„Moderne VSM-Tools machen Arbeitsabläufe von Anfang bis Ende mess- und sichtbar“, so Peter Vollmer, Distinguished Technologist bei Micro Focus. ((Bildquelle: Getty Images/iStock/Getty Images Plus))
Immer mehr Unternehmen folgen dem Konzept des Value Stream Managements (VSM) als Weiterentwicklung agiler Methoden. ((Bildquelle: Micro Focus))
Agilität ist nicht nur Sache der IT, sondern wird auf das gesamte Unternehmen ausgeweitet. Dabei spielt Value Stream Management eine zentrale Rolle. ((Bildquelle: Micro Focus))
Carlota Pérez schildert dies eindrücklich in ihren Forschungsarbeit über die fünf technologischen Revolutionen der letzten 200 Jahre. Jede dieser technischen Revolutionen zwang die Gesellschaft und ihre Marktteilnehmer sich entsprechend anzupassen oder von der Entwicklung abgehängt zu werden. Das gilt auch in der aktuellen digitalen Revolution. Wer sich nicht anpasst, verliert seine Relevanz am Markt. Deutlich wird dies in der Entwicklung des Aktienindex S&P 500 in den vergangenen Jahrzehnten: 52 Prozent der Fortune 500 wurden zwischen 2000 und 2015 entweder gekauft, fusioniert, gingen insolvent oder fielen aus den Top 500 - Tendenz steigend.
Resilienz, Innovations- und Anpassungsfähigkeit haben deshalb bei den meisten Unternehmen im Blick auf das hohe Tempo der Digitalen Transformation oberste Priorität. Es geht in der Praxis nicht nur um Technik, Mikrochips, Produkte und Features. Vielmehr geht es darum, wie schnell und effizient sich Menschen und die Organisationen an veränderte Marktbedingungen anpassen, Prozesse angleichen und neue Produkte und Lösungen entwickeln. Wenn also gewohnte Arbeitsweisen nicht mehr zu den gewünschten Resultaten führen, oft trotz längerem und härterem arbeiten, dann ist es Zeit, über neue Denkweisen und Ansätze nachzudenken. So folgen heute immer mehr Unternehmen dem Konzept des Value Stream Managements (VSM) als Weiterentwicklung agiler Methoden sowie gängiger DevOps-Prinzipien und -Praktiken.
Als Henry Ford 1908 sein Model-T auf den Markt brachte und ab 1913 am Fließband produzieren ließ, konnte er mit demselben Modell bis 1925 den Automobilmarkt dominieren. Durch Produktionsoptimierung konnte er den Herstellungspreis mehr als halbieren und so das Auto zum Massenprodukt machen. Selbst Arbeiter in der eigenen Fabrik konnten sich nun ein Auto leisten. Diese Erfolge prägten das Bild eines Unternehmens als gut geölte Maschine: Erfolg entsteht durch ständiges Optimieren eines vorhandenen Systems. Der heutige Markt zeigt uns ein anderes Bild, der Lebenszyklus eines Produktes verkürzt sich immer mehr, es braucht immer neue Produkte und Innovationen, um am Markt erfolgreich zu sein. Das neue Bild entspricht eher einem sich anpassenden Organismus. Das Unternehmen muss ständig dazu lernen und sich an die sich ändernden Marktbedingungen anpassen. Dieser Wandel zeigt sich auch in den neuen Begrifflichkeiten, man spricht von Business Agility und „learning organizations“. Agilität ist nicht nur Sache der IT, sondern wird auf das gesamte Unternehmen ausgeweitet. Dabei spielt Value Stream Management eine zentrale Rolle.
Um auch künftig gute Ergebnisse zu erzielen, müssen Business und IT eng zusammenarbeiten und sich als gleichberechtigte Partner betrachten. Wertströme werden so gemeinsam analysiert und verbessert. Ein gängiges Beispiel ist das Automatisieren von Prozessen mittels Künstlicher Intelligenz (KI) im Call Center: Bearbeitet die KI 80 Prozent der Probleme, kann der Level-eins-Support, also eher langweilige und monotone Arbeitsplätze, durch interessante, kreative Tätigkeiten ersetzt werden, was wiederum zu zufriedeneren Angestellten führen kann. Für das Business ist die Qualität und Effizienz des Call-Center-Services entscheidend, jedoch ist es aufgrund des technologischen Know-hows eher die IT, die das Potenzial von KI erkennt und dazu eine Lösung anbieten kann.
Doch ein „digitales Dilemma“ lauert noch davor, wie die aktuelle Studie von Roland Berger deutlich macht. Organisationen sind oft noch nach dem von Henry Ford vertretenen alten, tayloristischen Weltbild aufgesetzt und deshalb trotz vorhandener Innovationen und Technologie nicht in der Lage, die notwendige Transformation umzusetzen. Erst wenn das neue Selbstverständnis des sich anpassenden Organismus verstanden und umgesetzt wird, können innovative Produkte und Dienstleistungen schnell genug entwickelt und die Digitale Transformation gemeistert werden. Was IT-Unternehmen, allen voran CIOs, schon lange wollen, wird dann Wirklichkeit. Veränderte Arbeitsweisen, wie beispielsweise agile Skalierungsmethoden und DevOps in Kombination mit Innovation wie ABC (AI, Big Data und Cloud), Open-Source-Tools, Cloud-natives Design sowie Microservices haben die Softwareentwicklung in Unternehmen verändert. Wertstrom-Management hilft dabei, geschäftlichen Prioritäten strategisch mit der Produktbereitstellung zu koordinieren und eine ganzheitliche Sichtweise einzunehmen.
Wie sieht das Arbeiten mit dem Prinzip der Value Streams nun konkret aus? Statt in abgeschotteten Silos wird in kleinen, schlagkräftigen Teams gearbeitet. Diese agilen Teams werden um die Wertströme organisiert, was Wartezeiten und Kontext-Switches stark reduziert. Alle am Wertstrom beteiligten Teams haben dasselbe Ziel, jedoch minimale Abhängigkeiten und sind dementsprechend auf- und miteinander abgestimmt – entsprechend der Erkenntnisse von Team-Topologies sowie den Prinzipien der dynamischen Skalierung. John Paul Kotter, einer der profiliertesten Experten für Veränderungsmanagement, spricht hier von einem „Dual Operating System“, in dem Netzwerk und Hierarchie sich optimal ergänzen.
Durch diese Art der Organisation werden Wertströme global optimiert und das Taktieren einzelner auf Kosten des Unternehmens weitgehend verhindert. Die gewonnene Zeit und Energie kann nun in die Wertschöpfung investiert werden. Durch die Sicht auf die Wertströme und deren globale Optimierung steht die Frage im Vordergrund: Was ist das Beste für das Unternehmen? Nicht, was ist am besten für einzelne Silo-Könige.
VSM harmonisiert die kritischen Software-Entwicklungsbemühungen eines Unternehmens und bietet eine ganzheitliche Sicht auf den gesamten Software-Entwicklungsprozess über ein breites Spektrum von Variablen. Das ist unverzichtbar, um Wertschöpfung, Kundenzufriedenheit und schließlich den eigenen Wettbewerbsvorteil zu maximieren.
Wertstrom-Management macht sichtbar, wo „bottlenecks“ auftreten und an welchen Stellen Unternehmen zu langsam sind. Wenn die Probleme erst identifiziert sind, kann man sie auch gezielt lösen. Entsprechende Verbesserungsmaßnahmen machen die Entwicklung der IT-Systeme schneller und flexibler, und damit letztendlich auch die Fähigkeit der Unternehmen, ihre Wertströme schnell an Marktgegebenheiten anzupassen und zu optimieren.
Traditionell wird aber oft blind optimiert, im schlimmsten Fall werden lokale Optimierungen auf Kosten der globalen Performance vorgenommen oder hohe Investitionen in Verbesserungen haben eine marginale Auswirkung auf den Gesamtprozess. Um Wertströme sinnvoll von Ende zu Ende zu optimieren, gilt es die Engpässe zu erkennen, zu analysieren und systematisch schrittweise aufzulösen. Dieser iterative, nicht lineare Prozess minimiert die Anzahl und Größe der Flaschenhälse und bringt den gewünschten Mehrwert.
Moderne VSM-Tools machen Arbeitsabläufe von Anfang bis Ende mess- und sichtbar. Im Gegensatz zu klassischen Value-Stream-Mapping-Ansätzen wird der Prozess automatisch und in Echtzeit gemessen und stellt nicht nur einen Snapshot zu einem gewissen Zeitpunkt dar. Trotzdem bleibt das klassische Value Stream Mapping eine wichtige Voraussetzung, um Wertströme im Unternehmen zu visualisieren und das VSM-Tool entsprechend zu konfigurieren. Nur so erhält man zutreffende Metriken und Analysen, um den Prozess kontinuierlich zu verbessern.
Eine moderne, durchgängige Wertstrom-Management-Plattform bietet nicht nur Einblicke in Echtzeit. Sie erleichtert auch die Fähigkeit, Maßnahmen zu ergreifen – wo und wann immer dies erforderlich ist. Wertstrom-Management-Plattformen sind flexible Systeme, die sich in Ihre bestehenden Tool Chains integrieren lassen. Gleichzeitig bieten sie erweiterte Funktionen und Möglichkeiten, einschließlich prädiktiver KI, intelligenter Automatisierung und kontinuierlicher Qualität.
Als anbieterübergreifende Organisation setzt sich das VSM-Consortium, dem zahlreiche große Technologieunternehmen und Software-Entwickler angehören, für Standards eines systemischen Ansatzes ein. Die jährliche Studie „The State of Value Stream Report“ gibt dazu einen umfassenden Überblick.
Eine umfassende Lösung, die auf das beschriebene Value-Stream-Mindset baut, ist Value Edge von Micro Focus. Es hilft das Wertstrom-Management und geschäftliche Prioritäten strategisch mit der Produktbereitstellung zu koordinieren und so die notwendige Flexibilität und Resilienz aufzubauen, um den Herausforderungen einer sich immer schneller wandelnden Zukunft gerüstet zu sein.
Wie bei den meisten Vorgehensweisen, ist die richtige Kombination von Menschen, Prozessen und Technologie entscheidend für den Erfolg. Ein gutes Führungsteam demonstriert dies durch eigene kontinuierliche Weiterbildung und schafft so eine Umgebung, in der ihre Mitarbeiter erfolgreich arbeiten können. Denn ohne das entsprechende Wissen und eine zielgerichtete Vision sind notwendige Innovationen und Anpassungen kaum umzusetzen. Man kann nur die Erkenntnisse einsetzen, anführen und antreiben, wenn man das auch gelernt und verstanden hat. Value Stream Management sollte deshalb auf jeder Management-Lernliste im oberen Teil stehen.
Organisationen, die ihre Entwicklungsprozesse mit Value Stream Management optimieren, identifizieren und beheben Engpässe, verbessern Prozesse und steigern sowohl den Durchsatz als auch die Qualität ihrer Entwicklung und sind in der Lage sich an veränderte Marktbedingungen schneller anzupassen. Kurz gesagt: Sie schaffen mehr Werte durch ihre Anpassungsfähigkeit und systematisches Optimieren der Wertströme.