Der Executive-Search-Profi Günter Walter besitzt jahrzehntelange Führungserfahrung in verschiedenen Konzernen und mittelständischen Softwarehäusern.
ITD: Herr Walter, mit welchen Recruiting-Strategien und -maßnahmen können Unternehmen in der heutigen Zeit passende IT-Fachkräfte finden und somit den War for Talents für sich gewinnen?
Walter: Die passenden IT-Fachkräfte finden Unternehmen heute nur noch, wenn sie als Arbeitgeber ausreichend attraktiv sind. Das bedeutet im IT-Umfeld, dass das Unternehmen die neuesten Software-Technologien und IT-Systeme einsetzt. Der Grund dafür ist klar: IT-Fachkräfte verlieren in kürzester Zeit ihre persönliche „Employability“, wenn sie nicht auf den neuesten Technologien und Systemen arbeiten.
ITD: Welche Rolle spielt dabei das Thema „Mitarbeiterempfehlung“?
Walter: „Mitarbeiter empfehlen Mitarbeiter“ ist der aktuelle Game-Changer im Recruiting. Dadurch wird belegt, dass der Cultural Fit für die Mitarbeiter im Unternehmen passt. Mitarbeiter werden nur für ihren Arbeitgeber als attraktiven Arbeitgeber werben, wenn sie davon überzeugt sind und das täglich erleben. Insofern ist die Mitarbeiterempfehlung ein Lakmustest für den Cultural Fit eines Unternehmens und entscheidend für die Employer Brand.
ITD: Welche Faktoren machen Großunternehmen/Arbeitgeber für potenzielle Mitarbeiter attraktiv? Welche Ansprüche hat insbesondere die junge Generation an ihren neuen Arbeitgeber?
Walter: Der Vorteil von großen Unternehmen als Arbeitgeber sind die Entwicklungsmöglichkeiten, die sie den Mitarbeitern bieten können. Man hat oft vielfältigere interne Aufstiegsmöglichkeiten, die ein mittelständisches Unternehmen so „per se“ nicht bieten kann. Die Ansprüche der jungen Generation an ihren Arbeitgeber sind insbesondere Flexibilität, sehr gute Weiterbildungsmöglichkeiten und die neuesten IT-Technologien. Diese Möglichkeiten in Verbindung mit hoher Innovationsgeschwindigkeit sowie flachen Hierarchien mit kurzen Entscheidungswegen und direkte Projektverantwortlichkeit können kleine und mittlere Unternehmen als Vorteile für sich in die Waagschale werfen.
ITD: Vorbei sind die Zeiten, in denen ein einfaches Aufstocken des Gehalts ausreichend war, um Mitarbeiter zu halten. Welche Rolle spielen heute etwa flexible Arbeitsmodelle/Hybrid Work?
Walter: Das Thema „Gehalt“ ist in allen Unternehmen ein wichtiger „Hygienefaktor“. Es muss im Vergleich zum Wettbewerb passen. Die individuelle Höhe kann über variable Leistungskomponenten immer angepasst werden. Mitarbeiter preisen aber ebenso ein: Innovationsgeschwindigkeit, technologischen Vorsprung, flexible Arbeitszeitmodelle, mobiles Arbeiten (auch von irgendwo auf der Welt) und nehmen das in ihr persönliches Benchmarking mit auf. Hier ist individuelle Flexibilität auf Seiten der IT-Unternehmen gefragt.
ITD: Welche Aufgaben können moderne Technologien wie Cloud, Künstliche Intelligenz (KI) und Virtual Reality/Augmented Reality (VR/AR) übernehmen, um die Motivation und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter zu stärken?
Walter: Nach meiner Erfahrung sind neueste IT-Technologien mit das wichtigste Attraktivitätsmerkmal für IT-Fachkräfte bei der Auswahl ihrer Arbeitgeber. Wer hier nicht mit modernsten Technologien, Cloud-Lösungen, KI oder VR-Anwendungen arbeitet, hat es besonders schwer, Mitarbeiter zu finden. Darüber hinaus ist es unabdingbar, dass diese Themen auch in den Arbeitsalltag der bestehenden Mannschaft einfließen. Sie sind wichtige Bindungsinstrumente, weil diese Menschen sonst ihre Beschäftigungsfähigkeit verlieren. Ihr Wert auf dem Arbeitsmarkt würde schnell sinken.
ITD: Welche Bedeutung hat Teambuilding und welche konkreten Maßnahmen halten Sie in Großunternehmen für geeignet?
Walter: Insbesondere in Zeiten des mobilen Arbeitens wird Teambildung zum wichtigen Bindungsfaktor. Dazu gehört agiles Arbeiten im Projekt ebenso wie ein professionelles Onbording und das Zusammenwachsen von Teammitgliedern über gemeinsame Aktivitäten außerhalb der Firma. Hier ist alles erlaubt, was Spaß macht und zum Unternehmen passt: gemeinsame Besuche von Sport-/ Kulturveranstaltungen, soziales Engagement, etc.
ITD: Welchen Stellenwert besitzen IT-Weiterbildungsmöglichkeiten für Mitarbeiter?
Walter: Innovative und reizvolle Projekte und IT-Weiterbildungsmöglichkeiten haben einen extrem hohen Stellenwert für die Mitarbeiter – selbst wenn das Unternehmen die Technologie noch nicht einsetzt, ist es wichtig, die bestehenden Mitarbeiter damit in Kontakt zu bringen. Nur dadurch können Ideen und Know-how entstehen, wie man diese Technologien im Unternehmen nutzen kann. Das motiviert die Menschen und schafft mittel- und langfristige Zukunftsfähigkeit.
ITD: Inwieweit beeinflusst das Verhalten des Chefs/der Führungsperson die emotionale Bindung der Mitarbeiter zu ihrem Job? Was sollte ein Chef niemals tun?
Walter: Es bleibt dabei: Mitarbeiter kommen wegen dem Chef und gehen wegen der Führungsperson. Gleichzeitig haben die alten Führungsprinzipien ausgedient. Entscheidungen müssen heute aufgrund einer diffusen Faktenlage getroffen werden. Deshalb müssen mehr Menschen Verantwortung übernehmen. Das heißt, Verantwortung wird an mehrere Experten und agile Teams delegiert. Führen und entscheiden muss aber nach wie vor die letztlich verantwortliche Management-Ebene. Der Chef sollte wichtige Entscheidungen nie allein treffen und muss gut und viel kommunizieren. Er sollte als Verantwortlicher die analytischen Fähigkeiten seiner Experten nutzen, Expertenteams an der Entscheidungsvorbereitung beteiligen und Fehlertoleranz zulassen – und dann auf dieser Grundlage entscheiden. Selbstverständlich muss diese Entscheidung dann auch an alle Beteiligten sauber kommuniziert werden. Sie werden sehen – das funktioniert!
ITD: Inwieweit lässt sich feststellen, ob ein Mitarbeiter bereits innerlich gekündigt hat? Was sind klassische Anzeichen?
Walter: Sichere Anzeichen für die innere Kündigung von Mitarbeitern sind fehlende Bereitschaft zur Mitarbeit in Projektteams, kritische Bemerkungen ohne Beitrag zur Verbesserung der Situation, das Weg-/Rückdelegieren von Verantwortung, überproportionale Fehlzeiten oder das Abdriften ins Private.
ITD: Wie wird sich der War for Talents im IT-Bereich Ihrer Ansicht nach in den kommenden Monaten entwickeln?
Walter: Durch die überall stattfindenden Digitalisierungsbemühungen wird es in absehbarer Zeit bei IT-Fachkräften keine Entspannung geben. Was lässt sich konkret tun? Man sollte mehr Menschen aus den Fachbereichen in die Prozessgestaltung einbinden und damit die IT-Abteilungen entlasten. Dann können sich die Spezialisten in der Software-Entwicklung oder in der Systemtechnik auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren. Und man schafft damit Entlastung, Motivation und fördert gleichzeitig die Zusammenarbeitskultur in Projekten. Für neue Mitarbeiter sind Unternehmen im IT-Bereich als Arbeitgeber interessant, wenn sie neueste Technologien einsetzen, flexible Arbeitszeitmodelle und mobiles Arbeiten anbieten. Das sind aber heute bereits die Standards. Darüber hinaus brauchen die Unternehmen eine eindeutigen „Purpose“ für ihre Organisation – sie müssen klar benennen können, warum die Welt ihr Unternehmen, seine Produkte und Dienstleistungen braucht.
Bildquelle: Liebich & Partner Management- und Personalberatung AG