„Cyberkriminelle denken wirtschaftlich und dann geht es um den Return of Invest“, sagt Klaus Jetter.
ITD: Herr Jetter, inwiefern hat sich der Charakter von Ransomware-Angriffen in den vergangenen Monaten verändert?
Klaus Jetter: Es geht nicht mehr nur um die reine Lösegeldforderung. Cyberkriminelle denken wirtschaftlich und dann geht es um den Return of Invest. Wenn die Angreifer einen Punkt erreicht haben, an dem sie einen gewissen Aufwand bereits getätigt haben, wollen sie auch einen Ertrag. Dann gibt es für sie keinen Weg zurück. Und dann wird es perfide und skrupellos. Erinnern wir uns zurück an Vastaamo. Das finnische Psychotherapiezentrum war Ziel einer Attacke, bei dem ein Angreifer die Systeme lahmlegte und Patientendaten gestohlen hatte. Er erhöhte den Druck und drohte damit, diese zu veröffentlichen, wenn das Zentrum nicht zahlen würde. Als dieses sich weigerte, erpresste er zusätzlich die Patienten. Das war eines der schlimmsten Beispiele dafür, wie grausam kriminelle Hacker sein können. Und das ist der eigentliche Unterschied, den wir in vergangenen Monaten beobachten konnten.
ITD: Warum reicht es heutzutage nicht mehr aus, Cybersecurity in Unternehmen als reine Gefahrenabwehr zu verstehen?
Jetter: Cyberkriminelle wollen sich in erster Linie bereichern und Dank der ihnen bereitgestellten technischen Möglichkeiten und dem vorhandenen Know-how ist das mittlerweile auch kein großes Kunststück. Die Gefahren wachsen stetig an und immer neue Betrugs- und Angriffsverfahren müssen erkannt und abgewehrt werden. Der Druck auf Unternehmen wächst dadurch Tag für Tag.
ITD: Was genau hat es mit einem „Outcome-based Security“-Modell auf sich und inwieweit verändert es die Art und Weise, wie Unternehmen sich um die Sicherheit im eigenen Hause kümmern?
Jetter: Outcome-based Security soll die Herangehensweise der Cybersicherheit ändern. Cybersicherheit soll nicht mehr der ewige Verhinderer sein, sondern im Gespräch mit Business-Entscheidern und Fachabteilungen sagen: Ja, wir können die Geschäftsziele unterstützen – und so können wir dafür sorgen, dass dies auch sicher geschieht.
Der Ansatz positioniert sich also auf Augenhöhe mit dem Vorstand. Er beruft sich nicht nur auf die Verhinderung von Gefahren, auf die Sicherung von Werten und die Minimierung von Risiken. Er betont und demonstriert den Anteil am Erfolg. Der Ansatz dreht also die bisherige Fragestellung, wie Gefahren abgewehrt und Risiken minimiert werden, um, und macht dadurch gleichzeitig die Anforderungen der Cybersicherheit für alle Entscheider im Unternehmen verständlich. Die Fragestellung lautet dann, wie wir mittels Cybersicherheit eine möglichst große Effizienz im Unternehmen ermöglichen. Wie tragen wir zur Schaffung agiler Prozesse bei? Welchen Anteil haben wir daran, das Vertrauen des Verbrauchers in unsere Produkte und Dienste zu steigern?
ITD: Welche Rolle kann Künstliche Intelligenz (KI) an dieser Stelle spielen?
Jetter: Eine sehr wichtige sogar. Cyberangriffe treffen Unternehmen meist unerwartet. Oft an Tageszeiten und Wochentagen, wenn im Betrieb nicht viel los ist, wie etwa nachts, an Wochenenden oder Feiertagen. Aber auch dann ist es meist zu spät, denn der Angriff hat bereits schon viel früher stattgefunden, man hat die Auswirkungen aber erst viel später gespürt. In der sogenannten Infiltrationsphase, die Wochen vor dem eigentlichen Angriff stattfinden, dringen Cyberangreifer verstohlen in das Unternehmensnetzwerk ein und „erkunden“ die Lage. Sie bewegen sich lateral, sehen sich erst einmal nur um und bereiten dann den eigentlichen Angriff vor. Für das menschliche Auge kaum erkennbar, denn grundsätzlich ist bisher noch nichts passiert.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 10/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Diese Situationen in der Praxis zu erkennen ist eine äußerst komplexe Aufgabe. Sie setzt mehr als die Kenntnis des eigenen Netzwerks und der Situation im eigenen Unternehmen voraus. Die KI kann an der Stelle aber schon etwaige Anomalien im eigenen Netzwerk feststellen und darauf angemessen reagieren. Die KI reagiert aber nicht nur, sie antizipiert auch. Heißt, sie geht immer von einem laufenden Cyberangriff aus und ist 24/7 immer hellwach. Die KI kommuniziert auch mit anderen KIs. Wenn etwa ein Angriff viele Unternehmen einer bestimmten Branche trifft, dann erhöht sie automatisch das Sicherheitslevel. Wir nennen das Schwarmintelligenz.
Bildquelle: Withsecure