Neue E-Commerce-Plattform

Mit Responsive Design für die mobile Zukunft gerüstet

Interview mit Dr. Thomas Schnieders, Direktor E-Commerce, Innovation & Plattform bei Otto, über die Eigenentwicklung der neuen E-Commerce-Plattform, welche Methoden dabei zum Einsatz kamen und wie man dank Responsive Design auch für die mobile Zukunft bestens gerüstet ist

Schneiderin, Bildquelle: Otto

Seit mehr als sechs Jahrzehnten bietet Otto Fashion- und Lifestyleprodukte auf Bestellung.

IT-DIRECTOR: Herr Schnieders, was genau steckt hinter Ihrem Software-Entwicklungsprojekt Lhotse?
T. Schnieders:
Mit Lhotse erneuern wir das Herz unserer E-Commerce-Plattform otto.de im Rahmen einer Software-Eigenentwicklung. In den vergangenen 13 Jahren haben wir unseren Onlineshop auf Basis einer Standardsoftware genutzt. Ende 2011 starteten unsere Mitarbeiter die ersten Arbeiten an der neuen Software.

IT-DIRECTOR: Was war der Anlass für die Neuentwicklung?
T. Schnieders:
Wir tauschen nicht alle Komponenten des alten Onlineshops aus, sondern insbesondere den Kern. Denn die zuvor eingesetzte Lösung ist ­aktuellen wie künftigen Anforderungen nicht mehr gewachsen. Generell verändern sich die Kernkompetenzen von Handelsunternehmen durch die digitale Revolution. Unser Geschäftsmodell ist nicht mehr der klassische Versandhandel, sondern E-Commerce. Unsere wichtigste Einkaufsstätte, otto.de, besteht zu großen Teilen aus Software. Eine eigene Software-Entwicklung sehen wir daher als ein wichtiges Werkzeug bei der Differenzierung im E-Commerce und der Innovationsfähigkeit bezüglich der Weiterentwicklung unseres Geschäftsmodells.

IT-DIRECTOR: Welche konkreten Verbesserungen gegenüber dem Altsystem wollen Sie mit der neuen Plattform erreichen?
T. Schnieders:
Wir entwickeln die neue Software in erster Linie, um die digitale Einkaufsstätte schnell an Kundenwünsche und Erfordernisse des Marktes anpassen zu können. Weitere Schwerpunkte sind höchste Anforderungen im Antwortzeitverhalten des Shops sowie exponierte Personalisierungsfähigkeiten und ein dem neuesten Stand entsprechenden Interaction Design.

IT-DIRECTOR: Mit welchen Methoden der Software-Entwicklung setzen Sie das Projekt Lhotse um?
T. Schnieders:
Bei der Umsetzung und dem Betrieb setzen wir mit Arbeitsmethoden wie Scrum und Continuous Delivery auf eine sehr agile Vorgehensweise. Experten aus verschiedenen Disziplinen entwickeln in kurzen Zyklen funktionsfähige Software und stellen diese live.

IT-DIRECTOR: Warum haben Sie sich für diese Vorgehensweise entschieden?
T. Schnieders:
Unser Innovationsanspruch basiert auf einem hohen Maß an Integration von Methoden- und Technologie- sowie Produktkompetenz. Mit den gewählten Arbeitsmethoden schaffen wir es, die Komplexität des Projekts kontinuierlich durch die drei Prinzipien Transparenz, Überprüfung und Anpassung zu reduzieren. Scrum, Continuous Delivery und ein integrierter Betrieb schaffen die Voraussetzung, dass Softwareveränderungen jederzeit schnell live gehen können.

IT-DIRECTOR: Wie gestaltet sich das Vorgehen im Detail?
T. Schnieders:
Wir haben unsere E-Commerce-Plattform in unterschiedliche Teile aufgeteilt. Die Methoden ermöglichen uns, die Plattform in parallelen Teilprodukten, und zwar von der Oberfläche bis hin zu den Datenstrukturen, unabhängig voneinander zu entwickeln. Gemäß der agilen Vorgehensweise werden die Funktionalitäten mit dem höchsten Business Value zuerst entwickelt. Je nachdem, wie diese von den Kunden angenommen werden, können Ausbaustufen mit Ideengebern aus den verschiedenen Stellen im Unternehmen ausgearbeitet werden und in die Umsetzung gehen. So kann auch der Erfolg zeitnah überprüft werden.

IT-DIRECTOR: Auf Basis welcher Webtechnologien wird das Portal entwickelt?
T. Schnieders:
Wir nutzen viele Open-Source-Komponenten wie zum Beispiel Frameworks aus dem Java-Umfeld, die Datenbank MongoDB oder den Webbeschleuniger Varnish. Die lose Kopplung der autonomen Systeme haben wir über den Webstandard REST realisiert. Besonders stolz sind wir darauf, dass wir in diesem Kontext einige Werkzeuge im Rahmen unserer Entwicklungsarbeit in die Open-Source-Community zurückgeben konnten.

IT-DIRECTOR: Wie viele Entwickler und welche Abteilungen sind im Projekt involviert?
T. Schnieders:
Insgesamt arbeiten mehr als 100 Mitarbeiter in sieben autonomen Teams und diversen Querschnittsaufgaben daran. Dabei handelt es sich nicht ausschließlich um Entwickler, sondern ebenso um fachliche und technische Produktverantwortliche, Projektleiter, Experten für Qualitätssicherung und Operations sowie Usability- und Design-Experten. Übergreifend gewährleistet unser „Requirement Board“, dass Anforderungen aus  Unternehmensabteilungen, wie dem Category Management oder dem Kundenservice, ihren Weg in die Software finden und dabei die Produktstrategie sowie die Architektur sichergestellt werden.

IT-DIRECTOR: Inwieweit greifen Sie auf externes Know-how zurück?
T. Schnieders:
Einige Technologien und Methoden waren für uns neu. Hier haben wir uns von internationalen Experten unterstützen lassen und beispielsweise unsere Entwickler im Pair Programming auf ihre zukünftigen Aufgaben vorbereitet. Darüber hinaus beanspruchen wir natürlich externe Hilfe, um ausreichend Umsetzungskapazität zu haben, und haben auch einzelne Gewerke zuliefern lassen.

IT-DIRECTOR: Auf welche Funktionen legen Sie bei der Erstellung sowie dem Design der neuen Shoppingsoftware einen besonderen Wert?
T. Schnieders:
Wir haben die neue Plattform nicht entwickelt, um beim Launch mit neuen Features zu punkten, sondern um unsere digitale Einkaufsstätte schnell anpassen zu können. Eine radikale Veränderung der Benutzeroberfläche gibt es deshalb nicht und wäre aus Sicht der Nutzerakzeptanz keine schlaue Vorgehensweise. Unser alter Shop war in Bezug auf Features und Usability bereits gut auf die Kundenbedürfnisse optimiert. Mit dem neuen Shop haben wir vor allem unter der Motorhaube die der alten Software bislang fehlende Dynamik und Echtzeitfähigkeit erzeugt.

IT-DIRECTOR: Wo lagen bzw. liegen die größten Hürden bis zum „Go live“ des neuen E-Commerce-Portals?
T. Schnieders:
Wir haben festgestellt, dass die Technikanforderungen beherrschbarer sind denn je. Die Aufstellung des Teams, die Einführung neuer Arbeitsverfahren und Prozesse sowie die Kapitalisierung des Technologiepotentials stellen die eigentlichen Herausforderungen dar. Eine weitere Herausforderung ist bei der Beliebtheit von otto.de zwangsläufig der Hochlastbetrieb. Wir setzen darauf, dass die Zukunft des E-Commerce im One-to-One-Marketing liegt. Bei der großen Kundenanzahl und mehreren Millionen Artikeln ist das Personalisierungs- und Individualisierungspotential immens. Darüber hinaus müssen wir zukünftig immer mehr Endgeräte wie Smartphones oder Tablet-PCs integrieren, was die Komplexität erheblich treibt.

IT-DIRECTOR: Wie kommen Sie fehlerhaften Codes in der entwickelten Software auf die Spur?
T. Schnieders:
Die Entwicklungsteams arbeiten nach einer „Zero Bug Policy“. Dadurch setzen wir mit der Qualitätssicherung ganz vorne in der Wertschöpfungskette des Entwicklungsprozesses an. Das bedeutet, dass unsere Qualitätssicherer bereits bei der Erarbeitung der fachlichen Anwendungsfälle mit den Produktmanagern zusammen die Akzeptanzkriterien definieren, so dass frühzeitig Testfälle abgeleitet werden können. In der Entwicklung ermöglichen wir dadurch ein testgetriebenes Vorgehen, in der die Qualitätssicherung mit den Software-Entwicklern zusammenarbeitet und wiederkehrende Testaufgaben automatisiert. Weiterhin arbeiten die Entwickler im Pair Programming, so dass auch eine exzellente Codequalität entsteht und Wissensinseln in den Teams vermieden werden.

IT-DIRECTOR: Wie realisieren Sie die Anbindung an bereits bestehende Systeme, beispielsweise Warenwirtschaft, CRM-Software oder Logistik- bzw. Lieferkette?
T. Schnieders:
Wir nutzen bereits seit Jahren einen Enter­prise Service Bus (ESB) als Zwischenschicht, u.a. zwischen unterschiedlichen Webshops und unserem Back­endsystem. Hier setzen wir mit Lhotse auf. Eine sehr kritische Komponente bei einem E-Commerce-System dieser Größenordnung ist die Produktdatenversorgung. Hier haben wir mit einer neuen Art der Anbindung unserer Backendsysteme im Bereich der Massendatenverarbeitung signifikante Beschleunigungen erzielt und eine Echtzeitfähigkeit von sich schnell und häufig ändernden Daten erreicht.

IT-DIRECTOR: Inwiefern berücksichtigen Sie ein „Respon­sive Design“ bei der Entwicklung des Shops?
T. Schnieders:
Dabei handelt es sich um einen jungen Trend in der Oberflächenentwicklung, um der Komplexität, die aus der Kombinatorik von Endgeräten, Bildschirmgrößen und -auflösungen, Browsern
etc. entsteht, Herr zu werden. Lhotse legt dafür die erforderlichen technischen Grundlagen.

IT-DIRECTOR: Welchen Stellenwert nehmen bei der Portalentwicklung M-Commerce und die damit verbundenen mobilen Webseiten bzw. Apps für diverse mobile Betriebssysteme ein?
T. Schnieders:
Mobile Endgeräte werden immer wichtiger und werden im Laufe des kommenden Jahres ebenfalls über Lhotse bedient werden. Wie erwähnt, werden auch wir auf Responsive Design setzen und darüber hinaus haben wir heute für Smartphones auf unterschiedlichen Betriebssystemen Apps im Einsatz. Diese sind allerdings hybrid, d.h., dass sie im Kern auf den mobilen Webshop zurückgreifen und relativ ­wenig device- respektive betriebssystemspezifische Funktionalität aufweisen.

IT-DIRECTOR: Können Sie uns die wichtigsten Eckdaten des Gesamtprojekts Lhotse nennen?
T. Schnieders:
Ende 2011 starteten unsere Mitarbeiter die ersten Arbeiten an der neuen Software für otto.de. Bisher wurde ein zweistelliger Millionenbetrag in die neue E-Commerce-Plattform investiert.

IT-DIRECTOR: Für wann genau ist die Liveschaltung des Portals geplant? Wie gestaltet sich die Generalprobe kurz vor der Inbetriebnahme?
T. Schnieders:
Unsere erste Probe startete im Oktober 2012. Seitdem konnten alle Otto-Mitarbeiter über einen Prototyp der neuen Plattform einkaufen. Im
Februar 2013 begann die Alpha-Phase, in der erste Kunden Zugriff auf die neue Shopsoftware erhielten. Im Mai wurde die Nutzerzahl in der Beta-Phase noch einmal erhöht. Die „Generalprobe“ findet seit Mitte September statt und führt sukzessive dazu, dass alle unsere Kunden das neue otto.de im Laufe dieses Herbstes kennenlernen werden. Dabei werden wir unseren neuen Shop mit speziellen Belastungstests auf Herz und Nieren prüfen.

 

Über Otto
Seit mehr als sechs Jahrzehnten bietet Otto Fashion- und Lifestyleprodukte auf Bestellung und ist heute eines der erfolgreichsten E-Commerce-Unternehmen. Im Jahr 1949 wurde die Firma von Werner Otto gegründet und befindet sich noch immer im Besitz der Familie. Dr. Michael Otto, Sohn des Firmengründers, machte als langjähriger Vorstandsvorsitzender aus dem damaligen Otto-Versand die internationale Handels- und Dienstleistungsgruppe Otto Group mit 123 Unternehmen in 20 Ländern.
Im Internet: www.otto.com

 

Bildquelle: Otto

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