Glasfaserausbau

Raus aus dem Genehmigungsdschungel!

Mit dem Glasfaserausbau steht und fällt die weitere Digitalisierung Deutschlands – doch weshalb geht dieser hierzulande so schleppend voran? Im Interview geht Sascha Müller, Head of Sales bei Sumec Industry & Engineering gemeinsam mit IT DIRECTOR auf Spurensuche.

aus aus dem Genehmigungsdschungel!

Um den Glasfaserausbau in Deutschland weiter voranzubringen, bedarf es einheitlicher Regulatorien, meint Sascha Müller.

ITD: Herr Müller, es ist oft die Rege davon, dass Deutschland beim Thema „flächendeckendes Internet“ weit abgeschlagen ist. Hand aufs Herz – ist die Lage wirklich so dramatisch?
Sascha Müller:
Ich beobachte häufig, dass wir hierzulande eher dazu neigen, das halbleere anstelle des halbvollen Glases zu sehen. Es gibt sicherlich noch viel zu tun, aber wenn man mal die Bestandsaufnahmen anschaut, sieht es so schlecht gar nicht aus. Die Unternehmen investieren jährlich zehn Milliarden Euro in Digitalisierungsthemen und die entsprechenden staatlich bereitgestellten Fördermittel werden in großem Umfang abgerufen. In Bezug auf das Thema „schnelles Internet“ lässt sich sagen, dass 94 Prozent der bundesdeutschen Haushalte bereits bei 50 Mbit/s liegen. 60 Prozent der Haushalte verfügen über Gigabit-Geschwindigkeiten – drei von zehn Haushalten nutzen das auch. Wenn man nun noch bedenkt, dass man mit LTE 99 Prozent der Haushalte erreicht, sind wir da gut aufgestellt. Daneben gibt es auch noch das Satelliteninternet, wo wir im Download 100 Mbit und im Upload 25 MBit erreichen. Auch hier sehen die Zahlen nicht schlecht aus und die Netze sind stabil. Nachholbedarf, das muss gesagt sein, gibt es allerdings dennoch.

Ich möchte natürlich nicht darüber hinweggehen, dass es in vielen Bereichen – gerade beim Thema „Glasfaser“ noch hakt. Im Vergleich mit Ländern wie der Volksrepublik China, Saudi Arabien oder Brasilien sind wir ziemlich abgeschlagen. Als Europas größte Wirtschaftsnation sollte uns ein derartiges Abfallen im technologischen Wettrennen doch aufrütteln. Länder wie Frankreich oder Italien, die sich aus meiner Warte für einen direkten Vergleich anbieten, haben es vorgemacht und inzwischen so gut aufgeholt, dass sie unter den Top Ten rangieren. Hier können wir uns noch etwas abschauen.

ITD: Es wird in Deutschland oft davon gesprochen „den Glasfaserausbau zur Chefsache“ zu machen. Haben Sie aus Ihrer Erfahrung heraus festgestellt, dass diesem Ansatz bereits zur Genüge Rechnung getragen wird?
Müller:
Fakt ist, in Deutschland nutzen nur rund fünf Prozent aller Breitbandanschlüsse Glasfasertechnologie. Damit sind wir im internationalen Vergleich weit abgeschlagen. Noch düsterer ist die Lage aus meiner Sicht in den ländlichen Regionen. Hier sind Netzlücken weiterhin die Regel statt die Ausnahme. Gerade die Corona-Pandemie und die Zeit des mobilen Arbeitens führen uns allen vor Augen, wie sehr es auf leistungsfähiges Internet ankommt. Mobiles Arbeiten ist schließlich nur mit stabilem Internet möglich.

ITD: Weshalb ist es für den Industriestandort Deutschland wichtig, 5G bis „zur letzten Milchkanne auszubauen? Was droht dem ländlichen Raum, wenn der Ausbau dort weiterhin stiefmütterlich behandelt wird?
Müller:
Ich denke, die Pandemie hat nicht zuletzt auch die Attraktivität ländlicher Räume massiv erhöht. Damit dieser Wandel nicht nur kurzfristiges Phänomen bleibt und unsere Großstädte langfristig entlastet werden können, brauchen wir eine schnellere flächendeckende Glasfaserversorgung, um den Effekt nachhaltig zu verstärken. Die digitale Infrastruktur entscheidet darüber, ob der ländliche Raum seine Vorzüge in der Lebensqualität erhalten und entfalten kann. Digitale Angebote im Bereich der Gesundheit  – wie zum Beispiel telemedizinische Lösungen oder auch die digitale Übertragung von Kulturveranstaltungen – können hier durch Glasfaser Sicht realisiert werden. Das Gefühl des „Abgeschnittenseins“ auf dem Land wird dadurch deutlich reduziert und somit die Attraktivität des ländlichen Raums langfristig erhöht. Heute allerdings bremst die langsame Datenleitung, die Zukunftsfähigkeit Deutschlands: fehlende digitale Anbindung wird zum Wettbewerbsnachteil. Glasfaser ist also längst zu einem der wichtigsten strategischen Wettbewerbs- und Standortvorteile in den ländlichen Raum geworden.

ITD: Ist – vor allem den politischen Akteuren – hinreichend bewusst, wie sehr die „Digitalisierung“ an sich mit dem Ausbau des Glasfasernetzes verbunden ist?
Müller:
Aufgrund des schnell wachsenden Datenverkehrs in Unternehmen und Privathaushalten ist die Nachfrage nach gigabitfähigen Anschlüssen größer denn je. Gleichzeitig werden die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der digitalen Infrastrukturen durch die neuen Technologien und veränderten Nutzungsgewohnheiten weiter steigen. Nur Glasfaser, da bin ich überzeugt, hat die dafür notwendige Leistungsstärke, während andere Infrastrukturen schon sehr bald nicht mehr mithalten können und in wenigen Jahren an ihre technischen Grenzen stoßen werden. Beispiele hierfür gibt es viele, insbesondere im Privaten: dass sogenannte Down- und Upload-Raten nicht mehr ausreichen, haben viele Familien in den vergangenen Monaten bereits am eigenen Leib erlebt. Viele Eltern im Homeoffice saßen mit ihren Kindern am Küchentisch und im Online-Unterricht und zogen oftmals den Kürzeren. Noch spürbarer werden die Grenzen, wenn wir neue Technologien, wie die Mobilfunkgeneration 5G oder das Autonome Fahren betrachten.

ITD: Was ist jetzt zu tun, um die verfehlten Ziele doch noch zu erreichen?
Müller:
Um den Glasfaserausbau mit der notwendigen Geschwindigkeit voranzutreiben, braucht es privatwirtschaftliche Investitionen –diese stehen bereits zur Verfügung. Durch diese Investitionen kann der Glasfaserausbau ökonomisch sinnvoll und schnell erfolgen. Privatwirtschaftliche Unternehmen haben dort den Bedarf schon identifiziert, insbesondere im besagten ländlichen Raum. Damit tragen wir als Digitalversorger natürlich dazu bei, dass diese Region zukunftssichere Wirtschaftsstandorte bleiben und schaffen zugleich die Voraussetzung dafür, dass Menschen und Unternehmen auf dem Land die Möglichkeiten und Annehmlichkeiten digitaler Anwendungen weiterhin uneingeschränkt nutzen können. Aus meiner Sicht, das sage ich ganz klar, können wir uns nicht leisten, die Anbindung an schnelleres Internet – besonders auf dem Land – auf die lange Bank zu schieben. Es braucht schnelles Handeln aller beteiligten Akteure. Das Ziel in Deutschland einen flächendeckenden Giganetzausbau zu realisieren, hatte die aktuelle Bundesregierung ja schon für 2025 ausgegeben. Dieses Ziel wird allerdings weit verfehlt und ist unter optimalen Bedingungen meiner Einschätzung nach frühestens 2030 zu erreichen. Um wenigstens diese Marke noch zu erreichen, müssen zunächst wichtige politische und administrative Weichenstellungen erfolgen.

ITD: Welche könnten dies sein?
Müller:
Erstens, ganz wichtig: Für mehr Tempo beim Glasfaserausbau in Deutschland müssen die Genehmigungsprozesse effizienter gestaltet werden. Der derzeitige „Genehmigungsdschungel“ für den Glasfaserausbau kostet Behörden und ausbauende Unternehmen wertvolle Arbeitszeit. Diese müssen dringend entschlackt, standardisiert und vor allem sinnvoll digitalisiert werden. Zweitens dürften in Zukunft nur solche Regelwerke geschaffen und politisch akzeptiert werden, die den schnelleren Ausbau mit modernen Verlegeverfahren anerkennen. Nur mit solchen minimalinvasiven Verfahren kann Glasfaser schneller, zielgenauer und effizienter vonstatten gehen, als es beim konventionellen Tiefbau der Fall ist. Dank der Verlegung in Glasfasertiefe, also 30 bis 40 Zentimeter, können wir das Ausbautempo deutlich erhöhen und wenden den Stand der Technik für den industrialisierten Glasfaserausbau an. Drittens braucht eine zügige und diskriminierungsfreie Migration von Kupfer auf Glasfaser. Das Glasfasernetz ist gegenüber der veralteten Kupferinfrastruktur nämlich sowohl nachhaltiger im Bau als auch um ein Vielfaches energieeffizienter im Betrieb. Um diese Nachhaltigkeitsdividende der Glasfaser zu nutzen, müssen sowohl die Anbieter als auch die Bürger einfach umsteigen können.

Zu guter Letzt brauchen wir unbedingt ein neues Ministerium – und zwar ein Digitalisierungsministerium. Das Thema ist schon so besprochen worden, nun ist aber höchste Zeit, es umzusetzen. Wenn wir heute auf den Bund gucken, dann sehen wir, dass verschiedene Ministerien die verschiedenen Zuständigkeiten untereinander splitten. So ist das Verkehrsministerium wichtiger Gestalter und Förderer, während das Wirtschaftsministerium für Fragen der Marktregulierung zuständig ist und die Telekommunikationsüberwachung in den Bereich des Innenministers fällt. Der Verbraucherschutz schließlich ist Sache des Justizministeriums. Noch dazu, erschwert das auf Länderebene unterschiedliche Baurecht,  ein einheitliches Vorgehen.  Um hier ein konsistentes Handeln zu erreichen, brauchen wir das bereits angesprochene Digitalisierungsministerium.

ITD: Aus welchen Gründen liegt Deutschland überhaupt beim Glasfaserausbau im internationalen Vergleich zurück?
Müller:
Auch da gibt es aus meiner Sicht vier Gründe. Das bestehende Kupferkabelnetz ist im Hinblick auf die Netzinfrastruktur und die Kabelqualität so gut, dass mit FTTC (Fiber to the Curb, Anm. d. Re.), also Kabel bis zum Kabelverzweiger, in weiten Teilen 50 Mbit und mehr übertragen werden können – damit geben wir uns oft zufrieden. Zweitens: Die Kabelverlegung in Deutschland ist durch die fast ausschließliche Erdkabelverlegung um ein Mehrfaches teurer als in anderen Ländern, die überwiegend auf Luftkabelverlegung setzen. Drittens sind die Bebauungsstruktur und die Gewerbebetriebe über das ganze Land verteilt und konzentrieren sich nicht nur auf wenige Zentren. Als vierten Punkt gibt es in Deutschland ein gut ausgebautes Koaxialkabelnetz für das Kabelfernsehen, welches mit hochwertigem Breitbandnetz aus Glasfaser- und Koaxkabel für Bandbreiten von einem Gigabit ausgebaut werden kann.

Der Breitbandausbau muss in Zukunft ein Glasfaserausbau sein, um die Grundlage für moderne Kommunikationstechnologien zu schaffen. Die hohe Bedeutung der Lichtleitkabel als Übertragungsmedium ist auch daran zu erkennen, dass neue Förderprojekte nur noch für diese Technologie ausgebaut und umgesetzt werden.

Ist – vor allem den politischen Akteuren – hinreichend bewusst, wie sehr die „Digitalisierung“ per se mit dem Ausbau des Glasfasernetzes verbunden ist?
Müller: Ganz klar, gerade beim Breitbandausbau Deutschland hat weiterhin hohen Nachholbedarf, weil das sehr gute und zuverlässige Datennetz auf Grundlage von Kupfer mittlerweile seine Kapazitätsgrenzen erreicht hat. Die für heutige und zukünftige Anwendungen notwendigen Bandbreiten lassen sich darüber hinaus nicht mehr erzielen. Glasfaser- haben im Gegensatz zu Kupferkabeln eine deutlich höhere Datenübertragungskapazität und wer über den 5G-Ausbau spricht, spricht automatisch über Glasfaserausbau, denn jede Funkzelle benötigt eine Glasfaseranbindung, um die hohe Bandbreite und niedrige Latenz des Netzes sicherzustellen. Die Digitalisierung von Gesellschaft, Wirtschaft und Industrie 4.0 wird somit ohne ein passendes Rückgrat, sprich: das Breitbandnetz auf Glasfaserbasis, nicht stattfinden. Deshalb haben wir als Sumec den Bedarf schon letztes Jahr erkannt und entwickeln individuelles Glasfaserkabel. Für viele Unternehmen in Deutschland und Europa sind wir ein zusätzlicher Player, der die Kapazitäten schließt. So haben wir ein hohes Gut realisiert, um diesem Markt gerecht zu werden. Wir können aktuell 40 Mio. Kilometer Kabel pro Jahr allein für den deutschen Markt produzieren und sind somit ein wichtiger Akteur, um das Thema in Deutschland nach vorne zu bringen.

Bildquelle: Mike Henning

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