Mandy Andress: „Ganz oben auf der Agenda steht der Umgang mit menschlichem Versagen.“
ITD: Frau Andress, seit nunmehr zwei Jahren hat die Bedeutung von Homeoffice und Remote Work auch in Deutschland rasant zugenommen. Welche Rolle kommt dabei insbesondere der Endpoint Security zu?
Mandy Andress: Nach der ersten großen Umstellung der Unternehmen auf Homeoffice mussten sich diese schnell mit einer Reihe neuer Sicherheitsrisiken auseinandersetzen, die durch die plötzliche Zunahme von Remote-Endpunkten entstanden. Denn die von Mitarbeitern verwendeten Desktops, Laptops und mobilen Geräte im Homeoffice können wesentlich anfälliger für Angriffe sein als die Geräte im Büro – von unzureichenden Firewalls und der Nutzung von Firmen-Hardware für den persönlichen Gebrauch bis hin zur Verwendung von schwachen Passwörtern. Damit können sie zu leichten Einstiegspunkten für Cyberkriminelle werden.
ITD: Welche Art von Cyberangriffen konnten Sie in der Praxis in der letzten Zeit verstärkt beobachten?
Andress: Wir sehen eine Vielzahl von Phishing-Angriffen mit dem Ziel, Cryptomining-Tools zu installieren oder die Mitarbeiter dazu zu bringen, ihre Anmeldedaten preiszugeben. Darüber hinaus wird unsere Umgebung von Kriminellen ausgiebig gescannt, um Fehlkonfigurationen – und hier besonders Standardkonfigurationen – in unserer Infrastruktur zu finden. Ganz oben auf unserer Agenda steht jedoch der Umgang mit menschlichem Versagen. Denn das ist das bei Weitem größte Risiko, welches wir für die erfolgreiche Abwehr von Cyberangriffe zu reduzieren versuchen.
ITD: Weshalb ist eine Zero-Trust-Strategie der gangbarste Ansatz?
Andress: „Alles innerhalb des Unternehmensperimeters ist sicher“ – dieser Security-Grundsatz gilt schon lange nicht mehr. Tatsächlich kommt es immer wieder zu internen Verstößen gegen die Cybersicherheit, angefangen bei unbeabsichtigten Vorfällen wie dem Anklicken von Phishing-E-Mails oder den offenen Bildschirmen beim Verlassen eines Arbeitsplatzes bis hin zu böswilligen Insidern, die geheime Dokumente stehlen oder wichtige Anlagen sabotieren wollen.
Zero Trust ist ein erfolgreicher Ansatz für das Risikomanagement, der übersetzt bedeutet: „Vertraue auf nichts und zeichne alles auf.“ Ausgangspunkt ist die Annahme, dass kein Benutzer oder Gerät vertrauenswürdig ist. Die Anwenderauthentifizierung wird dabei kontinuierlich überprüft und in Echtzeit aufgezeichnet. Bei diesem Ansatz geht man nicht automatisch davon aus, dass ein Benutzer, der mit den richtigen Anmeldedaten angemeldet ist, identisch ist mit der Person, für die er sich ausgibt.
Unternehmen sind durch den Switch zu Remote Working und die Zunahme von Endgeräten im Unternehmen noch anfälliger für Malware, Spyware und Ransomware geworden. Eine Zero-Trust-Sicherheitsstrategie reduziert den Schaden erheblich, die ein potenzieller Cyberangreifer verursachen kann. Denn sie ermöglicht, dass den Mitarbeitern des Unternehmens nur der Zugang mit den geringsten Rechten eingeräumt wird.
ITD: Das Homeoffice hat Sicherheitsfragen ein neues Augenmerk geschenkt. Ist aus Ihrer Sicht ein grundsätzliches Umdenken von IT-Security vonnöten?
Andress: Definitiv – die heutigen Sicherheitsstrategien sollten auf Zero Trust basieren und idealerweise synchron mit einer neuen oder aktualisierten Infrastruktur geplant werden (Security by Design). Cyberangriffe werden immer ausgefeilter und Unternehmen müssen ihre Sicherheitsmaßnahmen professionalisieren. Eine ganzheitliche Security-Strategie ist notwendig, ebenso wie die Integration von Machine Learning und Automatisierung, um die Arbeitsbelastung der Security-Teams zu reduzieren. Allerdings lässt sich nicht alles durch Technologie lösen. Mitarbeiter müssen regelmäßig geschult werden, um mögliche Bedrohungen zu erkennen und wachsam zu bleiben, wenn sie E-Mails, Dokumente, Anhänge oder Links erhalten, selbst von „vertrauenswürdigen“ Quellen.
Eine erfolgreiche Cybersicherheitsstrategie benötigt auch die Mitarbeit des Vorstands, um sicherzustellen, dass eine Kultur des Bewusstseins und der Prävention von oben nach unten gefördert wird.
ITD: Welches sind aus Ihrer Sicht die Trends in Bezug auf IT-Sicherheit?
Andress: Beinahe jedes Unternehmen investiert in die Cloud sowie in die Optimierung der Cloud-Umgebung. Die Möglichkeit, die Sicherheitslage an einem Ort und in Echtzeit zusammenzufassen sowie Abhilfemaßnahmen zu automatisieren, wird für Unternehmen entscheidend sein, um skalieren und mit der Geschwindigkeit der heutigen Sicherheitsanforderungen mithalten zu können.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 12/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Ein weiterer Trend, der sich durchsetzt: Sicherheitsteams bringen immer mehr Verständnis für die Anwender auf. Die Sicherheits-Community hat in der Vergangenheit eine Kultur der Schuldzuweisung praktiziert, bei der die Nutzer für Sicherheitsmängel verantwortlich gemacht wurden – das ist für niemanden hilfreich. Ich bin froh darüber, dass sich sowohl interne Sicherheitsteams als auch -unternehmen mehr auf die menschliche Erfahrung konzentrieren. Das führt zu einem stärkeren Engagement und motiviert uns alle letztlich, unsere Aktivitäten sicherer zu gestalten.
Bildquelle: Elastic