltung oder der Versand wegfallen“, weiß Thomas Gross von Soulside.
ITD: Herr Gross, „Non-fungible Tokens“ (NFTs) sind derzeit in aller Munde und werden zu hohen Preisen verhandelt; was steckt dahinter?
Thomas Gross: NFTs bilden im übertragenen Sinne ein Kreislaufsystem, um die Werte einer Kryptowährung zu materialisieren. NFTs sind sozusagen der Gegenwert einer Kryptowährung, wodurch die Wertstabilität dieser sichergestellt werden soll. In der Realwirtschaft bilden reale Investitions- und Konsumgüter den Gegenwert einer Real-Währung wie dem Euro. In der Welt der Kryptowährungen bilden aktuell NFTs, d.h. virtuelle Wirtschaftsgüter, z.B. den Gegenwert zum Bitcoin. Aufgrund der hohen Bewertung der Kryptowährungen und dem noch geringen Angebot an NFT Produkten, haben diese zum Teil sehr hohe Preise. Aktuell stützen sich die Werte von Kryptowährungen noch an einer positiven Zukunftsprognose, in der sicherlich reale und virtuelle Produkte mit Kryptowährungen gekauft werden können. Sollten Kryptowährungen in die physische Produktwelt keinen Einzug finden, werden sich deren Werte nach unten entwickeln.
ITD: Welches Potenzial schlummert aus Ihrer Sicht in dem neuen Wachstumsmarkt?
Gross: Kryptowährungen sind die Vorboten eines neuen Marktes. Sie bilden quasi die Grundlage einer virtuellen Welt (Metaversum) in der wir uns künftig bewegen werden. In dieser virtuellen Welt werden wir genau so konsumieren, wie in der realen, physischen Welt. Dabei wird die virtuelle Welt nach und nach Teil der realen Welt werden. In der virtuellen Welt werden wir uns mit Kleidung, Autos und anderen Artikeln eindecken, genauso wie in der realen Welt. Diese virtuellen Produkte werden mit Kryptowährungen bezahlt. Aktuell gibt es bereits „genug“ virtuelle Währungen. Was nachgezogen werden muss, sind virtuelle Welten, in denen man diese Produkte konsumiert. Mit dem Metaversum hat die neue Zeitreise begonnen. Dadurch entstehen künftig völlig neue Absatzmärkte, was ein nachhaltiges Wachstum bedeutet.
ITD: Welche Chancen ergeben sich für kleinere Marken und E-Commerce-Händler?
Gross: Für kleine Marken ergeben sich neue Perspektiven. Während in der realen Welt die Absatzmärkte mit sehr bekannten Brands schon bedient werden, sind die Marktverhältnisse in der virtuellen Welt noch völlig offen. Dadurch können sich kleinere Marken sehr stark positionieren. Voraussetzung dafür ist, dass diese rechtzeitig und nachhaltig die richtigen virtuellen Produkte für die richtigen Absatzmärkte im Metaversum entwickeln. Dabei gelten die gleichen Marktregeln wie in der Realwirtschaft. E-Commerce-Händlern ergibt sich eine sehr große Chance. Sie können völlig neue Absatzmärkte erschließen. Ein Onlinehändler verkauft künftig nicht nur physische, sondern auch virtuelle Produkte. Der Vorteil von virtuellen Produkten ist, dass viele Struktur- und Prozesskosten wie die Lagerhaltung oder der Versand wegfallen. Das wirkt positiv auf die Geschäftsmodelle der ohnehin Rendite schwachen Geschäftsmodelle des Onlinehandels. Zudem ergeben sich für Onlinehändler nicht nur neue Absatzmärkte, sondern auch neue Vertriebskanäle. Künftig wird es möglich sein, im Metaversum neben virtuellen Produkten auch physische Produkte kaufen zu können. D.h., Marken werden das Metaversum nutzen, um die Konsumenten auch mit physischen Produkten anzusprechen. Daraus werden sich völlig neuartige Online-Shop Technologien ergeben. Wir werden uns künftig in virtuellen Einkaufswelten bewegen, in denen wir virtuelle und physische Produkte kaufen. Es wird so weit gehen, dass wir ein Sneaker-Modell sowohl virtuell als auch in der realen Welt tragen werden.
ITD: Für Skeptiker ist der NFT-Hype eine Blase, die platzen wird. Was denken Sie darüber?
Gross: Ich gehe nicht davon aus, dass NFTs nur ein Hype sind. Als NFTs werden von der Mehrheit virtuelle Produkte verstanden, und diese werden mit Sicherheit künftig eine große Nachfrage genießen. NFT beschreibt vor allem auch einen technologischen Prozess, wie Produkte in ihrer Art für die virtuelle Welt geprägt werden. So wird über den NFT-Prozess ein virtuelles Produkt in seiner Art als einzigartig geprägt. Das ist wie ein hoch gehandeltes Kunstwerk, dass es auch nur einmalig gibt. Diese gehandelten Preise für solche Produkte sind entsprechend hoch. Ein NFT kann für ein virtuelles Produkt aber auch mehrfach ausgegeben werden. So können auch virtuelle Konsumgüter in der virtuellen Welt in seiner Echtheit geprägt werden.
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Über den NFT-Prozess werden technisch betrachtet aber auch NFT-Produkte mit einer virtuellen Währung verknüpft. D.h., ein Produkt wird handelbar gemacht. Ob es zum aktuellen NFT-Prozess künftig auch noch andere Verfahren für die Prägung von virtuellen Produkten gibt, ist offen. Ich gehe jedoch fest davon aus.
ITD: Inwiefern ist der Handel auch mit Risiken verbunden?
Gross: Ein Risiko ist sowohl eine Chance aber auch eine Gefahr. Ich habe die Chancen von NFTs bereits erläutert. Natürlich gehen für den Handel auch sehr viele Gefahren einher. Unternehmen, welche sich strategisch und technologisch nicht auf das Metaversum mit virtuellen Produkten vorbereiten, werden künftig schwer zu kämpfen haben. Das Kaufverhalten wird sich noch stärker verändern wie in der Vergangenheit. Der E-Commerce-Markt mit dem Onlinehandel war nur die erste Evolutionswelle. Der Change-Prozess des Handels hat erst begonnen. Dieser wirkt sich auf die gesamte Infrastruktur des Handels aus.
Bildquelle: Soulside