Produktprüfung bei Mahle Behr
Ein neues Produkt-Lebenszyklus-Management-System (PLM) sorgt bei dem Automobilzulieferer Mahle Behr für runde Prozessabläufe – auch im Klimawindkanal.
Erster Klimawindkanal, erste Klimaanlage für Pkw in Europa, erste elektronisch gesteuerte Klima-Vollautomatik: Gestartet in einer kleinen Werkstatt zum Bau von Autokühlern entwickelte sich Behr – heute Mahle Behr GmbH & Co. KG – im Laufe eines Jahrhunderts zu einem der weltweit größten Hersteller von Komponenten, Modulen und Systemen für Fahrzeugklimatisierung und Motorkühlung.
Bereits vor dem Zusammenschluss mit Mahle entschied sich Behr für eine Erneuerung seines Produkt-Lebenszyklus-Management-Systems (PLM). Da eine erneute Anpassung des vor rund 15 Jahren beschafften Systems im Hinblick auf die Zukunft unwirtschaftlich erschien, sollte eine Ablösung des Altsystems durch SAP PLM 7 erfolgen – eine strategische Entscheidung, da beide Unternehmen nach dem Zusammenschluss nun über die gleiche Basis ihrer globalen Produktentstehungs- und Änderungsprozesse verfügen. Damit soll die globale Zusammenarbeit sowie die Innovationskraft beider Firmen weiter gestärkt werden.
Wie viele Automobilzulieferer arbeitete das Anwenderunternehmen mit einer heterogenen CAD-Landschaft: Als Hauptsysteme werden Catia V5 von Dassault Systemes und Siemens NX eingesetzt. Um eine möglichst einheitliche Arbeitsumgebung in SAP bereitstellen zu können, galt es, die beiden CAD-Systeme „unter einen Hut“ zu bekommen: Gewünscht war eine einheitliche Oberfläche, die Catia V5- und NX-Daten integriert. Als zentrale Plattform setzt man dabei auf das Engineering Control Center (ECTR). Mit seiner übersichtlichen Darstellung der für den Konstrukteur relevanten CAD- bzw. SAP-Objekte sowie seiner komfortablen Bedienung der ECTR-Funktionen überzeugte es die Verantwortlichen. Damit ging jedoch die Herausforderung einher, dass eine V5-Schnittstelle im ECTR zu diesem Zeitpunkt nicht existierte. Vor diesem Hintergrund suchte der Automobilzulieferer nach einem Partner, der über das notwendige Fachwissen sowie über V5-Integrationserfahrung verfügte.
Aufgrund seiner langjährigen Expertise in der SAP-Integration von Catia V5 verfügte der Stuttgarter SAP-Partner Cenit über die geforderte fachliche Expertise. Die bereits bestehende Zusammenarbeit mit dem ECTR-Entwickler DSC Software AG und die damit verbundene Kenntnis der Plattform war ein weiteres Argument, mit dem das Stuttgarter IT-Unternehmen im Auswahlprozess überzeugte. „Unsere Entscheidung fiel auf Cenit, weil wir diesem Unternehmen eine derartige Produktentwicklung inklusive Wartung und Pflege klar zugetraut haben“, begründet Werner Buchmeier, Projektleiter/Leiter PDM-Methoden bei Mahle Behr sein Votum.
Auf Basis gemeinsamer Analysen mit dem Zulieferer definierten die Stuttgarter eine Lösung, die sich auf zwei Aspekte konzentrierte: die Entwicklung einer Catia-V5-Schnittstelle für ECTR und die Sicherstellung optimaler CAD-Datentransfers zwischen den globalen Standorten sowie dem weltweiten Partner- und Kundennetzwerk des Unternehmens. Bei der Entwicklung einer direkten Schnittstelle für das Engineering Control Center kam die Cenit-eigene Software „Engineering Control Center Interface to Catia V5“ zum Einsatz – eine Lösung, die sich Herstellerangaben zufolge durch eine konsistente Datenorganisation sowohl in V5 als auch in SAP auszeichnet.
Um eine schnelle und sichere Versorgung der Standorte in Deutschland, Indien, Frankreich, Brasilien und den USA mit den entsprechenden CAD-Daten zu garantieren, wurde die Software „Cenitconnect Collaboration“ eingesetzt – und dies in zwei Ausprägungen: Das Produkt „Document Distribution Manager“ sollte die Versorgung der weltweiten Cache-Server mit umfangreichen CAD-Daten, wie komplexen 3D-Originalen, sicherstellen. Das Ziel lautete: schneller Zugriff auf Daten und geringere Antwortzeiten. Für den Datenaustausch mit Kunden und Partnern, wie beispielsweise Bauraumdaten in CAD-Format, sollte die Data-Exchange-Lösung „Enterprise Connector“ verwendet werden. Mithilfe dieser Software können CAD-Strukturen von verschiedenen CAD-Systemen sowohl in SAP eingeladen als auch für Kunden oder Lieferanten exportiert werden. Über den Datenaustausch hinaus kommt die Software beim Anwender noch in einem zweitem Bereich zum Einsatz: Das Tool unterstützt gleichzeitig auch die Migration der Bestandsdaten ins SAP.
Betrachtet man den Projektablauf, blicken die beteiligten Parteien auf ein ambitioniertes Projekt zurück: Nach der gemeinsamen Ermittlung der Anforderungen startete das Stuttgarter IT-Unternehmen im Herbst 2011 mit der Entwicklung der ECTR-V5-Schnittstelle, die bis Ende 2012 realisiert und um kundenspezifische Anpassungen erweitert wurde. Ein halbes Jahr später (Juni 2013) startete der Pilotbetrieb mit zehn Fahrzeugprojekten. Nach erfolgreichem Abschluss auch dieser Phase begann 2014 die rollierende Migration aller Entwicklungsprojekte ins SAP-System.
Angesichts der zeitlichen sowie inhaltlichen Zielsetzung des Projekts war die reibungslose Zusammenarbeit aller Beteiligten ein zentraler Erfolgsfaktor: Die Hauptschwierigkeit des Vorhabens war der Zeitfaktor. Mit rund anderthalb Jahren für die Programmierung und Implementierung der Catia-Schnittstelle sowie der NX-Integration war der geplante Zeitrahmen sportlich gesetzt. Aufgrund des Pionier-Charakters sowie weiterer Gegebenheiten war es ein Projekt mit hoher Dynamik. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit hat entscheidend dazu beigetragen, dass das Vorhaben ein Erfolg wurde. Um tatsächlich ein maßgeschneidertes Ergebnis zu erhalten, waren auch ECTR-Entwickler der DSC in den Prozess involviert.
Um den Zeitfaktor bestmöglich zu beherrschen, wählte das Projektteam eine agile Projektmethodik, die Schulung der Administratoren erfolgte on the Job. So konnte man ergebnisorientiert arbeiten und den Fortschritt optimal steuern. Die Basis der Zusammenarbeit bildeten monatliche Lenkungskreis-Meetings der Projektpartner SAP, DSC und Cenit, um auftretende Herausforderungen zu besprechen. „Wichtig war es für uns, im gesamten Prozess einen Partner zu haben, der unsere klaren Vorstellungen umsetzte. Gleichzeitig sollte er aber auch ein Berater sein, auf dessen Kompetenz wir vertrauen konnten“, beschreibt Dieter Heinle, Leiter F+E Prozesse und Methoden bei Mahle Behr die Zusammenarbeit.
Nach erfolgreichem Pilotbetrieb steht den rund 500 weltweiten Catia-/NX-Anwendern bei dem Automobilzulieferer mit dem Engineering Control Center nun eine einheitliche Oberfläche zur Verwaltung ihrer Produktdaten zur Verfügung – unabhängig vom CAD-System. Einer der Vorteile der Integration: Die Anbindung an das bisherige Stücklisten- und Änderungsmanagement kann über eine zentrale Anwendung erfolgen. Die Schnittstelle verwaltet zudem auch Baugruppen mit, nicht nur Einzelteile. „Damit ist das Stücklistenwesen im SAP eingebunden“, fasst Jörg Stenner, Leiter CAD Methoden & Tools Entwicklung bei Mahle Behr, zusammen. Zu den quantifizierbaren Ergebnissen der Schnittstellenentwicklung sowie erfolgter Migration zählt zudem die Qualität der Daten, die enorm gestiegen ist. „Unser Projekt zur Einführung von SAP PLM 7 und zur Optimierung unserer globalen Produktentstehungs- und Änderungsprozesse geht aber noch weiter. Im Zuge der geplanten Erweiterungen im Bereich Usability und weiteren Möglichkeiten zur Multi-CAD-Release-Nutzung haben wir zwar noch Einiges vor uns. Mit der ECTRV5-Integration haben wir jedoch bereits einen entscheidenden Meilenstein erreicht“, so das Fazit von Werner Buchmeier.
Bildquellen: Mahle GmbH