Prof. Dr. Wolfgang Prinz, stellvertretender Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT und Leiter des Blockchain-Reallabors NRW
ITD: Herr Prof. Dr. Prinz, das Blockchain-Reallabor – Teil der Digitalstrategie des Landes NRW – legt besonderes Augenmerk auf das Rheinische Revier. Was ist an dieser Region so besonders und wie kann das Projekt speziell dort ansässige Unternehmen unterstützen?
Wolfgang Prinz: Das Rheinische Revier steht durch den Abschied von der Braunkohleförderung und der damit verbundenen kohlebasierten Energieerzeugung vor einem massiven Strukturwandel. Entsprechend haben die Landesregierung und die Zukunftsagentur Rheinisches Revier ein Wirtschafts- und Strukturprogramm für das Rheinische Revier entwickelt, in dem der „Aufbau eines Hubs für Digitale Geschäftsmodelle mit dem Starterbaustein Blockchain Reallabor“ vorgeschlagen wird. Das Revier und die umliegenden Städte sind die Heimat zahlreicher Unternehmen aus den Branchen Produktion, Energie, Logistik, Handel, Chemie sowie Banken und Versicherungen. Für diese Unternehmen spielt die Digitalisierung und der verbundene Aufbau eines Ökosystem digitaler Dienste zur Automatisierung von Prozessen nicht nur auf der Ebene von Geschäftsprozessen, sondern auch auf Mikro-Ebene zwischen Maschinen, Werkstücken, d.h. im Internet der Dinge in den nächsten Jahren eine große Rolle. Die Blockchain-Technologie kann dazu in Kombination mit anderen Technologien wie der künstlichen Intelligenz oder Initiativen wie GAIA-X wichtige Impulse und Lösungen für den Aufbau datengetriebener Geschäftsmodelle liefern. Die geplante Koordinierungsstelle für das Reallabor hat die Aufgabe den Wissens- und Technologietransfer zum Thema Blockchain und Digitalisierung zu unterstützen und wissenschaftlich zu begleiten. Die dazu geplanten Maßnahmen sind der Aufbau eines Demonstrationszentrums, der Aufbau eines Unternehmensnetzwerks und daraus entstehend die Initiierung und wissenschaftliche Begleitung von Praxisprojekten.
ITD:Welche Ziele hoffen Sie, mit dem Projekt in den nächsten fünf Jahren zu erreichen?
Prinz: Projektziel ist das Rheinische Revier durch die praktische Anwendung der Blockchain-Technologie zu einer Modellregion und zu einem Anziehungspunkt für disruptive Lösungen im Bereich der Digitalisierung zu positionieren. Mit der Verbreiterung der praktischen Nutzung dieser Technologie sollen die Transformationsprozesse existierender Unternehmen unterstützt, die Entwicklung neuer digitaler Dienste ermöglicht und die Attraktivität der Region für neue Unternehmen als Innovationsstandort erhöht werden. Dazu wurden bereits zahlreiche Blockchain-Anwendungen identifiziert, die in den nächsten Jahren in Form von Praxisprojekten umgesetzt werden sollen (https://blockchain-reallabor.de/). Nach Umsetzung dieser Projekte werden wir im Revier in fünf Jahren auf Blockchainbasis u.a. selbstverwaltete digitale Identitäten, fälschungssichere Ausweise, Zertifikate und Herkunftsnachweise sowie sichere Datenmarktplätze und darauf aufbauend neue Möglichkeiten für den lokalen Energiehandel, neue Pay-per-use und selbstauditierende Produktionsprozesse haben.
ITD: Außerhalb des Finanzsektors fehlt es oft noch an einer konkreten Vorstellung, wo und wie die Blockchain schon heute in der Praxis eingesetzt werden könnte. Wie kann das Reallabor hier Perspektiven eröffnen?
Prinz: Neben Informationsveranstaltungen und einem lösungsfokussierten Technologietransfer bei konkreten Praxisproblemen ist der Aufbau eines Demonstrationszentrum zum Wissens- und Technologietransfer mit Exponaten bei der Koordinierungsstelle aber auch praktischen Umsetzungen im Rheinischen Revier geplant. Damit wird Unternehmen der Nutzen demonstriert und die Adoption der Technologie beschleunigt. Dieses Demonstrationszentrum wird in der Koordinierungsstelle in Hürth aufgebaut. Zusätzlich werden Demonstratoren im Rheinischen Revier umgesetzt, um vor Ort die Anwendung und Verbreiterung der Blockchain-Technologie zu unterstützen.
ITD: Generell wird nach wie vor wird oft behauptet, die Blockchain sei eine Lösung „auf der Suche nach einem Problem“ – wie stehen Sie dieser Aussage gegenüber?
Prinz: Ich denke, wir stellen viel zu oft die Frage, „Warum soll ich das Problem oder meine Anwendung mit der Blockchain-Technologie lösen?“, als die Frage „Warum nicht?“. In den letzten Jahren ist die Technologie und die zur Verfügung stehenden Werkezeuge, Infrastrukturen und Anwendungskonzepte so weit gereift, dass die Nutzung der Blockchain ähnlich unkompliziert wird, wie die Nutzung einer Datenbank. In allen Fällen, in denen die Eigenschaften wie Nachverfolgbarkeit, Irreversibilität, Dezentralisierung und Automatisierung gefordert werden sollte man eine Blockchain-Lösung berücksichtigen.
ITD: Welche Hürden verhindern derzeit noch einen flächendeckenden Einsatz von Blockchain-Technologien und wie können diese überwunden werden?
Prinz: Meines Erachtens bestehen die Hürden weniger in rechtlichen Fragestellungen, wenn wir einmal von dem Problem personenbezogener Daten auf der Blockchain absehen, für das es aber auch gute Lösungen gibt. Vielmehr besteht die Hürde darin, dass eine Blockchainlösung das Denken in Netzwerken und das vertrauensbasierte Teilen von Daten erfordert. Viele Unternehmen stecken im Kontext der Digitalisierung noch in der Phase die eigenen internen Prozesse zu digitalisieren. In der zweiten Phase erfolgt eine kollaborative Digitalisierung, in der Kooperationsprozesse mittels digitaler Transaktionen sowie der kooperativen Nutzung von Daten aus Produktions- oder Supply-Chain Prozessen. In dieser Phase entstehen neue datengetriebene Geschäftsmodelle, da Daten für neue Dienstleistungen (Wartung, Optimierung, Pay per Use, etc.) genutzt und die Geschäftsmodelle erst durch die Kooperation unterschiedlicher Unternehmen realisierbar sind . Diese Kooperation beruht sowohl auf vertrauensvollen Transaktionen zwischen den Kooperationspartnern als auch auf einer sicheren und nachvollziehbaren Verwaltung der Transaktionsdaten. Dieses Transaktions- und Datenmanagement erfolgt meist durch cloudbasierte Plattformen, wodurch der Plattformbetreiber zum Intermediär der Kooperations- und Transaktionsnetzwerke wird. Für viele Unternehmen ist sowohl die Abhängigkeit, als auch die Überlassung der Transaktionsdaten an die Plattformbetreiber aus Gründen der erforderlichen Datensouveränität nicht annehmbar. Dies führt häufig zur Zurückhaltung bei der Umsetzung von Digitalisierungsmaßnahmen, die die Zusammenarbeit in Netzwerken erfordern. An dieser Stelle ist die Blockchain-Technologie eine wichtige Lösungskomponente, da sie die Organisation sicherer und nachvollziehbarer Transaktionen ohne zentralen Intermediär und Plattformbetreiber ermöglicht. Damit bleibt die Wertschöpfung bei den beteiligten Unternehmen bei gleichzeitiger Wahrung der Datensouveränität.
ITD: Erste Stimmen fordern bereits den „digitalen Euro“ – Denken Sie, dass speziell die gesellschaftliche Akzeptanz von Kryptowährungen steigen wird?
Prinz: Wir müssen hier zwischen den klassischen Kryptowährungen wie Bitcoin, die starken Spekulationen unterliegen und einem kontrollierten und geregeltem digitalen Euro unterscheiden. Ziel des digitalen Euros ist es, neben den Datentransaktion auch eurobasierte Finanztransaktionen zu ermöglichen, wodurch nicht nur pay-per-use Geschäftsmodelle sehr gut mittels Smart Contracts auf Blockchainbasis umgesetzt werden können. Besonders interessant ist über den digitalen Euro hinaus der programmierbare Euro. Dahinter steckt das Konzept einen Geldbetrag mit einem Zweck oder eine Anleitung zu versehen, die vorschreibt, wie der Geldbetrag verwendet werden kann. Sie könnten so beispielsweise ihrem Kind Taschengeld zur Verfügung stellen, welches es nicht für die digitale Bezahlung von Alkohol verwenden kann. Im Unternehmenskontext erfordert die nachträgliche Prüfung von Transaktionen auf ihre Konformität mit bestimmten Regeln sehr viel Aufwand. Ein programmierbarer Euro schafft hier vollkommen neue Möglichkeiten solche nachträglichen Prüfungen in proaktive Nutzungsfestlegungen zu übersetzen, um Zeit und Ressourcen zu sparen und damit schneller und flexibler zu werden.
ITD: In welchen Bereichen erwarten Sie in Bezug auf Blockchain-Anwendungen in den kommenden Jahren die größten Fortschritte?
Prinz: Wir erleben gerade intensive Entwicklungen rund um das Thema selbstbestimmte digitale Identitaten (SSI) und fälschungssichere und nachvollziehbare Zertifikate. Diese werden kurzfristig ein großes Potenzial haben. Gleiches gilt für den vertrauensvollen Austausch von Daten im Kontext von Datenmarktplätzen. Einen weiteren großen Schub werden wir erleben, wenn der digitale oder programmierbare Euro realisiert wird.
Bildquelle: Fraunhofer FIT