Obwohl viele Marktforscher und Analysten dem Cloud Computing in den kommenden Jahren starke Zuwachsraten voraussagen, wird diese Entwicklung wohl kaum in einen Investitionsstopp für Hardware und Infrastrukturkomponenten in den Anwenderunternehmen hinauslaufen. „Das liegt etwa daran, dass Unternehmen noch nicht alle Dienste aus der Cloud beziehen können – und vor allem nicht in der Güte, die sie benötigen. Deshalb bleibt das klassische Hardware-Geschäft in den nächsten Jahren bestehen“, ist sich HP-Manager Michael Garri sicher. Um für die Zukunft gerüstet zu sein, fragten Kunden außerdem vermehrt nach flexibel skalierbarer Hardware, die sich nahtlos in eine hybride IT-Umgebung aus konventionellen und Cloud-Ressourcen fügt.
Eine ähnliche Einschätzung nimmt Jörg Mecke, Leiter IT-Consulting bei Comparex, vor. Seiner Ansicht nach werde das Auslagern der IT in die Cloud von vielen Kunden im Moment nur „beobachtet“. Stattdessen ersetzten viele Kunden derzeit im Zuge ihrer regulären Austauschzyklen, die meist im Abstand von drei Jahren erfolgen, bestehende IT-Komponenten durch leistungsfähigere Systeme. „So modernisieren die Unternehmen automatisch in Richtung Platzersparnis, „Cloud-Readiness“ und Energieeffizienz“, erklärt Jörg Mecke.
Eine ungebrochene Nachfrage nach Hardware bemerkt auch Rolf Kersten, Hardware-Produkt-Manager bei Oracle Deutschland. Gemäß der Mitte Mai 2011 veröffentlichten „Next Generation Datacenter Index“-Umfrage von Oracle planen in Deutschland 45 Prozent der Befragten ein neues Rechenzentrum in den nächsten zwei Jahren, in den nächsten fünf Jahren sogar 80 Prozent. Aktuelle Gartner-Zahlen vom Mai 2011 unterstreichen diese Aussagen. Laut dem Marktforschungsunternehmen wuchsen die Server-Verkäufe im ersten Quartal weltweit um 8,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, während der Umsatz um 17,3 Prozent anstieg. Allerdings hinkt der EMEA-Raum etwas hinterher: Hier gehen die Analysten von einem Anstieg der Server-Verkäufe um fünf Prozent aus; der Umsatz soll um 13 Prozent nach oben klettern.
Die Konstanz der Hardware-Investitionen vieler IT-Verantwortlicher zeigt vor allem das derzeit sehr rege Projektgeschäft. So verweist der Hardware-Spezialist HP auf die kürzlich gemeinsam mit der BayWa-Tochter RI-Solution komplette Erneuerung der IT-Infrastruktur des Mutterkonzerns. „Dabei hat man sich für eine Scale-Out-Architektur und unser Konzept der Converged Infrastructure entschieden“, berichtet Michael Garri. Die bisherige Trennung der Unix- und Standard-Server-Welt wurde dabei durch eine einheitliche Blade-Architektur aufgehoben. Die gesamte Infrastruktur, sowohl bei den SAP- als auch bei den Nicht-SAP-Systemen, wird jetzt mit einer einzigen Managementkonsole überwacht und gesteuert. „Damit konnte die BayWa-Tochter stabile Betriebskosten bei massiver Leistungssteigerung erreichen“, fasst Garri den Projekterfolg zusammen.
In einem anderen Projekt stand das Klinikum rechts der Isar der TU München vor der Herausforderung, seinem mobilen Klinikpersonal einen ortsunabhängigen und interdisziplinären Zugriff auf Patientendaten zu gewährleisten und dabei einen größtmöglichen Schutz der sensiblen Patientendaten sicherzustellen. „Gleichzeitig sollten die Kosten für Energieverbrauch und Administration gesenkt werden“, erklärt Rolf Kersten von Oracle.
Das Klinikum löste diese Aufgabe durch die Bereitstellung von klinischen Anwendungen und Programmen auf zentralen Servern im Rechenzentrum auf Basis einer Server-Based-Computing-Infrastruktur. Vorhandene PCs wurden durch 400 Thin Clients ersetzt, die von 2.000 Mitarbeitern arbeitsteilig genutzt werden können. Da diese weder Festplatten noch sonstige externe Speichermedien besitzen, sei der Datenschutz gewährleistet. „Weiterhin benötigt die Hardware nur einen Bruchteil des Energiebedarfs eines PCs, wodurch die Energiekosten um 80 Prozent reduziert werden konnten. Zusätzlich wurde der Administrationsaufwand um ca. 90 Prozent gesenkt“, zählt Rolf Kersten die Ergebnisse auf.
Auf ein weiteres Hardware-Projekt im Healthcare-Segment trifft man beim Klinikverbund Südwest, einem Zusammenschluss der Krankenhäuser Böblingen, Calw, Herrenberg, Leonberg, Nagold, Sindelfingen und der Reha-Klinik Böblingen. Mit ca. 4.300 Mitarbeitern und jährlich über 70.000 stationären plus 170.000 ambulanten Patienten zählt er zu den größten kommunalen Gesundheitseinrichtungen in Deutschland. Zu den Erfolgsfaktoren des Verbunds gehört u.a. eine optimierte Aufbau- und Ablauforganisation, wofür wiederum die Performance der IT eine zentrale Rolle spielt. Früher war die IT des Klinikverbunds jedoch dezentral organisiert. Zur Sicherung des reibungslosen Betriebs war eine Konsolidierung der IT-Landschaft daher dringend angeraten. Diese Aufgabe stemmte der Verbund gemeinsam mit dem IT-Anbieter Comparex.
In Folge der zahlreichen Zusammenschlüsse im Klinikverbund war die Leistungsfähigkeit der IT im Laufe der Zeit verschiedenen„Infektionen“ ausgesetzt. Die Behandlung durch Comparex musste sich also auf verschiedene Ursachen beziehen – und sie erfolgte in zwei Stufen. Erste Priorität hatte die Herstellung einer skalierbaren, sicheren und stabilen Umgebung für den dezentralen Zugriff der verschiedenen Krankenhäuser. Im zweiten Schritt standen dann der Umzug des Rechenzentrums und die Einrichtung eines zentralen Ortes für die Dateibereitstellung mit schnellerer Netzwerkanbindung auf dem Programm. Basis für beides ist nun eine Server- und Desktop-Virtualisierung der neuesten Generation, die auch in den angeschlossenen Kliniken selbst die Modernisierung der Clients unterstützt.
Nicht zuletzt hat das EDV-Centrum für Kirche und Diakonie (ECKD) als bundesweit erster IT-Dienstleister die Vblock-1-Infrastrukturpakete der VCE-Koalition (Virtual Computing Environment Koalition) implementiert. VCE ist eine in dieser Form einmalige Industrieallianz von Cisco, EMC und VMware: Die gemeinsamen Infrastrukturpakete der drei Anbieter vereinen nach eigenen Angaben Blade-Server, Virtualisierung, Netzwerk, Speicher, IT-Sicherheit und Management in einer umfassend getesteten Komplettlösung.
Die Vblock-1-Infrastrukturpakete beschleunigen die Virtualisierungsstrategie des ECKD und verwandelt dessen Rechenzentrum in Kassel in eine echte Private Cloud. Das ECKD kann damit auch extrem verfügbarkeitsanfällige Anwendungen virtualisieren – zum Beispiel Terminalserver und das kirchliche Meldewesen mit Abermillionen Datensätzen. Der frühzeitige Vblock-1-Einsatz sei für den kirchlichen Dienstleister kein Wettlauf um die neueste Technik, sondern der schnellste und kostengünstigste Weg, um ein kundenfreundliches Serviceideal möglichst schnell in die Tat umzusetzen.
In der bisherigen Kooperation ließ sich diese Servicevorstellung nicht realisieren – zu schwerfällige Entscheidungshierarchien, zu lange Wartezeiten für die Kunden. Mit einem eigenen Rechenzentrum, so die Idee, sei das ECKD wendiger und könne flexibler auf Kundenwünsche reagieren. Genau das war das Hauptmotiv für den RZ-Neubau in Kassel im vorigen Jahr. „Virtualisierung war von Anfang an der rote Faden für alle Bereiche der RZ-Architektur“, sagt Sven Meyer, Fachbereichsleiter RZ beim ECKD. Bekanntlich setzt Virtualisierung physische Abhängigkeiten zwischen Geschäftsanwendungen und Serverhardware, Speichersystemen sowie Netzwerk außer Kraft. Ineffiziente und unflexible Silostrukturen konnten im neuen RZ also gar nicht erst entstehen. Kundenanwendungen werden stattdessen gemäß ihrem momentanen Bedarf flexibel mit Rechenleistung und Speicherplatz versorgt.
„Je weiter die Virtualisierung voranschreitet, desto höher steigt der Auslastungsgrad sämtlicher IT-Ressourcen. Und umso weniger nichtgenutzte Kapazitäten müssen wir aufwendig betreiben und stromintensiv klimatisieren“, greift Sven Meyer einen Vorteil heraus. Herzstück der virtualisierten Infrastruktur ist das Cisco Unified Computing System (UCS). Es gab seinerzeit buchstäblich den letzten Ausschlag bei der Entscheidung für den Neubau eines eigenen Rechenzentrums. Das UCS wurde laut Anbieter dezidiert für virtualisierte Umgebungen entwickelt. Dabei soll die Lösung das Management virtualisierter Server plus Storage- und Netzwerkanbindung in einem kompakten Blade-System vereinen. Die Blade-Server seien extrem dicht gepackt, sodass auf der gleichen Rack-Fläche doppelt so viele, deutlich leistungsfähigere Blades untergebracht sind als im früheren Rechenzentrum. Bei gleicher Leistung läge der Stromverbrauch dort sogar um den Faktor 4 höher.
Wie die aufgelisteten Hardware-Projekte zeigen, beschäftigen sich viele IT-Verantwortliche in deren Rahmen mit dem Thema Energieeffizienz und damit verbunden, mit der Senkung der Energiekosten ihrer Unternehmens-IT. „Hier gilt es, im Rechenzentrum das optimale Zusammenspiel zwischen Klimatisierung, dem Server-Formfaktor und der in den Server eingesetzten Lüftertechnologie herzustellen“, betont Michael Homborg vom Center of Excellence Server bei Fujitsu. Vor diesem Hintergrund bietet Fujitsu interessierten Kunden auch sogenannte DataCenter Optimization Services an – inklusive einer CFD-Analyse (Computational Fluid Dynamics). „Aus unserem Server-Portfolio wählen wir dann den geeignetsten Formfaktor aus, wobei generell gilt: je weniger aktive Lüfter-Komponenten pro Server und je höher die Konsolidierung, desto höher der Einspareffekt“, erklärt Michael Homborg.
Neben der Klimatisierung im Rechenzentrum ist der Einsatz energieeffizienter Hardware-Technologien ein weiterer wichtiger Schritt. Stefan Ehrhardt, Sales Manager Virtualizätion Solutions bei Comparex, bemerkt dazu: „Blade-Technologien mit intelligenten Strom- und Lüftungssystemen und integrierten Schnittstellen für Netzwerk und Storage reduzieren ebenso wie kombinierte Lösungen mit Fibre Channel over Ethernet den Platzbedarf im Rechenzentrum und den Energieverbrauch.“
Gerade im Netzwerk gibt es viele Funktionen, die zur Energieeffizienz beitragen können. Für Ulrich Hamm, Consulting System Engineer bei Cisco Systems, heißt das Zauberwort „Energiemanagement“: Die Software Cisco EnergyWise messe und reduziere den Energieverbrauch für Server, PCs, Drucker oder aktive Netzwerkkomponenten wie Switches oder Router. „Mithilfe dieser Mangementlösung schalten sich bei Nicht-Nutzung, beispielsweise nachts oder an Feiertagen, IP-Telefone oder Access-Points automatisch aus. Aber auch Klimaanlagen oder das Licht kann so über das Netzwerk direkt gesteuert werden“, berichtet Hamm. Ziel sei es, durch das automatisierte Zusammenspiel von IT- und Gebäude-Management den Energieverbrauch auf dem gesamten Firmengelände eines Unternehmens zu messen, zu berichten, zu regulieren und vor allem zu optimieren.
Neben energieeffizienteren Komponenten gibt es weitere Hardware-Entwicklungen, die vor allem in Zukunft eine große Rolle spielen werden. „Mit Fibre Channel over Ethernet nimmt ein Trend reale Gestalt an, der zu einer grundlegenden Innovation der Verkabelungsinfrastruktur führt und sich auf sämtliche im Netzwerk integrierte Hardware – also auch die Server – auswirkt“, berichtet Michael Homborg von Fujitsu. Mit einem 10-Gbit-Ethernet als universellem Transportmittel für alle Daten im Rechenzentrum verringere sich dann beispielsweise die Anzahl der Netzwerk-Ports im Server und der Kabel um den Faktor 2 bis 5.
Desweiteren werden die CPUs führender Hersteller wie Intel und AMD noch leistungsfähiger werden und die Hautspeicherausbaumöglichkeit sowie die Netzanbindungsbandbreite weiter wachsen. „Heute sind bereits 10 GbE auf dem Motherboard Standard. Im Ergebnis dieser Entwicklungen werden Unternehmen weniger Serversysteme benötigen. Vorausgesetzt der Kunde ist bereit, seine Tier-1-Applikationen wie SAP oder Exchange zu virtualisieren“, betont Stefan Ehrhardt von Comparex. Nicht zuletzt spricht Rolf Kersten von Oracle die zunehmende Verbreitung sogenannter „Converged Systems“ an. Darunter versteht er Systeme aus Server, Netzwerk, Storage und Virtualisierung, die für einen bestimmten Applikationsbereich optimiert sind.
Die Zukunft der Hardware
Ulrich Hamm, Consulting System Engineer bei Cisco Systems, wagt einen Blick in die Hardware-Zukunft: „Künftig wird es noch schnellere Prozessoren mit noch mehr Cores geben und Speicherchips erhalten größere Kapazitäten – d.h. mehr Performance und Kapazitäten in größerer Dichte. Auf der Server-Seite wird sich 10-Gb-Ethernet als Standard herauskristallisieren. Damit wird auch die I/O-Konsolidierung ihren Weg machen, hin zu einem Interface für alle Protokolle, die auf der Server-Seite benötigt werden.“
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Bildquelle: Audi