Deutsche Unternehmen suchen sich – nicht zuletzt aufgrund des IT-Fachkräftemangels – zunehmend Hilfe aus dem Ausland.
Andreas Ganswindt, Geschäftsführer Scalors
IT-DIRECTOR: Herr Ganswindt, inwiefern lässt sich IT-Off-/Nearshoring mit dem Fachkräftemangel in Deutschland erklären?
A. Ganswindt: IT-Off-/Nearshoring ist eine Reaktion auf den Fachkräftemangel in Deutschland im Zeitalter einer sich globalisierten Gesellschaft. Neben dem Einsparungspotential wird immer häufiger der schnelle, flexible Zugriff auf gut ausgebildete Ressourcen genannt, denn wenn Projekte sich verzögern, schlecht planbar sind, verlieren deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich an Wettbewerbsfähigkeit und damit auch an Marktanteilen.
IT-DIRECTOR: Welche Länder sind besonders beliebt? Gibt es Regionen, die für bestimmte Fachbereiche spezialisiert sind?
A. Ganswindt: In der Software-Entwicklung ist die Ukraine in Europa trotz der politischen Situation nach wie vor die Nummer Eins. Allerdings kristallisiert sich zurzeit Portugal als eine interessante Alternative innerhalb der EU zu Osteuropa heraus.
IT-DIRECTOR: Wie lässt sich der Trend Nearshoring erklären? Spielen die EU-Zugehörigkeit und die geringe Zeitverschiebung dabei eine Rolle?
A. Ganswindt: Neben der geringen Zeitverschiebung und der Reisefreiheit, spielt die kulturelle Nähe im Nearshoring eine wesentliche Rolle: Ein gemeinsamer kultureller Hintergrund ermöglicht es überhaupt, dass z.B. Softwareentwickler sich aktiv in ein Projekt einbringen können. Unterstützt wird dieser Prozess mit agilen Entwicklungsmethoden, die die Kommunikation und somit die Qualität der Arbeit stetig verbessert. Eine geringe Zeitverschiebung ist dafür natürlich hilfreich. Aber der wesentliche Faktor ist eindeutig das gegenseitige kulturelle Verständnis. Darüber hinaus sind innerhalb der EU datenschutzrechtliche Anforderungen deutlich leichter zu erfüllen.
IT-DIRECTOR: Vor welchen Problemen stehen Unternehmen und ausländische Mitarbeiter in Bezug auf eine Aufenthaltsgenehmigung? (Stichwort Blue Card)
A. Ganswindt: Die Bedingungen der Blue Card sind insbesondere im IT-Bereich oftmals leicht zu erfüllen und der Prozess ist einfach und in der Regel schnell durchgeführt. Allerdings ist die Laufzeit des Visaprozesses sehr unterschiedlich und damit schlecht planbar.
IT-DIRECTOR: Welchen Vorteil bieten in diesem Zusammenhang agile Projektmethoden?
A. Ganswindt: Agile Entwicklungsmethoden führen nicht nur zu schnelleren Ergebnissen, und besserer Qualität, sondern ermöglichen es auch früh Fehlentwicklungen zu erkennen, und zügig Änderungswünsche einzubringen und umzusetzen. Außerdem fordern und formalisieren sie die regelmäßige Kommunikation und fördern den Gedankenaustausch. Genau das sind auch die Erfolgsfaktoren für Nearshoring.
IT-DIRECTOR: Wie steht es um moralische Bedenken auf Unternehmensseite bezüglich politischer Unruhen (z.B. Arabischer Frühling), der Regierungsform oder sozialer Missstände (z.B. Kastensystem und Massenvergewaltigung in Indien)?
A. Ganswindt: In unserem Modell des Nearshoring finden regelmäßige vor-Ort Besuche der Entwickler in Portugal als auch in der Ukraine mit ihren deutschen Auftraggebern statt, d.h. die Projektbeteiligten sehen sich mehrmals im Jahr.
Wir haben die Feststellung gemacht, dass dies eine gute Möglichkeit ist in einen Dialog zu treten, wenn beide Seiten das wünschen.
IT-DIRECTOR: Welche Vorteile ergeben sich durch IT-Offshoring aus Ihrer Sicht für Unternehmen und welche negativen Folgen resultieren daraus für die deutsche Wirtschaft?
A. Ganswindt: Das klassische Offshoring basiert im Gegensatz zum modernen Nearshoring überwiegend auf finanziellen Beweggründen. Richtig praktiziertes Nearshoring fördert den Wissensaustausch und Aufbau von Know-how in Deutschland, verbindet Menschen und Kulturen und ermöglicht es Unternehmen sich rasch weiterzuentwickeln. Unternehmen sind so in der Lage schneller auf Marktbedürfnisse zu reagieren und ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.
IT-DIRECTOR: Bitte geben Sie drei Tipps, worauf Unternehmen bei der Wahl des ausländischen Dienstleisters achten müssen.
A. Ganswindt: Bevor man einen ausländischen Dienstleister auswählt, solle man sich die Frage stellen, wie gut man intern für diese Form der Zusammenarbeit vorbereitet ist. Wir nennen das den eigenen „Reifegrad“ für Software Outsourcing bestimmen. Darüber hinaus sind folgende Kriterien wichtig:
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