Prof. Dr. Volker Gruhn von der Universität Duisburg-Essen
IT-DIRECTOR: Herr Gruhn, werden sich künftig Apps oder eher browserbasierte Systeme durchsetzen?
V. Gruhn: Der Trend geht zu webbasierten Lösungen. Allerdings ist diese Frage differenzierter zu betrachten. Im Hinblick auf Spiele, Entertainment-Applikationen und alle Anwendungen, bei denen gerade die neuesten Features der einzelnen mobilen Plattformen genutzt werden sollen, bleiben Apps das Maß aller Dinge. Dafür nehmen die Hersteller dann auch in Kauf, dass für diese Anwendungen plattformspezifische Lösungen entwickelt werden müssen und dies zu einem Mehraufwand führt. Bei stärker funktional geprägten bzw. umfassenden Anwendungen sind hingegen browserbasierte Lösungen gefragt. Durch diesen Ansatz können Mehrfachentwicklungen vermieden und gleichzeitig eine völlig ausreichende Usability gewährleistet werden.
IT-DIRECTOR: Kann für funktional geprägte bzw. funktional umfassende Anwendungen HTML5 der Katalysator sein?
V. Gruhn: Eindeutig ja, HTML5 kann die Konvergenz in Richtung Browser katalysieren. Aber natürlich werden auch die Hersteller mobiler Plattformen nachrüsten.
IT-DIRECTOR: Welche Plattformen müssen unterstützt werden?
V. Gruhn: An iOS, Android und auch an Windows führt kein Weg vorbei. Im Hinblick auf weitere Plattformen ist die Frage schwieriger zu beantworten. Es kann gut sein, dass noch ein Newcomer in die Phalanx der führenden Systeme einbricht. Eines kann man aber prinzipiell festhalten: Aus Sicht des Software-Ingenieurs ist eine offene Plattform generell besser als eine proprietäre. Das zeigt sich auch am steigenden Marktanteil der quelloffenen Software Android.
IT-DIRECTOR: Welche Bedeutung hat Windows angesichts des hohen Marktanteils von Android?
V. Gruhn: Wenn beispielsweise ein Unternehmen eine konkrete Anwendung für eine fest umrissene Zielgruppe anbieten möchte und die zu benutzenden Endgeräte klar festlegen kann, dann kann die Wahl durchaus auch auf Windows fallen und durchaus sinnvoll sein.
IT-DIRECTOR: Werden Cross-Mobile-Plattform-Entwicklungsansätze und -Werkzeuge ausreichen, um mit einer Single-Source-Basis die verschiedenen Plattformen zu bedienen?
V. Gruhn: Für die Geschäftslogik sind Cross-Mobile-Plattformen schon heute geeignete Lösungen. Heikel wird es jedoch, wenn es um die Anbindung von Peripherielösungen geht. Das betrifft beispielsweise Kameras oder Beschleunigungssensoren, die sich auf den verschiedenen Plattformen unterschiedlich verhalten. Auch GPS-Informationen lassen sich nicht einheitlich abfragen. Und erschwerend kommt hinzu, dass diesbezüglich noch alles im Fluss ist, also dass wir noch weit entfernt von einer Standardisierung sind. An diesem Punkt erreichen die aktuellen Cross-Mobile-Plattformen also ihre Grenzen. Aus Sicht des Informatikers ist der Cross-Mobile-Ansatz dennoch der richtige.
IT-DIRECTOR: Wie lassen sich diejenigen Teile von Geschäftsprozessen, die sinnvollerweise unterstützt werden sollten, zuverlässig ermitteln?
V. Gruhn: Das ist die zentrale Frage im Hinblick auf den Aspekt Mobilität aus Unternehmenssicht. Zunächst einmal sind Querschnittsfunktionen zu unterstützen. Das betrifft Bereiche wie Vertrieb und Service. Mit diesem Ansatz ist man auf der sicheren Seite und vor allem sind bis zu diesem Abstraktionsniveau auch noch keine individuellen Analysen erforderlich. Anschließend wird es allerdings schwieriger, vor allem dann, wenn es bis hin zu belastbaren Business Cases gehen soll. Wir haben an der Universität eine geraume Zeit mit unserer Methode des „Mobile Process Landscaping“ experimentiert. Damit konnten wir durchaus konkrete Ergebnisse erzielen – auch im Hinblick auf den Aspekt Quantifizierung –, allerdings nicht hinsichtlich ganz harter Business Cases. Auch bei anderen Methoden haben wir festgestellt, dass es ohne detaillierte Kenntnis des Anwendungsbereichs kaum geht. Man muss schon ein ziemlich exaktes Bild davon haben, was der Kunde, Partner oder Mitarbeiter konkret mobil macht, um zu sinnvollen mobilen Lösungen zu gelangen.
Auch wenn die Beantwortung der Frage somit nicht einfach ist, eines kann man festhalten: Wenn mobile Lösungen zur Vermeidung von Medienbrüchen führen, dann rechnen sie sich leicht. Wenn beim Informationsaustausch Ort- und/oder Zeitinformationen benötigt werden, dann sind mobile Lösungen gut geeignet, um Fehlerquoten zu senken. Und wenn das dann alles noch „leicht von der Hand geht“, also benutzerfreundlich ist, dann passt alles.
IT-DIRECTOR: Wie können mobile Lösungen mit der Software zur Unterstützung der stationären Teile verbunden werden?
V. Gruhn: Das hat mit dem Thema Mobile nur noch am Rande zu tun. Neue Software muss fast immer mit existierender Software verbunden werden, d.h., es ist klassische Integrationsentwicklung gefragt. Zugegebenermaßen ist dies ein schwieriger Teil der Software-Entwicklung, aber ein auch für stationäre Systeme wohl bekannter. Bei der ersten Generation mobiler Lösungen ist diese Problematik noch nicht in dieser Form aufgetreten. Die Lösungen zielten auf kleine und kleinste Anwendungen ab und mussten folglich mit nichts anderem integriert werden. Inzwischen sind mobile Anwendungen aber „erwachsen“ geworden und es ergibt sich folglich auch die Notwendigkeit der Integration. Im übrigen ist das nicht die einzige Veränderung zwischen den einzelnen Generationen mobiler Systeme. Sie müssen auch immer agiler entwickelt werden und erfordern zunehmend leichter skalierende Infrastrukturen.