Ronald de Jonge, Sopra Steria
ITD: Herr de Jonge, in Deutschland hört man immer wieder vom „digitalen Rückstand“ – die „Digitalisierung“ hat allerdings viele Gesichter und betrifft viele Bereiche. Kann man überhaupt pauschal von einem Rückstand sprechen? Gibt es objektive Kriterien, an denen man den Digitalisierungsgrad festmachen kann?
Ronald de Jonge: Wenn vom „digitalen Rückstand“ die Rede ist, sehen Kritiker meines Erachtens nur einen sehr kleinen Ausschnitt. Deutschland ist bei der Digitalisierung weitaus besser aufgestellt, als viele oftmals glauben – gerade auch im öffentlichen Sektor. Die Corona-Pandemie hat sehr deutlich gezeigt, dass der Staat funktioniert, resilient aufgestellt ist und er die Digitalisierung durchaus beherrscht, auch wenn wir natürlich noch nicht im Ziel angekommen sind. Doch dafür ist es notwendig das gesamte Bild zu sehen. Gerade der Föderalismus erweist sich bei der Digitalisierung durchaus als großer Vorteil, anders als oft behauptet wird. In den Ländern und Kommunen gibt es bereits heute viele spannende und hochinnovative Projekte. Einen digitalen Impfpass als Karte mit QR-Code hatte der Landkreis Altötting in Bayern beispielsweise bereits im Januar eingeführt, um da ein aktuelles Beispiel zu nennen. In Zukunft sollte es jedoch darum gehen, den bundesweiten Austausch zu und die Entwicklung von solchen Lösungen zu stärken, damit am Ende alle Regionen und Verwaltungsebenen gleichermaßen partizipieren können.
ITD: Geht es um die Einrichtung digitaler Services im öffentlichen Sektor, sind im Vorfeld viele Dinge zu beachten. Wer berät und unterstützt Behörden hier bei der Planung? In welchem Maße können öffentliche Einrichtung hier auf die Erfahrung und Kompetenz privatwirtschaftlicher Akteure zurückgreifen?
De Jonge: Als Sopra Steria sind wir schon seit Jahrzehnten ein starker Partner der Behörden und gestalten gemeinsam mit ihnen die Digitalisierung im öffentlichen Sektor – von der Managementberatung bis hin zum IT-Betrieb. In Zukunft dürften solche End-2-End-Partnerschaften noch wichtiger werden, damit der Public Sector von der Innovationskraft der Privatwirtschaft profitieren kann. Cybersecurity oder auch Themen rund um die IT-Infrastruktur sind da sehr spannende Themen in diesem Zusammenhang. Schnell kommen dabei auch die großen so genannten Hyperscaler mit ins Spiel und damit auch die drängende Frage nach der digitalen Souveränität. Allerdings halte ich es für wichtig, Souveränität nicht mit Autarkie gleichzusetzen. Die öffentliche Verwaltung ist nicht in der Lage, sämtliche Fortschritte im Digitalen ganz allein aus eigener Kraft zu stemmen.
ITD: Wie steht es aus Ihrer Sicht um die Akzeptanz neuer Technologien und digitaler Sicht in Behörden und öffentlichen Einrichtungen? Denken Sie, dass die Altersstruktur dabei eine Rolle spielt?
De Jonge: Die Akzeptanz neuer Technologien ist sicherlich nicht allein eine Frage des Alters. Allerdings ist die Affinität zu digitalen Lösungen bei der Millennials-Generation und noch stärker bei der nachfolgenden Generation Y sehr viel stärker ausgeprägt als bei vorangegangenen Generationen. Viele von ihnen sind „digital natives“, für die der Umgang mit Smartphone und Internet, aber vor allem das Arbeiten in Netzwerken selbstverständlich sind. Wir sehen, wie diese Generation im Public Sector allmählich auf die verantwortungsvollen Positionen vorrückt. Das Tempo bei der Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung wird so Ebenen übergreifend noch weiter an Fahrt aufnehmen.
ITD: Werden aus Ihrer Sicht die Mitarbeiter genügend in den Digitalisierungsprozess eingebunden? Wo besteht hier Nachholbedarf?
De Jonge: Da unterscheiden sich der Public Sector und die Privatwirtschaft nicht sonderlich. In beiden Fällen lassen sich mit Sicherheit gute wie auch negative Beispiele finden. Fest steht: Nur mit einer starken Mitarbeiterbeteiligung lässt sich die digitale Transformation erfolgreich umsetzen. Die Digitalisierung darf sich gerade nicht darin erschöpfen, einen analogen auf einen digitalen Prozess umzustellen. Vielmehr geht die Transformation immer mit einem generellen kulturellen Change in der Organisation einher.
ITD: IT-Fachkräfte sind heiß begehrt und die Privatwirtschaft lockt Data Scientists und Security-Experten mit Topkonditionen. Wie wirkt sich das auf die Situation im öffentlichen Sektor aus? Wie können Behörden ihre Attraktivität für IT-Bewerber verbessern?
De Jonge: Der demografische Wandel ist mittlerweile wirklich das Top-Thema für die Verwaltungen, wenn es um die Frage geht, in welchem Bereich eine Organisation aktuell noch mehr Kompetenz benötigt. Und anders als in den letzten Jahren: Gerade bei der jetzt jüngeren Generation erfreut sich der öffentliche Dienst wieder einer gewissen Beliebtheit. Natürlich kann eine Verwaltung gerade bei der Bezahlung nicht mit einem Data-Scientist-Jobangebot aus der Privatwirtschaft mithalten. Doch Vorteile wie die Work-Life-Balance, eine Arbeit für das Gemeinwohl oder auch die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes sind gerade heutzutage für viele junge Menschen durchaus gewichtige Argumente, um in den öffentlichen Dienst und nicht in die Privatwirtschaft zu wechseln. Der Public Sector sollte sicherlich noch viel stärker mit solchen Vorzügen für sich werben.
ITD: Für die Einrichtung digitaler Services im öffentlichen Raum ist es wichtig, den Bürgern eine demokratische Teilhabe zu ermöglichen und daneben natürlich auch die Akzeptanz der neuen Dienste zu steigern. Welches Risiko geht hier von Medienbrüchen und schlechter UX aus?
De Jonge: Das sind in der Tat die beiden entscheidenden Punkte, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Das Onlinezugangsgesetz hat genau deshalb auch nicht allein die Digitalisierung der Schnittstelle, sondern auch den Abbau von Medienbrüchen zum Ziel. Beides bedingt am Ende einander. Eine digitalisierte Schnittstelle zu einem internen Prozess, der dann jedoch eine Vielzahl von Medienbrüchen aufweist, ist vergleichbar mit einem Potemkinschen Dorf. Umgekehrt ist das Ganze aber natürlich ebenso wenig zielführend.
ITD: Welches sind aus Ihrer Sicht die nächsten großen Meilensteine, wenn es um die Digitalisierung von Behörden geht?
De Jonge: Das ist sicherlich die Registermodernisierung. Mit ihr erfinden wir die Struktur Deutschlands öffentlicher Verwaltung noch einmal von Grund auf neu. In Zukunft wird es möglich sein, Register quer durch die Republik und besser als bislang miteinander zu verknüpfen. Das schafft einen völlig neuen Effizienzgewinn und auch die Möglichkeit für neue spannende Services, die den Bürgern angeboten werden können. Verwaltungsvorgänge, für die heute womöglich mehrere Tage Bearbeitungszeit notwendig sind, lassen sich durch die Registermodernisierung möglicherweise automatisiert durchführen. Das wäre darüber hinaus ein weiterer Beitrag zur Bewältigung des demografischen Wandels.
Bildquelle: Sopra Steria