Digitale Souveränität sichert Zukunftfähigkeit
Peter de Lorenzi, Executive Director IT Consulting & Managed Services, adesso SE
Bedeutung der digitalen Souveränität
Digitale Souveränität ist für viele Unternehmen ein strategisches Thema, wird im Alltag jedoch häufig auf die Bereiche Cybersecurity oder Infrastruktur reduziert. Dabei greift diese Sichtweise zu kurz: Es geht um die Fähigkeit, digitale Ressourcen und Prozesse flexibel, sicher und bei Bedarf unabhängig von externen Anbietern zu steuern – und so Innovationsfähigkeit und Wettbewerbsstärke nachhaltig zu sichern. Aktuelle Studienergebnisse des Index Digitale Souveränität zeigen, dass zwar 92 Prozent der Unternehmen das Thema für wichtig halten, aber nur ein kleiner Teil über eine klare Strategie verfügt. Diese Lücke entsteht nicht aus mangelnder Einsicht. Es fehlt ein praktikabler Ansatz, wie Organisationen ihren Souveränitätsgrad bestimmen und sich ihm gezielt nähern können.
Ziel ist es nicht, maximale Unabhängigkeit zu erreichen, sondern zu verstehen, wo Abhängigkeiten kritisch sind. Zentraler Ausgangspunkt ist daher ein systematisches Souveränitäts-Assessment: Wo ist Abhängigkeit akzeptabel, wo könnte sie aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll bleiben?
Best-Practice ist eine Bewertung aller Abhängigkeiten auf Workload-Ebene: Welche Daten werden verarbeitet? Wie sensibel sind Prozesse und Systeme? Welche Lieferanten sind involviert? Und wie abhängig ist die Organisation von externen Fähigkeiten und Skills? So werden Bereiche sichtbar, in denen ein Lock-in zu Geschäftsrisiken wie steigenden Kosten oder eingeschränkter Innovationsfähigkeit führen kann.
Auf Grundlage der Analyse entsteht eine Roadmap, die die Erkenntnisse in priorisierte Maßnahmen übersetzt. Kurzfristige Schritte umfassen beispielsweise klare Governance-Regelungen für den Umgang mit sensiblen Daten oder die Absicherung besonders kritischer Workloads durch souveräne Architekturen.
Langfristige Maßnahmen für die fortlaufende Sicherung von Souveränität reichen weiter. Dazu zählt der gezielte Aufbau zentraler Kompetenzen, die Entwicklung eines organisationsweiten Souveränitäts-Playbooks oder die Einführung automatisierter Prozesse zur Einstufung von Schutzbedarfen und Compliance. Für bestimmte Bereiche kann der Einsatz von Open-Source-Technologien Flexibilität und Transparenz erhöhen. Das setzt aber voraus, dass Wartung, Sicherheit und Zukunftsfähigkeit aktiv adressiert werden.
Digitale Souveränität bedeutet nicht Autarkie, sondern Flexibilität, Diversifizierung und die Fähigkeit, selbst zu entscheiden: Welche Abhängigkeiten sind tragbar? Welche müssen unter Kontrolle bleiben? Und in welchen Bereichen lohnt sich eine Investition in mehr Selbstbestimmung?
Unternehmen, die diese Fragen konsequent beantworten, schaffen die Grundlage für eine Strategie, die tragfähig ist und operativ wirkt. So wird digitale Souveränität zu einem langfristigen Steuerungsinstrument, das unmittelbar die Anpassungsfähigkeit, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit stärkt.
Bild: rawpixel.com / Freepik