Unitymedia KabelBW bietet u.a. TV-, Internet- und Telefonieprodukte an.
Jan Bock, CIO bei Unitymedia KabelBW
Seit dem 1. Juli 2012 firmieren Unitymedia und KabelBW als ein gemeinsames Unternehmen. Aufgrund des jeweils separaten Produktportfolios gab es nach dem Zusammenschluss kein einheitliches Kundenerlebnis. Zudem waren unterschiedliche Prozesse und IT-Systeme im Einsatz. Vor diesem Hintergrund starteten die Verantwortlichen bereits 2012 das interne Programm „Mach 1“. Ziel war die Schaffung einer einheitlichen Prozess- und Systemlandschaft für das frisch fusionierte Unternehmen. Im Gespräch mit IT-DIRECTOR erläutert CIO Jan Bock, worauf es bei der IT-Integration genau ankam und welcher Aufwand damit verbunden war.
IT-DIRECTOR: Herr Bock, welche Folgen hatte der Zusammenschluss von Unitymedia und KabelBW?
J. Bock: Wir konnten zum einen unsere Kundenbasis erweitern und zum anderen in ein neues Bundesland expandieren. Gleichzeitig kam damit viel Arbeit auf die IT-Abteilung zu. Denn im Zuge der Integration beider Unternehmen mussten wir auch die IT zusammenführen. Von daher scannten wir zunächst die IT-Landschaften und verschafften uns ein Bild über alle vorhandenen Systeme.
Im nächsten Schritt realisierten wir im Sommer 2013 die Zusammenführung beider IT-Abteilungen. Denn nach Bekanntgabe der Fusion wollten wir so schnell wie möglich eine einheitliche Organisation aufbauen. Heute betreiben wir unsere IT mit rund 140 internen Mitarbeitern vorrangig an den Standorten Köln, Kerpen und Heidelberg.
IT-DIRECTOR: Von welchen Applikationen verabschiedeten Sie sich im Zuge der Fusion?
J. Bock: Von Vorteil war, dass sowohl die Kölner als auch die baden-württembergischen Kollegen als Kernsystem „Cablemaster“ im Einsatz hatten. Hätten wir zwei komplett unterschiedliche Landschaften angetroffen, wäre die Integration sicherlich komplizierter verlaufen. Da wir beide jedoch zumindest im Kern mit demselben IT-System arbeiteten, konnten wir den Zusammenschluss deutlich beschleunigen.
IT-DIRECTOR: Wie gingen Sie bei der Bestandsaufnahme der Systeme vor?
J. Bock: Wir wollten vorrangig die rundlaufenden Systeme von KabelBW ins Gesamtunternehmen übernehmen. Dadurch war schnell klar, dass wir uns auf „Cablemaster“ als Leitsystem festlegen. Im nächsten Schritt galt es, die Zielprozesse der neuen Organisation zu definieren. Nach der Ist-Analyse entschieden wir, die bisherigen Unitymedia-Prozesse beizubehalten.
IT-DIRECTOR: Welche Risiken waren mit dem Zusammenschluss verbunden?
J. Bock: Eine missglückte Integration hätte sich negativ auf unsere Kundenbeziehungen ausgewirkt. Denn die IT ist mittlerweile ein wichtiger Bestandteil unserer Wertschöpfungskette. Ohne entsprechende Systemunterstützung würde weder die Bereitstellung unserer Multimediadienste noch die Abwicklung der Kundenaufträge funktionieren.
IT-DIRECTOR: Wann erfolgte die eigentliche Migration?
J. Bock: Wir nutzten dafür das Osterwochenende 2014. Zur Veranschaulichung des Vorhabens seien einige Zahlen genannt: Das komplette Projekt lief von November 2012 bis Juni 2014. Insgesamt setzten wir 28 verschiedene Teilprojekte auf, an denen 400 Projektmitarbeiter, 40 Lieferanten sowie zwölf Fachbereiche beteiligt waren. Dies wiederum bedeutete einen Aufwand von rund 15.000 Manntagen, 4.000 Testfällen und zwei Milliarden migrierten Datensätzen.
IT-DIRECTOR: Hatten Sie einen Plan B in der Hinterhand?
J. Bock: Wir sind das Projekt natürlich nicht blauäugig angegangen, sondern besaßen einen durchdachten Rollback-Plan. Allerdings setzten wir uns mit dem Osterwochenende einen festen Termin für die Umstellung. Denn wir wollten nicht schrittweise auf die neue IT-Struktur umsteigen. Dies wäre zwar risikoärmer, jedoch auch viel langwieriger gewesen.
IT-DIRECTOR: Was verbirgt sich hinter dem eingangs erwähnten Kernsystem Cablemaster?
J. Bock: Dabei handelt es sich um eine im Jahr 1985 speziell für Kommunikationsanbieter entwickelte Softwareplattform, die bei uns auf einer IBM AS/400 läuft. Stand heute verzeichneten wir in den letzten Jahren dank des Midrange-Servers so gut wie keine Ausfallzeiten für das System. Allerdings erhalten wir aufgrund des hohen Alters der Software keine automatischen Updates oder neue Funktionen. Von daher mussten wir besondere Supportleistungen vereinbaren und besondere Anforderungen selbst entwickeln.
IT-DIRECTOR: Die AS/400 wurde in der Vergangenheit häufig für tot erklärt, warum sind Sie der Plattform treu geblieben?
J. Bock: Da es sich um ein monolithisches Modell handelt, besitzt es im Vergleich zu anderen einen überschaubaren System-Stack. Zudem läuft unser Kernsystem „Cablemaster“, das wir für Billing, Ticketing und Mahnwesen nutzen, auf diesem Server ohne Probleme.
Schwierig gestaltet sich jedoch die Suche nach AS/400-Know-how, da viele Spezialisten eher im fortgeschrittenen Alter sind. Zudem stößt man bei Informatikstudenten eher auf ein großes Fragezeichen, wenn man sie um eine Einarbeitung in die RPG-Programmierung bittet.
IT-DIRECTOR: Betreiben Sie eigene Rechenzentren?
J. Bock: Ja, wir betreiben drei eigene Rechenzentren.
IT-DIRECTOR: Mussten Sie im Zuge der Integration hardwareseitig investieren?
J. Bock: Notwendige Hardware-Investitionen hatten wir bereits früh einkalkuliert und beispielsweise in eine größere AS/400 inklusive Power-7-Prozessoren investiert. Dabei war der Server von Beginn an so konfiguriert, dass man problemlos weitere CPUs hinzuzuschalten konnte.
Rückblickend erwies sich dies als kluge Entscheidung: Denn als Ostern 2014 der Umstieg unseres CRM-Systems (Customer Relationship Management) anstand, schien der Server unter der zusätzlichen Last in die Knie zu gehen – und dies obwohl sowohl wir selbst als auch IBM vorherige Testläufe inklusive Sizing durchgeführt hatten. Da wir die CPU-Ressourcen jedoch schnell aufstocken konnten, gelang der CRM-Umstieg problemlos.
IT-DIRECTOR: Welche CRM-Software nutzen Sie?
J. Bock: Bereits vor einiger Zeit haben wir gemeinsam mit dem Systemhaus Coraltree Systems ein modernes CRM-Frontend entwickelt und anschließend auf dem Green Screen der AS/400 aufgesetzt. Damit erhielten unsere Mitarbeiter eine intuitive und moderne Weboberfläche.
Zudem nutzen wir ein SAP-System für betriebswirtschaftliche Belange wie die Finanzbuchhaltung und den Personalbereich. Generell verzichten wir bewusst auf den Einsatz zu vieler Applikationen, um sowohl fragmentierte Daten- bzw. Systemlandschaften als auch die damit verbundenen hohen Investitionskosten zu vermeiden.
IT-DIRECTOR: Nutzen Sie das CRM-System auch mobil?
J. Bock: Im Zuge der Integration haben wir sämtliche Servicetechniker angebunden. Über eine entsprechende Schnittstelle können diese mittels mobiler Devices alle erforderlichen Daten aus den Backend-Systemen auslesen sowie auch direkt Änderungen vornehmen.
IT-DIRECTOR: Wie haben Sie den IT-Umstieg im Gesamtunternehmen kommuniziert?
J. Bock: Mit „Mach 1“ setzten wir intern ein offizielles Programm auf, das unsere Vorgehensweise genau skizzierte. Dadurch wurde für alle Mitarbeiter transparent, welche Softwaresysteme zu welchem Zeitpunkt und auf welche Weise umgestellt werden. Darüber hinaus haben wir früh die interne Kommunikation mit ins Boot geholt, um über das Projekt und den Verlauf detailliert zu informieren. Die Kommunikation erfolgte regelmäßig über verschiedene Kanäle – vom Newsletter über Intranetartikel bis zu regelmäßigen Videobotschaften.
IT-DIRECTOR: Warum war Ihnen die interne Kommunikation so wichtig?
J. Bock: Eine gute Planung reicht für den Erfolg eines IT-Projekts nicht aus. Vielmehr muss es intern auch entsprechend verkauft bzw. detailliert erklärt werden, ansonsten kann es schnell passieren, dass die Endnutzer die neue Umgebung nicht annehmen.
IT-DIRECTOR: Welche einzelnen „Meilensteine“ sah der Programmablauf vor?
J. Bock: Wir haben einen konkreten Fahrplan für die Umstellung der Systeme erstellt. In diesem Rahmen überprüften wir bei sämtlichen Teilprojekten, ob sie von der finalen Migration betroffen waren. War dies nicht der Fall, haben wir deren Umstellung bereits im Vorfeld realisiert. So konnten wir bereits im Oktober 2013 mit den ersten Aktionen beginnen.
IT-DIRECTOR: Welche Teilprojekte waren davon betroffen?
J. Bock: Wir haben zunächst die Stammdaten bereinigt und uns von überflüssigen Altsystemen getrennt, da wir nicht jede von KabelBW in den vergangenen Jahren implementierte Software migrieren wollten.
Generell wollten wir ein jahrelanges Mammutprojekt, das überdies Unmengen an Investitionen verschluckt hätte, vermeiden. Deshalb haben wir die gesamte Organisation auf den Ostertermin 2014 eingeschworen. Selbst als es an der einen oder anderen Stelle im Projekt plötzlich hakte, wollten wir keine Verzögerungen in Kauf nehmen. Getreu dem Motto „Augen zu und durch“ wollten wir eher im Nachgang weitere Verbesserungen bzw. den Feinschliff der Systeme vornehmen.
IT-DIRECTOR: Inwiefern haben Sie auf externe Unterstützung zurückgegriffen?
J. Bock: Wir haben viele externe Experten herangezogen, darunter die Hersteller unserer Softwaresysteme sowie spezialisierte IT-Dienstleister. Darüber hinaus hat uns das Beratungshaus Accenture bei der Durchführung der gesamten Fusion begleitet. Zwar konnten uns die Berater technologisch nur wenig helfen, allerdings unterstützten sie uns mit ihrer Erfahrung aus Migrationsprojekten bei der Organisation der Ablaufsplanung.
Über Unitymedia KabelBW
Das Unternehmen entstand 2012 aus dem Zusammenschluss der beiden Firmen und ist nach Umsatz der größte Kabelnetzbetreiber Deutschlands. Am Hauptsitz in Köln sowie an weiteren Standorten in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg beschäftigt der Telekommunikations- und Medienspezialist rund 2.700 Mitarbeiter. Das Unternehmen bietet nicht nur Internet-, TV- und Telefonieprodukte für Privatkunden, sondern auch Internetlösungen für das Geschäftssegment. Erhältlich sind die Produkte und Lösungen im Verbreitungsgebiet in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg.
Im Internet: www.unitymedia.de und www.kabelbw.de
Bildquelle: Unitymedia KabelBW