Für Experten ist der Stand des Breitbandausbaus besser als allgemein wahrgenommen, jedoch sollte die Ausweitung schneller voranschreiten.
Laut dem Digitalreport 2021 des European Center for Digital Competitiveness hat sich das Bild der Deutschen von der Digitalisierung im Corona-Jahr 2020 erheblich verschlechtert: 2019 glaubten noch 61 Prozent der Befragten, dass die Digitalisierung und Vernetzung im industriellen Bereich schnell voranschreiten, 2020 waren es nur noch 50 Prozent. Nur 15 Prozent glauben, dass die Bundesregierung ein klares Konzept für den digitalen Wandel hat. Nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages unter 3.476 Betrieben sind auch viele Unternehmen unzufrieden mit dem Netzausbau: Mehr als ein Drittel bemängelt eine unzureichende Verfügbarkeit von schnellem Internet am Unternehmensstandort.
Nick Kriegeskotte, Leiter Infrastruktur und Regulierung beim Digitalverband Bitkom, sieht Deutschland dagegen beim Breitbandausbau auf einem guten Weg. „Die Corona-Krise hat gezeigt, dass die digitalen Infrastrukturen auch bei verstärkter Nutzung durch Homeoffice standhalten und in der Krise die Versorgung sichergestellt werden konnte. Gerade beim Thema ‚5G‘ steht Deutschland im europäischen Vergleich gut da. 5G kommt jetzt immer stärker in die Fläche, die Netzbetreiber investieren hierzulande jährlich mehrere Milliarden Euro“, so der Experte.
Dies bestätigt auch Dr. Stephan Albers, Geschäftsführer des Bundesverbandes Breitbandkommunikation e. V. Breko. Die Glasfaserquote sei gemessen an allen Haushalten und Unternehmen in Deutschland zu Mitte 2020 auf 15 Prozent gestiegen. Auch für die nächsten Jahre sei mit einer Zunahme zu rechnen. „Die alternativen Netzbetreiber haben laut der ‚Breko Marktanalyse20‘ 5,2 Mrd. Euro in den Glasfaserausbau investiert“, betont Albers.
Ingobert Veith, Director Public Policy bei Huawei Deutschland, sieht dagegen Nachholbedarf: „In Bezug auf den Breitbandausbau ist der Stand besser als allgemein wahrgenommen, aber es besteht die Erwartungshaltung, schneller voranzuschreiten. Beispielsweise haben sich in den letzten sechs Jahre die allgemein verfügbaren Mobilfunkgeschwindigkeiten trotz zunehmender Datennutzung mehr als verdreifacht.“ Doch steige die Investitionsbereitschaft insbesondere im Zuge der Covid-19-Pandemie, was die zunehmende Wichtigkeit der Digitalisierung verdeutliche.
Klaus Landefeld, stellvertretender Vorstandsvorsitzender und Vorstand Infrastruktur und Netze beim Eco – Verband der Internetwirtschaft e. V., sieht vor allem die Bundesregierung in der Pflicht, den Ausbau voranzutreiben. „Um das Potenzial der Digitalen Transformation von Gesellschaft und Wirtschaft auszuschöpfen, müssen Unternehmen und Behörden die notwendigen infrastrukturellen Leistungen angeboten werden“, konstatiert er.
Dr. Andrea Huber, Geschäftsführerin vom Anga Der Breitbandverband e. V., verweist auf die Herausforderungen, denen sich der Ausbau der digitalen Infrastruktur in den kommenden Jahren stellen muss. „Wie gestalten wir die künftige Breitbandförderung, ohne den eigenwirtschaftlichen Ausbau zu beeinträchtigen? Welche bürokratischen Hürden müssen abgebaut werden, um den Netzausbau zu beschleunigen? Auf all diese Fragen müssen wir schnell gemeinsam mit der Politik Antworten finden“, so Huber. Nach Ansicht von Adel Al-Saleh, Vorstandsmitglied der Deutschen Telekom und CEO von T-Systems, müssen Geschäftstätigkeiten in eine resiliente Umgebung gebracht werden: „Die digitale Umgebung, die Cloud, bietet unzählige Vorteile. Angefangen bei einer höheren Flexibilität und steigenden (Reaktions-)Geschwindigkeiten über mehr Automatisierung bis hin zu steigender Innovation. Das verlangt natürlich auch neue Security-Ansätze.“
Die Auswirkungen von Investitionen auf Digitalisierung und Wirtschaftswachstum in Deutschland zeigt eine gemeinsame Studie von Eco, Arthur D. Little und dem Vodafone Institut (2019). „Wird KI bundesweit flächendeckend eingesetzt, ist bis 2025 ein Wachstum des Bruttoinlandprodukts von über 13 Prozent möglich, was einem Gesamtpotenzial von rund 488 Mrd. Euro entspricht“, betont Klaus Landefeld. Darum solle die Politik jetzt vor allem in den flächendeckenden Ausbau digitaler Infrastrukturen investieren und die Überarbeitung von Gesetzen und Vorschriften weiter vorantreiben.
Ingobert Veith von Huawei Deutschland unterstreicht zudem den Investitionsbedarf entlang der Mobilitätstraßen und in den Gewerbegebieten, ebenso wie im Bereich der Verwaltung: „Die Digitalisierung kann nur Fahrt aufnehmen, wenn Verwaltungsvorgänge vereinfacht werden und im Netz stattfinden können – die Pandemie hat das unwiderruflich deutlich gemacht.“ Guido Weissbrich von Vodafone sieht bei aller Investitionsfreude die Ausgaben für Funkfrequenzen kritisch: „Uns wäre es lieber, wenn wir als Telekommunikationsbranche bei Auktionen nicht viele Milliarden Euro für Frequenzscheine ausgeben müssten, sondern das Geld in neue Funkmasten investieren könnten. Andere Länder machen das besser.“
Auch bei der viel diskutierten „Digitalisierung ländlicher Raum“ sehen die Experten vorwiegend Hindernisse verwaltungstechnischer Art. Wie Klaus Landefeld erklärt, „rollen derzeit alle Bagger, welche rollen können – die Kapazitätsgrenzen im Breitbandausbau sind erreicht, der Fortgang wird vielmehr auch hier durch bürokratische Hürden in den Genehmigungsverfahren sowie eine Verhinderung der Anwendung moderner, minimalinvasiver Verlegemethoden durch historische Bauvorschriften behindert.“ Aktuell würden im Förderverfahren rund 1.600 Ausbauprojekte bearbeitet sowie die Förderung von über 250 Einzelprojekten zum Ausbau von Gewerbegebieten verwaltet. Zudem starte noch in diesem Jahr die Förderkulisse zum Ausbau sogenannter grauer Flecken, die Unterstützung von Gigabitnetzen in Gebieten, welche bisher keine Versorgung mit mindestens 100 Mbps aufweisen.
Dr. Andrea Huber sieht beim Ausbau im ländlichen Raum jedoch auch gesetzliche Hindernisse: „Die anstehende Novelle des Telekommunikationsgesetzes sieht u. a. vor, die mietrechtliche Umlagefähigkeit der Betriebskosten für Inhouse-Netze ersatzlos zu streichen. Damit würde es künftig deutlich schwieriger für Wohnungswirtschaft und Netzbetreiber, Gebäude und Wohnungen mit Gigabitnetzen auszustatten.“
Zudem trägt der Gesetzentwurf zur Modernisierung des Telekommunikationsrechts laut den Experten nicht zur Rechts- und Planungssicherheit der am 5G-Ausbau beteiligten Unternehmen bei. „TKG-Novelle und IT-Sicherheitsgesetz werfen Fragen und Rechtsunsicherheiten auf und verlangsamen den 5G-Ausbau weiter“, so Klaus Landefeld. „Ein weiteres Hemmnis bilden fehlende geeignete Standorte für die beim Einsatz von 5G signifikant erhöhte Anzahl von Basisstationen.“
Breko-Geschäftsführer Dr. Stephan Albers sieht dagegen den Zusammenhang von 5G-Abdeckung und Glasfaserausbau aus einer positiveren Perspektive: „5G-Mobilfunk kann sein Potenzial nur mit Glasfaser ausschöpfen. Für ein leistungsfähiges 5G-Netz braucht jeder Funkmast eine Glasfaseranbindung. Nach unserer aktuellen ‚Marktanalyse20‘ lag die Glasfaserquote gemessen an allen Haushalten und Unternehmen zu Ende 2019 bei 13,5 und zu Mitte 2020 bei 15 Prozent.“ Im europäischen Vergleich hole Deutschland deutlich auf, bei den am stärksten wachsenden Märkten liege man in Sachen „Glasfaser“ bereits auf Platz fünf im europäischen Vergleich.
Doch auch die Bedeutung von Apps und Start-ups wird für die Digitalisierung zunehmend wichtiger. Für Adel Al-Saleh von der Deutschen Telekom und T-Systems stellt die Corona-Warn-App dabei ein Leuchtturmprojekt dar. Daneben sieht er in der Migration in die Cloud ein weiteres entscheidendes Thema: „Eine Studie von Forrester aus dem Jahr 2019 hat ergeben, dass 49 Prozent der befragten Unternehmen noch am Anfang ihrer Digitalen Transformation stehen. Meine Prognose ist, dass bereits in zwei bis drei Jahren 50 Prozent aller Prozesse und Daten in der Public Cloud wiederzufinden sind.“
Vodafone-Chef-Netzplaner Guido Weissbrich sieht eine Zusammenarbeit seines Unternehmens mit Start-ups insbesondere bei der Entwicklung von digitalen und nachhaltigen Services und Anwendungen als richtungsweisend an: „Gemeinsam mit Mowa haben wir kleine Windmühlen entwickelt, die unsere Mobilfunkstationen mit Strom versorgen. Zusammen mit Unu bringen wir Elektroroller ins Internet der Dinge. Sie sind voll vernetzt und voll elektrisch. Den Motor startet man mit dem Smartphone.“
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 3/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Die Prägnanz des Themas „Nachhaltigkeit“ unterstreicht auch Alfons Lösing, Chief Partner und Wholesale Officer von Telefónica Deutschland: „Intelligente Sensoren messen den Stromverbrauch, die Luftqualität und Biodiversität vor Ort – und wir leiten daraus Verbesserungsmaßnahmen für grünere, lebenswertere Städte ab.“ Für Klaus Landefeld liegt die höchste Priorität auf Projekten, die sich aktuellen sowie künftigen Herausforderungen stellen und mithilfe von digitalen Anwendungen und Technologien Lösungen finden. „Ein Digitalministerium, das die zahlreichen digitalpolitischen Stränge der Bundesregierung strategisch ordnet und zusammenführt, wäre hierfür ein wichtiger Ansatz.“
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