Lynn Thorenz, Director Research & Consulting, IDC Deutschland

Mehr als ein Projekt

Die Verantwortliche des IDC Cloud White Paper, Lynn Thorenz, schildert uns ihre Sicht der Dinge auf die neue Art des Software-Bezugs.

Lynn Thorenz, Director Research & Consulting, IDC Deutschland

Lynn Thorenz: „IDC schätzt, dass der Markt für Cloud Services in Deutschland bis 2014 um durchschnittlich 41 Prozent auf 1,4 Mrd. Euro wachsen wird.“

Redaktion: Frau Thorenz, was ist Cloud Computing: lediglich eine temporäre Ergänzung zur Abfederung von Lastspitzen in eher unkritischen Bereichen, eine neue Art der IT-Beschaffung oder tatsächlich eine Revolution des traditionellen Software-Vertriebsmodells?
L. Thorenz: Am Markt hat sich bisher immer noch keine einheitliche Definition von Cloud Computing etablieren können. Fragt man aber Unternehmen heute, wie sie die zukünftige Entwicklung von Cloud Computing einschätzen, so ist die Antwort sehr positiv, wie unsere Befragung für Microsoft gezeigt hat. 43 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass sich Cloud Computing in den nächsten zwei bis fünf Jahren bei den Anwenderunternehmen etablieren wird und damit zusätzliche Ressourcen in der Beschaffung von IT ermöglicht.

27 Prozent der befragten Unternehmen sind etwas zurückhaltender und gehen von einer langsameren Entwicklung aus (in den nächsten fünf bis zehn ­Jahren). Knapp 17 Prozent sehen sogar eine Revolution von künftigen Beschaffungswegen der IT. Nur fünf Prozent der Befragungsteilnehmer halten Cloud Computing noch für ein unbedeutendes Schlagwort. Die Umfrageergebnisse zeigen deutlich, dass Cloud Computing kein Schlagwort mehr ist, sondern bereits deutlich an Reife gewonnen hat.

Betrachtet man nun die Entwicklung der Software-Anbieter, so geht IDC davon aus, dass Cloud Computing deren Geschäftsmodelle auf lange Sicht komplett verändern wird. IDC schätzt, dass der Markt für Cloud Services (SaaS, IaaS, PaaS) in Deutschland bis 2014 um durchschnittlich 41 Prozent auf 1,4 Mrd. Euro wachsen wird. Im Vergleich dazu wächst der deutsche Software-Markt bis 2014 durchschnittlich um 4,5 Prozent auf 16,8 Mrd. Euro. Natürlich ist das Marktvolumen nur ein Bruchteil dessen, aber das Wachstumspotential ist beeindruckend. Die Geschäftsmodelle der Anbieter werden sich von der Produktentwicklung bis hin zum Vertrieb ändern und neue Anbieter werden ihre Produkte im Markt positionieren.

Redaktion: Die Begrifflichkeit „Cloud“ folgt anderen Marketing-Schlagworten wie SOA, Green IT oder ganz früher ASP. Inwieweit besitzt Cloud mehr Substanz?
L. Thorenz: Vergleicht man IDC-Befragungsergebnisse von 2009 und 2011, wird deutlich, dass Cloud Computing sich inzwischen immer weiter etabliert. Bei der Umfrage zum gleichen Thema im Jahr 2009 musste IDC noch über 800 Unternehmen befragen, um 200 Entscheider zu finden, die sich mit Cloud Computing bereits näher beschäftigt hatten. Damals hatten sich also knapp 80 Prozent der befragten Teilnehmer noch nicht weiter mit dem Thema auseinandergesetzt. Anfang 2011 haben von 185 Entscheidern nur 15 Prozent der Befragten angegeben, sich noch nicht mit dem Thema beschäftigt zu haben.

Immerhin 13 Prozent der Entscheider nutzen bereits Cloud Services und 14 Prozent der befragten Unternehmen führen gerade einen oder mehrere Cloud Services ein. 33 Prozent sind in der Planung und 25 Prozent fangen gerade erst an, sich mit Cloud Computing auseinanderzusetzen. Cloud Computing ist aus Sicht von IDC also durchaus heute bereits Realität. Zudem gibt es mittlerweile ein großes Angebot von Cloud Computing-Lösungen am Markt und IDC rechnet damit, dass es immer mehr Angebote und Cloud Services geben wird. Cloud Computing hat also schon heute deutlich mehr Substanz als andere Trend-Themen vorher und die Aussichten sind vielversprechend.

Redaktion: Welche organisatorischen Voraussetzungen müssen solche Unternehmen schaffen, die den Weg in die Cloud gehen wollen?
L. Thorenz: Auf dem Weg in die Cloud gibt es grundsätzlich viele Fragestellungen zu bedenken. Vor allem müssen sich die Unternehmen wie bei jedem anderen neuen IT-Thema auch darüber klar werden, was sie konkret wollen, also ihre eigene Cloud-Strategie (bzw. weiter gefasst auch Sourcing-Strategie) definieren. Wofür genau möchte das Unternehmen Cloud Services nutzen? Eine große Rolle spielen bei der Frage auch die derzeitigen Gegebenheiten der eigenen IT, allen voran das gewünschte Maß an Interoperabilität, oder auch, ob durch Einführung von Cloud Services Redundanzen geschaffen würden.

„Junge“ Unternehmen, die bisher über keine größere IT-Landschaft verfügen, tun sich hier einfacher als Unternehmen, die bereits eine gewachsene IT-Infrastruktur, viele ­Applikationen und komplexe Strukturen besitzen. Organisatorisch gesehen sind die internen Prozesse zu hinterfragen. Dies beginnt mit der Klärung der Verantwortlichkeiten für das Provider Management, das Bezahlmodell und gegebenenfalls die Leistungsverrechnung der IT, Möglichkeiten zur Schulung der Anwender, für den Notfall Rückführbarkeit des Projekts oder auch die sicherheits- und datenschutzrelevanten Aspekte. Abhängig von der Unternehmensgröße wird es in der Regel notwendig sein, mehrere Parteien des Unternehmens an einen Tisch zu bringen. Die Einführung von Cloud Services in einem größeren Rahmen sollte daher nicht unterschätzt und als Projekt wahrgenommen werden.


Redaktion: Die Basis für Cloud Computing sind standardisierte und automatisierte IT-Prozesse. Wie weit sind die Unternehmen auf dem Weg dorthin?
L. Thorenz: Viele Unternehmen sind derzeit dabei, ihre IT-Landschaften zu konsolidieren und zu standardisieren. Heute werden teilweise 70 bis 80 Prozent des IT-Budgets immer noch für den operativen Betrieb eines veralteten und heterogenen IT-Dschungels verwendet. Die Anforderungen an die IT verändern sich jedoch stark. Die IT muss Transparenz im Unternehmen schaffen und einen deutlich größeren eigenen Beitrag zur Wertschöpfung leisten. Dadurch wandelt sich auch die Rolle der IT-Abteilungen und ihrer Mitarbeiter. Zukünftig wird immer stärker das Thema Prozesse in den Fokus rücken.

Die Rolle der IT-Abteilungen wird es sein, die zunehmende Komplexität nicht auf dem technischen, sondern auf Prozess-Level zu organisieren. Durch die Nutzung von Cloud Services rückt auch der Fokus der IT weg von den reinen technischen Themen wie Implementierung, Releasewechsel, Wartung oder Betrieb. Die IT-Mitarbeiter können sich stattdessen besser auf die Unterstützung der Geschäftsprozesse durch den schnellen Einsatz der richtigen Lösung konzentrieren.

Redaktion: Was in diesem Prozess wirkt bremsend, was beschleunigend?
L. Thorenz: Eine Mischung aus Bedenken und Antriebsfaktoren führt dazu, dass die befragten Entscheider heute Private Cloud-Szenarien gegenüber dem Einsatz von Public Cloud Services bevorzugen. Insbesondere die Hürden wie Sicherheitsbedenken stellen momentan wesentliche Knackpunkte für die aktuelle Verbreitung von Public Cloud Services dar. Auf die Frage, wie die Entscheider die Hindernisse für Private Cloud Services beurteilen, fällt die Einschätzung bei den „Sicherheitsbedenken“ und zum „Datenstandort“ deutlich positiver aus.

Die Nutzung einer Private Cloud stellt für die Anwender demnach einen Lösungsansatz zur Überwindung der Barrieren dar. Die befragten Unternehmen planen im Durchschnitt zu 20 Prozent den Einsatz von Public Cloud bzw. zu 15 Prozent die Einführung von Private Cloud Services. Public Cloud gewinnt damit langsam an Bedeutung. Der Weg in die Public Cloud führt aus Sicht von IDC bei vielen Unternehmen über die Private Cloud. IDC rechnet daher mit einem zunehmenden Mix aus Private und Public Cloud-Nutzung, auch als Hybrid Cloud bezeichnet. Je reifer aber die Public Cloud-Angebote werden und die Bedenken ausgeräumt werden können, desto mehr werden sich auch Public Cloud Services durchsetzen.

Redaktion: Kein Unternehmen wird seine bisherige IT-Infrastruktur im Hauruck-Verfahren austauschen. Wie sehen realistische Cloud Computing-Konzepte in der Praxis aus?
L. Thorenz: In der Praxis beobachtet IDC häufig ein Vorgehen in kleinen Schritten. In der Regel beginnen Unternehmen mit einem überschaubaren Cloud-Pilotprojekt und gewinnen so ihre eigenen Erfahrungen mit der Cloud, die sie für die nächsten Projekte nutzen. Initiatoren von Cloud-Investitionen kommen zu 56 Prozent laut der Befragung aus den IT-Abteilungen. Trotzdem zeigt das Interesse der Business-Entscheider ebenso, dass Cloud Computing nicht nur ein reines Technologiethema ist und auch jenseits der IT-Abteilungen eine beachtliche Aufmerksamkeit findet.

Insgesamt wägt natürlich in der Regel jedes Unternehmen seine Investitionen genau ab. Gerade für Unternehmen, die vor der Entscheidung stehen, in eine neue IT-Infrastruktur investieren zu müssen, birgt Cloud Computing viele Vorteile. Auch für kleine und mittelgroße Unternehmen, für die sich eine eigene aufwendig zu betreibende IT-Infrastruktur nicht rechnet, ergibt sich die Chance, neue IT-Lösungen nutzen zu können, wofür Investitionen vorher nicht denkbar waren.

Redaktion: Eine Schwierigkeit dürfte sein, die über das Internet bezogenen Cloud Services in die bestehenden IT-Strukturen zu integrieren. Inwiefern können die Cloud-Dienste verschiedener Anbieter miteinander verbunden und zentral zusammengeführt werden? Und inwiefern können Cloud-Lösungen mit der im Unternehmen vorhandenen Software – eventuell gar mit eigenentwickelten Applikationen – integriert werden? Wie standardisiert sind Cloud Services?
L. Thorenz: Integration in vorhandene IT-Strukturen ist in jedem Fall ein Knackpunkt, je nachdem, wie viel Interoperabilität notwendig oder gewünscht ist. Momentan haben sich am Markt noch keine Standards oder De-facto-Standards etablieren können, mit de­nen man Systeme mit relativ geringem Aufwand zusammenführen könnte. Wie es in der Praxis umgesetzt werden kann, hängt im Einzelfall auch von den Gegebenheiten der vorhandenen IT ab.

Die Standardisierung wird aber aktuell industrieweit diskutiert und es sind bereits erste Lösungsansätze vorhanden. Dennoch: Die Umsetzung steht noch am Anfang. Im Sinne einer weiteren Steigerung von Cloud Computing bei den Unternehmen hält IDC aber eine steigende Standardisierung für unbedingt notwendig. Zudem rechnet IDC auch mit hybriden Szenarien, also einer Verbindung aus on premise und Cloud-Lö­sungen.

Redaktion: Welche Aufgaben haben die Anbieter noch zu erfüllen, um das Schlagwort „Cloud Computing“ mit Leben und vor allem inhaltlicher Substanz zu füllen?
L. Thorenz: Um den Anwendern Cloud Computing verständlich zu machen, gibt es noch einiges zu tun. Vor allem aber stehen die Anbieter vor der Aufgabe, die Bedenken der Anwender in Bezug auf die Nutzung von Cloud Computing zu lösen. An erster Stelle stehen dabei die Sicherheits- und Datenschutzbedenken. Außerdem ist eine höhere Standardisierung notwendig, um Portierbarkeit zu sichern, damit die Sorge vor der Abhängigkeit von einem Anbieter relativiert werden kann. Zudem ist es aus Sicht von IDC sinnvoll, den Anwendern Brücken von der alten in die neue Welt zu schaffen und somit den Einstieg zu erleichtern. Viele Praxisbeispiele und auch Wirtschaftlichkeitsstudien können dabei helfen. Nach wie vor sind die Anbieter gefragt, Anwenderunternehmen zu beraten und auch über die neuen Möglichkeiten aufzuklären.

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