Blick ins Rechenzentrum: On Premises ist noch gefragt
Im April kündigte Microsoft die Veröffentlichung seiner neuesten Office LTSC 2024-Version an – und überraschte damit viele. Was viele bei der Veröffentlichung erstaunt hat: Es handelt sich bei der neuen Version um eine gerätebasierte Lizenzierung, frei von jeglichem „Abo-Zwang”. Nach der 2021er Version hatten viele die Einführung einer reinen Cloud-Version erwartet, doch weit gefehlt.
Aber warum entscheidet sich Microsoft erneut für den Release einer On-Premises-Lösung, obwohl sie seit Jahren Cloud-Lösungen pushen, diese zu boomen scheinen und Betriebe zunehmend auf Abonnements setzen? Paradoxerweise befeuert dies zusätzlich den sowieso schon florierenden Gebrauchtsoftwarehandel – eine Entwicklung, die die großen Softwarehersteller, allen voran Microsoft, eigentlich zu verhindern versuchen. Wir schauen, was dahintersteckt.
Angesichts steigender Zinsen und Inflation sind Unternehmen mehr denn je dazu gezwungen, ihre Kosten zu optimieren. Vor allem die Fixkosten stehen dabei im Fokus. Viele Unternehmen setzen auf Cloud-Lösungen, um diese Grundausgaben zu reduzieren und flexibler auf sich ändernde Lizenzbedürfnisse reagieren zu können. Welche Bedeutung Cloud Computing hat, zeigt sich in einer aktuellen Studie von KPMG: 97 Prozent der Unternehmen nutzen bereits Cloud Computing oder denken darüber nach. Zum Vergleich: 2012 waren es nur 37 Prozent.
Doch was bewegt so viele Unternehmen dazu, auf die Cloud zu setzen? Im Gegensatz zu herkömmlichen On-Premises-Lösungen ist die Cloud vermeintlich skalierbarer, agiler und kosteneffizienter. Dass ein großes Interesse an Cloud besteht, lässt sich also nicht abstreiten. Aber lassen sich On-Premises-Lösungen dadurch komplett verdrängen? Trotz der zahlreichen Vorteile bleiben Sicherheitsbedenken und Datenschutzfragen bestehen. Und eine genauere Analyse zeigt oft, dass es mit der Flexibilität und Kosteneffizienz gar nicht so weit her ist.
Ungeachtet des bestehenden Cloud-Booms zeigt die Veröffentlichung deutlich, dass es nach wie vor einen relevanten Marktanteil für Kauflizenzen gibt, der sich nicht in die Cloud drängen lässt. Obwohl sich Cloud-Lösungen und Abonnement-Modelle weiterhin im Aufwind befinden, setzen Software-Hersteller weiterhin auch auf On-Premises-Lösungen. Doch warum? Liegt es daran, dass Unternehmen vielleicht doch klassische Software-Lizenzen bevorzugen? Was bewegt die Hersteller zu dieser Entscheidung? Zunächst einmal ist diese Entscheidung von Branchenprimus Microsoft ein klarer Beleg dafür, dass es weiterhin eine genügend grosse Nachfrage nach On-Premises-Lizenzen gibt. Und das im kompletten Gegensatz zu ihren eigenen Darstellung. Im Narrativ der Hersteller kommt in den letzten Jahren eigentlich nur noch die Cloud-Variante vor.
Die Gründe, warum die Kunden weiterhin lokale Lizenzen nachfragen sind vielfältig: Einige Unternehmen möchten ihre bestehenden Investitionen maximieren und individuelle Anpassungsmöglichkeiten sowie Kontrolle über ihre Daten wahren. Diese Flexibilität und Kontrolle sind besonders entscheidend in Branchen mit strengen regulatorischen Anforderungen oder sensiblen Daten. Die Möglichkeit, die Hardware-Infrastruktur vollständig zu kontrollieren und anzupassen, kann in bestimmten Branchen oder Anwendungsfällen erforderlich sein und wird es vermutlich auch in den nächsten Jahren noch – Cloud-Hype hin oder her.
Für andere Unternehmen steht die Unabhängigkeit im Vordergrund. Sie wollen sich nicht über Abomodelle in die vollständige Abhängigkeit der Hersteller bringen. Wieder andere nehmen eine nüchterne Kalkulation der “Total cost of Ownership” über einen üblichen Nutzungszeitraum vor und stellen fest, dass eine über mehrere Jahre abgeschriebene Kauflizenz deutlich günstiger kommt als das Mietmodell. Vor allem, wenn viele neue Features des Mietmodells im Unternehmen gar nicht oder nur von einem kleinen Teil der Belegschaft genutzt wird.
Die unerwartete Veröffentlichung der lokalen Office 2024 Lizenzen ebnet auch den Weg für den zukünftigen Handel mit gebrauchten Softwarelizenzen, und das, obwohl große Hersteller wie Microsoft dies am liebsten verhindern würden. Sogenannte “Second-Hand-Software”-Lizenzen eröffnen Unternehmen zusätzliche Flexibilität und potenzielle Kosteneinsparungen, beschränken jedoch auch die Gewinnmöglichkeiten der Softwarehersteller.
Dies steht also im Widerspruch zu den Bemühungen der Big-Tech-Unternehmen, den Softwaremarkt komplett zu kontrollieren und die Umsatzströme innerhalb ihres eigenen Ökosystems zu lenken. Ein EuGH-Urteil von 2012 ermöglicht diesen Handel – zumindest in der EU und unter bestimmten Bedingungen. Dabei ist es essentiell, dass die gesamte Lizenzkette der Software nachvollziehbar ist und die Transaktionen transparent dokumentiert werden. Einsparpotenziale zwischen 30% und 50% können hierbei realisiert werden.
Die Unternehmen stehen vor einem Wandel ihrer IT-Strukturen. Die Cloud gilt dabei zunächst als vermeintliches Allheilmittel. Zunehmende Sicherheitsbedenken schwächen jedoch die anfängliche Begeisterung. Prognosen über steigende Kosten tragen zusätzlich zur Verunsicherung bei. Für Softwareanbieter hingegen überwiegen die Vorteile der Cloud. Jedoch sind nicht alle Unternehmen von diesem Ansatz überzeugt.
Einige Branchen sehen sich weiterhin auf On-Premises-Lösungen angewiesen. Für diejenigen, die nicht vollständig in die Cloud umziehen möchten, bietet der Markt für gebrauchte Softwarelizenzen eine verlockende Alternative. Trotz des andauernden Hypes um Cloud- und KI-Technologien behalten On-Premises-Lösungen ihre Relevanz und Modernität bei. Der Handel mit gebrauchten Lizenzen hat sich zwar verändert, aber die bestehende Nachfrage und das Angebot sprechen dafür, dass dieser Markt auch weiterhin wachsen und neue Entwicklungen erfahren wird.
Zum Autor:
Thomas Huth ist Gründer und Geschäftsführer von Capefoxx, einem Unternehmen, das sich der Optimierung von Software Lizenzierung im Interesse der Anwender verschrieben hat und gleichzeitig einer der führenden rechtssicheren Anbieter für gebrauchte Software in Europa ist. Mit über 20 Jahren Erfahrung in dieser Branche verfügt er über eine umfassende Expertise. Huth hatte eine wichtige Rolle in wegweisenden Gerichtsverfahren gegen Unternehmen wie Adobe und Oracle, welches zu höchstrichterlichen Urteilen des EuGH und BGH führte, die bis heute das Fundament für den rechtssicheren Handel mit gebrauchten Lizenzen bilden.
Bild: Brian Penny / Pixabay