Günther Reichling, PBS Software GmbH
IT-DIRECTOR: Herr Reichling, wie können SAP-Anwender ihre Daten intelligent auswerten, ohne auf teure Hardware-Erweiterungen für In-Memory-Computing-Lösungen wie Hana zu setzen?
G. Reichling: Wir empfehlen bei großen Datenvolumina eine regelmäßige Archivierung und Auslagerung der Daten in spaltenorientierte Nearline-Datenbanken – und zwar sowohl für SAP BW als auch für ERP-Systeme. Mit unserer Software können die Anwender nach der Archivierung nahtlos auch auf die archivierten Daten zugreifen. Die von uns eingesetzten Datenbanken sind schnell und verfügen über zahlreiche Analysefunktionen. Zudem laufen sie auf Standardhardware und nicht auf teuren SSD-Platten. In-Memory-Software hingegen nutzt eine dedizierte Rechnerplattform. Bislang schrecken allerdings insbesondere die hohen Hardwarekosten viele SAP-Anwenderunternehmen davon ab, auf In-Memory-Lösungen zu wechseln.
IT-DIRECTOR: Nearline Storage oder In-Memory Computing – welche Spielart sollte man für welche Zwecke nutzen?
G. Reichling: Der Zugriff auf RAM-Speicher ist mit In-Memory Computing bis zu eine Million Mal schneller als bei herkömmlichen Festplatten und selbst beim Datendurchsatz liegt der Faktor noch bei etwa 100. Das volle Potential entfaltet sich dort, wo Echtzeitanalysen sehr großer Datenmengen wettbewerbsentscheidend sind wie beispielsweise in der Logistik.
In Deutschland konzentrieren sich die meisten SAP-Anwenderunternehmen auf die Optimierung bestehender Systemlandschaften. Ganz oben auf der Wunschliste stehen vor allem die Senkung von Kosten und Systemkomplexität. Ein weiteres wichtiges Thema ist heutzutage die Datensicherheit. Das sind Aspekte, die man bislang weniger mit In-Memory Computing in Zusammenhang bringt. Wir hingegen adressieren die Reduktion von Komplexität und Kosten sowie die Einhaltung von Compliance-Vorgaben. Dies erreicht man, indem man möglichst viele Daten stark komprimiert auslagert und die Primärdatenbank klein hält.
Generell gilt: In-Memory Computing und Nearline Storage schließen sich nicht gegenseitig aus. Auch SAP bietet inzwischen eine eigene Nearline-Lösung für SAP BW an. Vormals gab es lediglich eine entsprechende Schnittstelle, die eine Handvoll Anbieter, darunter auch wir, bedient haben. Unsere Lösungen sind allerdings weiter verbreitet. Schließlich gelten wir als der Pionier bei der Einführung der damaligen Sybase IQ als Nearline-Datenbank in SAP-Anwendungen. Inzwischen bieten wir u.a. ein spezielles Add-on für den SAP-Nearline-Standard an, der die SAP-Lösung um zahlreiche Funktionen – wie etwa Snapshots für schnellere Auswertungen oder ein komfortables Monitoring direkt aus dem SAP-System heraus – ergänzt. Zu wenig Beachtung erfährt unserer Ansicht nach bislang der Nutzen von Nearline-Storage im ERP-Umfeld, z.B. mit unserer ausgelegten Nearline Analytic Infrastructure (NAI). In vielen Fällen sind schnelle Auswertungen sowohl von SAP- als auch von Fremddaten direkt im ERP-System sinnvoll.
IT-DIRECTOR: Wie schaffen es Nearline-Storage-Lösungen, aktuelle und historische Daten aus SAP-Systemen mit verschieden externen Datenquellen zu verknüpfen, um daraus sinnvolle Datenanalysen generieren zu können?
G. Reichling: Hier greift unsere Branchenlösung CPOS für den Einzelhandel: Die Händler sind einerseits verpflichtet, ihre Point-of-Sale-Daten (PoS) im Original aufzubewahren und bei Prüfungen vorzuweisen. Andererseits müssen PoS-Daten auswertbar sein, da sie interessante Verkaufsinformationen enthalten. Unsere Lösung komprimiert die Kassendaten stark und beschleunigt gleichzeitig auch deren Analyse enorm. Die Kassendaten werden im Fixed Content Storage revisionssicher abgelegt. Der Anteil, der analysiert werden soll, wandert in die Nearline-Datenbank. Eine Speicherung im SAP-System ist nicht notwendig. Zudem wird die Verknüpfung der Analysedaten im Nearline-Speicher mit den Originaldaten im Storage-Speicher gewährleistet. Im SAP-System selbst greifen die User query-basiert auf die Daten zu, wobei eine Programmierschnittstelle für eine individuelle Verknüpfung mit den SAP-Standardprozessen sorgt. So kann beispielsweise ein Prüfer vom Tagesbeleg eines Einkaufsmarkts auf einzelne Kassenbelege verzweigen. Neu entwickelt wurde auch eine Nettoumsatzliste, mit der der Umsatz jedes einzelnen Kunden ausgewiesen werden kann.
IT-DIRECTOR: Um wie viel schneller können die Endanwender mit einem Turbo wie „Nearline Storage“ auf die Daten zugreifen und die notwendigen Analysen fahren?
G. Reichling: Dies hängt sicherlich von der Art der Daten ab. In vielen Fällen sind die Abfragen um 90 Prozent schneller; realistisch sind im Durchschnitt ca. 40 Prozent.
IT-DIRECTOR: Auf welchen Datenbanksystemen setzen Ihre Lösungen auf?
G. Reichling: Unsere Nearline-Lösungen setzen bislang auf SAP IQ, Vector von Actian und seit kurzem auch auf der DB2 mit Blu Acceleration von IBM auf. Langfristig planen wir, sukzessive noch weitere gängige Analytics Server einzubinden.
IT-DIRECTOR: Wie realisieren Sie die Verknüpfung zwischen SAP-System bzw. der Datenbank mit vorhandenen Drittsystemen beispielsweise einer Archiv- oder Dokumentenmanagementlösung?
G. Reichling: Der PBS Contentlink verbindet hochskalierbar SAP- mit den Storage-Systemen führender Anbieter. Obwohl es sich um ein schlankes Interface handelt, verfügt es doch über zahlreiche Dokumenten-Management-Funktionen, die man direkt im SAP-System bedienen kann. Zukünftig wird man archivierte SAP-Daten damit auch in der Cloud ablegen können. Auf unserem diesjährigen Informationstag am 17. Juni in Mannheim werden wir diese Lösung erstmals vorstellen.
IT-DIRECTOR: Worin liegen die größten Unterschiede bei der Datenanalyse auf Basis von Actian- oder IBM-Datenbanken?
G. Reichling: Generell sind die Leistungen der von uns eingesetzten Analytics Server, was die Schnelligkeit der Analyse oder den Kompressionsgrad der Daten angeht, recht ähnlich. Unterschiede gibt es hinsichtlich des Verbreitungsgrads und damit hinsichtlich des vorhandenen Know-hows bei Inbetriebnahme und Administration. Da der Verbreitungsgrad von DB2 sehr hoch ist, ist in der SAP-Welt das entsprechende Administrations-Know-how entsprechend verbreitet. Überdies kommen im In-Memory-Funktionspaket „Blu Acceleration“ ähnliche Techniken wie bei SAP Hana zum Einsatz. Allerdings integriert IBM diese in die eigene Technik und erlaubt die Koexistenz herkömmlicher und Memory-optimierter Tabellen innerhalb derselben Datenbank. Darüber hinaus werden durch Komprimierung sowohl im RAM als auch auf Festplatte bis zu 90 Prozent Speicherplatz eingespart.
Vector von Actian wird dagegen erfolgreich im Bankensektor eingesetzt. Leider ist der Server in der SAP-Welt unbekannt und läuft nicht auf einer dort verbreiteten Unix-Plattform. Damit entgeht vielen SAP-Anwendern die Chance auf eine Nearline-Datenbank zu einem guten Preis-Leistungsverhältnis. Eine ähnliche Situation hatten wir vor einigen Jahren, als wir die damals unbekannte Sybase IQ als Nearline-Datenbank eingeführt haben. Es hat lange gedauert, bis wir den ersten Pilotkunden überzeugen konnten. Der Erfolg hat sich schnell herumgesprochen, wie man heute noch an SAPs Integration in die eigene Nearline-Lösung sehen kann. SAP IQ ist allerdings sehr flexibel bezüglich der Plattformkompatibilität.
IT-DIRECTOR: Kürzlich präsentierte SAP mit S/4 seine ERP-Suite der nächsten Generation. Der Nachfolger der Business Suite soll dabei u.a. vollständig auf der In-Memory-Plattform Hana basieren. Was bedeutet diese Entwicklung für Ihre Produktstrategie?
G. Reichling: Wir werden dafür sorgen, dass unsere „PBS archive add ons“ unter S/4 genutzt werden können. Allerdings halte ist dies noch Zukunftsmusik. Ich denke, dass dieser Prozess langsam vonstatten gehen wird – ähnlich wie damals der Wechsel von R/2 auf R/3. Einige unserer Kunden sind bereits auf SAP ERP on Hana 7.0 gewechselt, was problemlos läuft. Hier haben wir auch eine entsprechende SAP-Zertifizierung erhalten.
IT-DIRECTOR: Können Sie uns ein Anwendungsbeispiel skizzieren?
G. Reichling: Unsere Kernprodukte, die bereits erwähnten „archive add ons“, kommen stets nach der Datenarchivierung zum Einsatz. Dabei können die Anwender einfach auf die archivierten Daten zugreifen. Ansonsten müssten sich die Fachabteilungen in vielen Fällen an die IT-Abteilung wenden.
Ein neues Anwendungsszenario unserer Nearline-Analytic-Infrastructure-Lösung (NAI) zeigt auf unserem Informationstag das Heidelberger Start-up Trufa. Auf intuitiv bedienbaren Tablet-Oberflächen und mit SAP Hana als Datenbank lassen sich mit deren Anwendung freier Cash und neue Geschäftsopportunitäten in den eigenen Geschäftsprozessen aufspüren. Dafür werden die SAP-ERP-Daten repliziert. Ein interessantes Anwendungsszenario für anspruchsvolle Echtzeitfinanzanalysen auf Basis aktueller und dank NAI auch historischer SAP-Geschäftsdaten.