„Eine Maschine sieht nicht die Person hinter einem Datensatz“, sagt Marc Irmisch-Petit.
Die Vorbehalte gegen KI sind groß – vor allem im Recruiting. Überwiegen die positiven oder die negativen Aspekte? Und kann KI sogar dabei helfen, sich auf das Zwischenmenschliche zu fokussieren? Fangen wir mit den vermeintlichen Nachteilen von KI-Technologien im Recruiting an. Klar, eine Maschine im Personalwesen – das widerspricht sich im ersten Moment. Wie soll Technologie da weiterhelfen, wo das Menschliche entscheidet? Natürlich müssen der fachliche Background und die Expertise der Bewerber überzeugen. Doch nicht umsonst gibt es persönliche Gespräche mit Personalern und den entsprechenden Fachabteilungen. Technologien können kein Team-Match berechnen, Algorithmen es nicht fühlen.
Und da kommen wir auch schon zum nächsten Punkt: Technik macht Fehler. An sich nicht schlimm, denn auch Menschen machen bekanntlich Fehler. Doch macht Technik Fehler, die die meisten Nutzer nicht verstehen oder nicht erkennen können. Ein Bug und der passende Kandidat fällt durchs Raster.
Eine Maschine sieht nicht die Person hinter einem Datensatz. Zum Beispiel: Ein Chemiestudent bewirbt sich als Texter bei einer Werbeagentur. Die KI sortiert ihn aus, da seine Erfahrungen keine entsprechende Qualifikation aufweisen. Doch würde das Anschreiben jeden Personaler überzeugen, der Bewerber eingeladen werden. Viele KI-Technologien tun sich schwer, solche Feinheiten zu erkennen. Heißt aber auch für Unternehmen: Fachliche Skills sind das eine, von Anfang an sollten aber auch Soft Skills und Persönlichkeitsmerkmale in die Entscheidung miteinfließen. Die Person muss mit der Unternehmenskultur matchen.
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Ein Nachteil ist gleichzeitig auch ein Vorteil: die Objektivität einer KI. Was im ersten Moment zu unmenschlich, zu technisch wirkt, kann auch zu mehr Diversität führen. Kein Mensch ist frei von Vorurteilen oder persönlichen Vorlieben. Die Entscheidung für oder gegen etwas fällt man oft unterbewusst, aus dem Bauch heraus. Vor allem, wenn man lediglich einen Lebenslauf und ein Anschreiben vor sich hat. Diese subjektive Entscheidung kann durch Technologie objektiviert und der Bewerbungsprozess dadurch fairer gestaltet werden. Dafür gilt aber auch: Weg mit den Fotos und Namen der Bewerber! Die sollten schon längst aus den Lebensläufen verschwunden sein.
Kommt es zum Gespräch mit den Bewerbern, sind in der Regel schon viele Arbeitsstunden der Personalabteilung vergangen. Umso stressiger gestaltet sich der weitere Recruiting-Prozess. Eine KI kann da helfen und mehr Zeit für das persönliche Kennenlernen schaffen. Denn Zeit ist immer ein wichtiger Faktor und ein großes Problem in Unternehmen. Und das wirkt sich natürlich auf ihre Arbeit und ihre Entscheidungen aus. Mag Technologie den Recruiting-Prozess im ersten Moment objektivieren: ein Team-Match muss passen – dafür braucht man ein komplettes Abteilungsprofil, mit der die KI arbeiten kann. Und dann natürlich ein persönliches Gespräch. Mithilfe von KI bleibt mehr Zeit für den Menschen hinter dem Lebenslauf.
Das wünschen sich auch die High Potentials von morgen: schneller den ersten Kontakt knüpfen und dann Zeit für das richtige Kennenlernen haben. Das Tinder-Prinzip – erfolgreich und unkompliziert. Die jüngere Generation ist bereits gewohnt, was viele Personaler und Führungskräfte noch komisch finden. Umso wichtiger ist es, einen Schritt auf Generation Y und Z zuzugehen, sie dort abzuholen, wo sie sich die meiste Zeit aufhalten: online und vor allem mobil. KI im Recruiting zeigt ihnen: Das Unternehmen entwickelt sich weiter, geht mit der Zeit und setzt die richtigen Prioritäten. Das überzeugt. Und es nützt häufig deutlich mehr als eine unpersönliche Employer-Branding-Kampagne.
Bildquelle: Talentbay