Ralf Bachthaler: „Ziel ist es, dass ERP-Systeme die Gesamtsituation mit den relevanten Daten analysieren, um so den Automatisierungsgedanken weiter zu fördern.“
„Unsere Idee ist, von der EMobilität und dem Autonomen Fahren zu lernen, d.h. wir arbeiten daran, ERP-Systeme ein Stück weit zu automatisieren“, erklärt Ralf Bachthaler.
„Das Image von ERP als ‚trockene Materie‘ rührt auch daher, dass es viele Anbieter in den letzten Jahren versäumt haben, auf Aspekte wie z.B. Usabilty einzugehen“, ist Ralf Bachthaler sicher.
Ralf Bachthaler, CSO und Mitglied des Vorstands bei Asseco Solutions
„Die Nutzer von heute wollen nicht länger dicke Handbücher wälzen oder tagelang geschult werden, bevor sie sich in einer Anwendung zurechtfinden“, berichtet Bachthaler aus der Praxis.
ITD: Herr Bachthaler, seit drei Jahren sind Sie nun als CSO im Vorstand von Asseco Solutions. Mit welchen unternehmerischen Zielen haben Sie diesen Posten angetreten?
Ralf Bachthaler: Eines meiner Hauptziele war natürlich, das organische Wachstum des Unternehmens weiter voranzutreiben und dabei auch Anwender anzusprechen, bei denen zum Teil bis zu tausend Nutzer unterstützt werden müssen. Früher umfassten APplus-Implementationen in der Regel um die 80 User. Mittlerweile stehen Projekte aller Größenordnungen mit bis zu 300 Anwendern im Zentrum, das ist unser Sweetspot. Generell fahren wir heute einen guten Mix aus Bestands- und Neukunden, wobei für mich von Anfang an gerade auch die weiterhin umfassende Betreuung des bestehenden Kundenstamms ein zentrales Anliegen war. Wir bei der Asseco Solutions halten nichts davon, eine Vielzahl neuer Projekte zu gewinnen, für deren effektive Betreuung dann keine Kapazitäten bestehen. Vielmehr sind unsere Kundenbeziehungen stets auf Langfristigkeit ausgelegt.
Bei meinem Antritt habe ich mir auch die weitere Internationalisierung der Asseco Solutions auf die Fahne geschrieben. Hier galt es zunächst, in das Thema „Stabilisierung“ zu investieren – also zu eruieren, wie wir aktuell auf dem internationalen Markt aufgestellt sind, und zu bestimmen, mit welchen Maßnahmen dort ein nachhaltiges weiteres Wachstum möglich ist. Für uns ist die Reproduzierbarkeit des Geschäftsmodells dabei ein wichtiger Faktor. Denn natürlich möchten wir in neuen Projekten von den Erfahrungen profitieren, die wir bei unseren bisherigen Auslandsaktivitäten gemacht haben. So arbeitete z.B. die Niederlassung in Österreich, die in den vergangenen drei Jahren ihren Umsatz verdoppeln konnte, schon bei meinem Antritt sehr erfolgreich. Hingegen waren in der Schweiz einige organisatorische Änderungen notwendig. Diese sind mittlerweile erfolgt, so dass wir uns auch dort über eine hohe Kundenzufriedenheit freuen und überaus profitabel arbeiten können.
ITD: Internationalisierungsprojekte sind ja oft komplex. Gab es dabei zwischendurch auch Stolpersteine?
Bachthaler: Zweifellos. Die italienische Niederlassung etwa war vor drei Jahren noch unser „Sorgenkind“, auch vor dem Hintergrund, dass sie damals noch sehr neu war. Inzwischen haben wir dort die Firmenstruktur verändert und den Sitz von Mailand nach Bozen verlegt. Heute agieren wir in Italien zweisprachig, haben uns in Südtirol als leistungsfähiger Player etabliert und den Umsatz mehr als verdreifachen können. Obwohl wir bei diesem Projekt also Lehrgeld gezahlt haben, leistet die Niederlassung inzwischen positiven Deckungsbeitrag und gewinnt regelmäßig spannende Kunden hinzu. Einige der damaligen Themen würden wir heute anders angehen – und können dies auch, da wir die gesammelten Erfahrungen für künftige Projekte nutzen können.
ITD: Asseco unterhält auch eine Niederlassung in Guatemala...
Bachthaler: Das stimmt – recht ungewöhnlich für einen ERP-Anbieter, der sich ansonsten mit Schwerpunkt im DACH-Raum bewegt. Einige unserer erfahrenen Mitarbeiter sind vor ein paar Jahren nach Guatemala ausgewandert, weil sie dort durchaus einen Markt für unsere ERP-Lösung gesehen haben. Damals war dieser für uns ob der überschaubaren Größe kein vorrangiges Ziel gewesen. Heute ist er für uns vor allem dadurch relevant, dass wir ihn zum Entwicklungsstandort gemacht haben. Natürlich denkt man bei Offshore-Ambitionen zunächst an den asiatischen Raum – Indien, Bangladesch, etc. Es stimmt, Guatemala ist etwas teurer; gute Entwickler zu finden kostet hier mehr. Wir haben uns aber entscheiden, eben nicht rein margenorientiert zu denken und stattdessen auf die Qualität zu setzen, die wir durch das große APplus-Know-how, welches wir dort bereits haben, auch sicherstellen können.
ITD: Interessant – zumal ja auch ihre mittelständischen Anwender in den letzten Jahren zahlreiche Internationalisierungsprojekte aufgesetzt haben.
Bachthaler: Absolut. Je „gehobener“ der Mittelstand, desto mehr bewegen sich die Unternehmen schon in Richtung Konzernstrukturen. Hier müssen wir natürlich Antworten auf solche Themen bieten. Dennoch gehen wir in puncto Internationalisierung – anders als vielleicht andere Anbieter – nicht jeden Weg in jede Region mit. Einen Standort zu unterhalten bedeutet für uns nicht, einfach ein Büro zu eröffnen, in dem Menschen über APplus sprechen. Es muss vielmehr vor Ort ein tiefes Know-how für die Software vorhanden sein. Wir haben gemerkt, dass es manchmal mehr Sinn ergibt, ein Implementierungsteam aus Deutschland zum Roll-out zu schicken, ohne gleich eine Niederlassung im jeweiligen Land zu eröffnen. Wir müssen nicht überall dort vertreten sein, wo unsere Kunden hingehen; viel wichtiger ist es, diejenigen Kunden, die mit unserer Lösung ins Ausland gehen – gleich ob z.B. China oder die USA – dort hochwertig versorgen zu können.
ITD: Bewegen sich Anwender auf internationalem Parkett, ist es auch für das ERP-Systeme eine große Herausforderung – man denke nur an die unterschiedlichen Rechtssysteme...
Bachthaler: Natürlich, das ist ein Riesenschritt. Nicht nur für die ERP-Lösung, sondern insbesondere für die Finance-Systeme, die die Legislative im jeweiligen Land bedienen müssen. Bei Asseco haben wir den Vorteil, dass unsere Software durchaus international einsetzbar ist und die gesetzlichen Anforderungen einer Vielzahl von Ländern abbildet – bei weitem nicht nur von denen, in denen wir mit Niederlassungen vertreten sind. Dennoch gehen wir mit Augenmaß vor und fragen uns „Wo wollen wir hin?“ und „Wo müssen wir hin?“. Immer vor Augen halten wir uns dabei das bereits angesprochene „Italien-Template“, das wir aufgebaut und reproduzierbar gemacht haben. Zudem profitieren wir von unserem Mutterkonzern, der Asseco Group, die ohnehin international sehr gut mit Mitarbeitern in vielen Ländern aufgestellt ist. Wir sehen aber auch bei anderen ERP-Anbietern, dass sie in den letzten Jahren von dem Trend abgekommen sind, jedes Jahr in verschiedenen Ländern neue Standorte zu eröffnen.
ITD: Asseco ist auf Wachstumskurs. Was bedeutet das für ihre Kunden?
Bachthaler: Nun, grade in der heutigen Zeit sind Kunden mehr denn je auf der Suche nach leistungsstarken, zukunftsorientierten Lösungen. Diesem Bedarf können wir mit APplus umfassend gerecht werden. Entsprechend steigen unsere Neukundengewinne – zu unserer großen Freude – seit Jahren kontinuierlich an. Das unterscheidet uns auch von etlichen unserer Mitbewerber, die nicht selten von ihrem Bestand leben, teils nicht länger attraktive Angebote erstellen und in einigen Fällen auch versuchen, ihre Margen zu erhöhen, indem sie die Entwicklungsaufwände verringern oder in Billiglohnländer abwandern. Unser klares Ziel ist es, mittelständische Kunden zu erreichen; mit zwischen 60 und 80 Neukunden jährlich seit 2015 gelingt uns dies auch sehr gut. Was wir dabei aber unbedingt sicherstellen möchten, ist, dass sich unsere Beratungsteams nicht ausschließlich um die Projekte der neuen Anwender kümmern, sondern auch den bestehenden Kunden einen bestmöglichen Service zur Verfügung stellen. Und das eben nicht nur via Hotline. Das sind die Maßstäbe, an denen die Kunden uns messen. Um diesen gerecht zu werden, haben wir entsprechende organisatorische Maßnahmen umgesetzt, die vom Account Management bis hin zu dedizierten Consulting-Teams, die sich rein um unsere Bestandskunden kümmern, reichen. Diese Professionalisierung des Bestandskundenmanagements sorgt für mehr Effizienz und zufriedene Kunden. Und der Erfolg unserer Kunden ist unser Erfolg. Mit APplus Premium etwa haben wir ein Angebot entwickelt, das den Kunden immer auf dem neuesten Stand hält. Es beinhaltet das regelmäßige Updaten und ist quasi wie ein Versicherungspaket zu sehen. Somit sind die Kunden kalkulierbar immer auf dem neuesten Stand und können sofort von neuen Innovationen profitieren.
ITD: Sie sind seit 25 Jahren im ERP-Umfeld unterwegs – werden Sie des Themas nicht müde?
Bachthaler: Vor meinem Wechsel zu Asseco Solutions habe ich mir natürlich schon die Frage gestellt, ob es „wieder ERP“ sein soll. Obwohl ich in den letzten Jahren auch oft mit Großkunden und internationalen Konzernen zu tun hatte, war für mich klar, dass ich mit Unternehmen arbeiten will, die sich im fertigenden Mittelstand bewegen. Das ist einfach meine Welt: Mein Herz schlägt für den Mittelstand. ERP-Systeme sind das Rückgrat und die zentrale Datendrehscheibe dieser Unternehmen – daran führt kein Weg vorbei. Nicht selten wird ERP jedoch noch immer als „trockene Materie“ verstanden. Dieses „altbackene“ Image rührt auch daher, dass viele Anbieter in den letzten Jahren versäumt haben, auf Aspekte wie z.B. Usability einzugehen. Im Prinzip hat dies das Bild einer „Schreibmaschine mit großen Datenspeicher im Hintergrund“ befeuert. Wir sind dabei, das zu ändern, indem wir stets an der UX feilen und spannende neue Themen wie KI-Unterstützung oder Mobility einbinden. Es geht darum, nicht nur einzelne Funktionen zu optimieren, sondern gesamte Prozesse. Anwender wünschen sich zudem, mit dem ERP-System einen höheren Durchsatz trotz kleinerer Mannschaften zu erreichen, was angesichts des Fachkräftemangels ein wichtiger Aspekt ist; Automatisierung ist hier das Stichwort. Veränderungen, die wir seit einigen Jahren in der Industrie beobachtet haben, halten also auch langsam Einzug ins Backoffice.
ITD: Hat dieser Fachkräftemangel dazu beigetragen, im ERP-Umfeld mehr Awareness für Themen wie Nutzerfreundlichkeit zu schaffen?
Bachthaler: Auf jeden Fall. User Experience ist natürlich ein Thema, das auch mit der Veränderung des Arbeitsmarkts an Bedeutung gewinnt. Jobeinsteiger wachsen mit neuen Medien auf und sind daher eine andere Art der Usability gewohnt, als wir sie aus dem ERP-Umfeld kennen. Das führt dazu, dass wir die Art und Weise, wie wir Informationen für die Anwender darstellen, überdenken müssen. Bei Asseco Solutions haben wir schon sehr früh in eine eigene UX-Abteilung investiert. Sie befasst sich ausschließlich mit dieser Thematik und integriert sogar Erkenntnisse aus der Wissenschaft in ihre Arbeit. Ein Projekt z.B., das wir zusammen mit dem KIT in Karlsruhe aufgesetzt haben, analysiert das Nutzerverhalten, in dem Faktoren wie Blickrichtung oder Scroll-Geschwindigkeit gemessen werden. Social Media ist aber auch insofern in Zukunft interessant, als dass Mechanismen wie Recommendation-Systeme von Plattformen wie Facebook oder Netflix lernen. Schon heute schlägt unsere Lösung Anwendern über KI selbstlernend und basierend auf dem individuellen Nutzerverhalten Interface-Elemente wie Dashboards oder Ansichten vor. So können wir den Usern intelligente Vorschläge machen, anstatt nur die reinen Ergebnisse darzustellen – die ERP-Welt wird also ein Stück weit autonomer.
ITD: Wie sind Sie im Unternehmen mit der Corona-Pandemie und dem Lockdown umgegangen?
Bachthaler: Wie für alle war der Lockdown natürlich auch für uns und unsere Kunden ein enormer Einschnitt. Beim Managen der Krise hat uns bei Asseco aber auch ein glückliches Timing etwas in die Hände gespielt. Denn schon bei der Verlagerung unseres Headquarters 2019 hatten wir eingeplant, in Zukunft deutlich mehr auf moderne Kommunikationsmedien zu setzen. Obwohl ich es persönlich aus meiner früheren Tätigkeit in einem paneuropäischen Team gewohnt war, Termine durchaus auch virtuell durchzuführen, herrschte hier im Unternehmen noch eine physische Meeting-Kultur vor. In den neuen Räumlichkeiten haben wir daher überall Touchscreens angebracht und uns zudem sehr intensiv mit der Thematik der mobilen Zusammenarbeit z.B. in MS Teams befasst, so dass wir bereits im Winter 2019/20 eine Testphase gestartet haben, in der wir sämtliche physische Meetings auf remote umgestellt haben. Das hat so gut funktioniert, dass wir diese Phase bis zum Frühjahr verlängert haben – als dann der Lockdown kam, waren wir schon mitten im Thema. Nach einem letzten Stresstest und der Anschaffung noch benötigter Hardware konnten wir sogar Bereiche wie HR oder Finance, von denen wir zuvor nicht gedacht hätten, dass sie auch remote funktionieren, rasch in die Homeoffices der Mitarbeiter umziehen.
ITD: Zufall, also?
Bachthaler: Was das letztendliche Timing betrifft schon, andererseits hat uns aber erst unser genereller Wunsch nach flexibleren Kommunikationsstrukturen und weniger Reisezeiten in diese Lage versetzt. Das eigentliche Ziel war die Steigerung der Effizienz von Meetings; durch Corona haben wir diesen Ansatz professionalisieren müssen und können. Wie viele andere Unternehmen haben wir ein eigenes Corona-Team gegründet, das sich mit den täglich veränderten Lageberichten und Regelungen befasst und dies den Mitarbeitern kommuniziert hat. Kommunikation, das haben wir alle gemerkt, war in dieser Zeit der Schlüssel.
ITD: Wie haben ihre Kunden auf diese Umstellung reagiert?
Bachthaler: Die größte Herausforderung war natürlich, laufende ERP-Einführungsprojekte zu steuern – Projekte, zu deren Beginn nicht abzusehen war, dass sie vom einen auf den anderen Tag im Remote-Modus fertiggestellt werden müssen. Zu Beginn waren wir, genau wie unsere Kunden, durchaus ein wenig skeptisch, ob sich das alles aus der Ferne umsetzen lassen würde. Also stand in manchen Fällen die Überlegung im Raum, diese Projekte für ein oder zwei Monate zu pausieren. Letztlich kann man allerdings einen fahrenden Zug schwerlich aufhalten, daher waren die Kunden schnell bereit, mit uns neue Wege zu denken und auch das Remote-Thema aufzunehmen. Mit Erfolg! Und mehr noch: Viele der Formate, die wir während Corona entwickelt haben, werden wir beibehalten, z.B. im Bereich von lokaleren Kundeninformationsveranstaltungen. Wo wir zuvor kleinere Anwendergruppen lokal zusammengebracht haben, erreichen wir heute mit einer Veranstaltung zwei- bis dreihundert Teilnehmer – von Südtirol bis zur Nordsee.
ITD: Das remote Arbeiten hat sich inzwischen in vielen Bereichen sehr gut verbreitet. Was bedeutet das für den zukünftigen Zugriff auf Business-Software wie das ERP?
Bachthaler: Unsere Lösung APplus ist vollständig webbasiert, d.h. die technischen Voraussetzungen für einen Remote-Zugang sind intrinsisch verankert. Um APplus zu nutzen, bedarf es nicht mehr als eines Browsers. Das ist ein Vorteil, den viele Unternehmen erst jetzt erkannt haben, und gleichzeitig einer der Gründe, weshalb wir derzeit eine große Nachfrage nach unserer Lösung erleben. In der kommenden Zeit sehe ich hinsichtlich eines möglichen Hybridmodells aus Homeoffice und Präsenzarbeit die Notwendigkeit, Anwendungen noch flexibler zu gestalten. Speziell hinsichtlich des mobilen Arbeitens haben wir während der Pandemie unter anderem eine spannende Anwendung mit Augmented Reality und dem Smart-Service-Modul von APplus umgesetzt: Sie besteht aus einer App und einem Backend-System, das von der Serviceeinsatzplanung über die Qualifizierung des Servicepersonals bis hin zum Time Tracking alles abdeckt. So wollen wir den mobilen Service neu definieren. Kann z.B. ein Servicetechniker nicht vor Ort sein, um eine Maschine persönlich in Betrieb zu nehmen, ermöglichen AR-Anwendungen es, die nötigen Instruktionen auch an ungeschultes Personal weiterzugeben. So können diese die Anlage entsprechend konfigurieren und in Betrieb nehmen. Solche, um relevante Informationen erweiterte Bildaufnahmen lassen sich auf Smartphones, Tablets oder Smart Glasses erzeugen und haben in der Hochphase des remoten Arbeitens enormen Zulauf erfahren. Das ist quasi ein „psychologischer Quantensprung“, da Akzeptanz und Zuspruch für solche Technologien in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen sind.
ITD: Je mehr Mobilgeräte Zugriff auf die Daten eines ERP-Systems haben, desto höher ist allerdings auch das Sicherheitsrisiko.
Bachthaler: Nun, die meisten Daten im ERP-System sind unternehmenskritisch, etliche sogar derart, dass es strafrechtliche Konsequenzen haben kann, wenn unsachgemäß mit ihnen verfahren wird – denken Sie nur an Personendaten. Um die Einhaltung von Richtlinien wie der DSGVO darf man sich daher nicht erst Gedanken machen, wenn die Mitarbeiter schon unterwegs sind. Sie müssen vielmehr schon bei der Applikationserstellung abgedeckt werden. Bei mobilen Anwendungen sollten also tatsächlich nur die wirklich erforderlichen Daten bereitgestellt werden. Dem großen Zuwachs an Cyberangriffen, den wir in Folge des verstärkten Remote-Arbeitens erleben, muss man mit Firewalls, Zugriffsregelungen oder Verschlüsselungstechnologien entgegenwirken. Sind solche Themen früher vielleicht eher „Beiwerk“ gewesen, so sind sie heute deutlich in den Fokus gerückt.
ITD: Gerade beim remoten Arbeiten mit dem ERP-System kommt der UX eine besondere Rolle zu. Was haben Sie bei Asseco auf diesem Gebiet hier für die Zukunft geplant?
Bachthaler: Nutzerfreundlichkeit ist bei uns eines der ständigen Key-Themen. Die bereits angesprochene UX-Abteilung arbeitet aktuell an neuen Oberflächentechnologien, denn natürlich lassen sich klassische ERP-Masken nicht optimal auf Mobilgeräten darstellen; es sind schlicht zu viele Informationen auf zu wenig Fläche. Uns ist auch sehr wichtig, die Komplexität, die sich in den vergangenen Jahren in der ERP-Welt immer weiter ausgebreitet hat, ein Stück weit wieder zu reduzieren. Eine analoge Entwicklung vollzieht sich übrigens auch bei der E-Mobilitätswende: Die Verbrennungsmotoren, die zuletzt verbaut wurden, waren an Komplexität kaum zu überbieten. Neue E-Motoren hingegen sorgen für eine enorme Simplifizierung – ganz abgesehen natürlich von ihren massiven Vorteilen für Umwelt und Klima. Die Nutzer von heute wollen nicht länger dicke Handbücher wälzen oder tagelang geschult werden, bevor sie sich in einer Anwendung zurechtfinden. Die Devise lautet daher, Applikationen simpel, intuitiv und ansprechend zu gestalten. Dabei spielt auch Automatisierung eine Rolle. User sollten sich auf die Dinge konzentrieren können, die für ihre Arbeit wirklich relevant sind. Wir waren schon früh dafür bekannt, großen Wert auf Usability zu legen. Das verdeutlichen auch Studien, in denen wir in den Bereichen UX und Ergonomie stets Bestnoten erzielen konnten. Weiter an diesen Themen zu arbeiten, ist eine der Verantwortungen, die wir als ERP-Anbieter tragen. Meiner Meinung nach darf ERP kein Selbstzweck sein. Vielmehr ist es unsere Aufgabe, den Anwendern die Arbeit zu erleichtern und ihr Unternehmen wettbewerbsfähig zu halten.
ITD: Dabei spielt KI eine große Rolle. Wie sind sie dieses Thema angegangen?
Bachthaler: Die Grundlage hierfür haben wir vor drei Jahren geschaffen, als wir am KI-Spezialisten Salesbeat die Mehrheitsbeteiligung übernommen haben. Schon damals wussten wir, dass KI ein Zukunftsthema ist, bei dem wir uns als Innovationsführer in Position bringen wollten. Wir hatten es uns zum Ziel gemacht, das erste ERP-System auf dem Markt zu sein, das über echte Built-in-KI-Funktionalitäten verfügt, die tatsächlich zum Einsatz kommen. Salesbeat hatte zwei Produkte im Portfolio, die für uns besonders interessant waren: Insights und Finder. Insights sammelt, analysiert und kontextualisiert öffentlich verfügbare Unternehmensdaten. Gerade die Kontextualisierung ist ein entscheidender Vorteil gegenüber Crawlern wie sie z.B. Suchmaschinen nutzen. Einer unserer Forschungsschwerpunkte besteht daher darin, das Know-how in den Feldern Texterkennung und -verständnis auszubauen. Mittels unserer bereits vorhandenen Trainingsdaten sind wir heute schon in der Lage, Texte zu bewerten – hier befinden wir uns im Bereich echter, erlernter Intelligenz. Die Technologie kann erkennen, ob z.B. in einem bestimmten Kontext das Wort „Hahn“ für einen Wasserhahn, das Tier oder doch das gleichnamige Unternehmen steht. Für Menschen ist das einfach, die KI benötigt dazu aber sehr viele Trainingsdaten. Das KI-Tool APplus Finder wiederum sucht gleichartige Firmen auf dieser Basis und ermöglicht unseren Kunden so eine automatisierte, intelligente Lead-Generierung.
Ich muss allerdings ehrlich sein und sagen, dass wir bei diesem Thema auch zunächst eigene Erfahrungen machen und Lehren daraus ziehen mussten. Ein Beispiel: Daten allein sind nicht alles und nicht jeder große Datenbestand ist automatisch sinnvoll nutzbar. KI benötigt gewisse Strukturen in diesen Daten. Wir hatten z.B. einen Partner, der viele Maschinendaten über sein MES-System gesammelt hatte – allerdings war dabei der jeweilige Maschinenzustand nicht hinterlegt. So war nicht klar, ob die Maschine zum Zeitpunkt der Erhebung einwandfrei lief oder ob eine Störung vorlag. Die Daten waren somit leider nutzlos. Ergo: Daten müssen unbedingt gelabelt sein, damit die KI aus ihnen sinnhaft lernen kann.
ITD: Wie sieht der Zustand der Daten denn heute generell in Unternehmen aus?
Bachthaler: Das Bewusstsein für die Bedeutung von Daten für KI-Anwendungen ist grundsätzlich vorhanden, jedoch mangelt es oft noch an der gerade beschriebenen Qualität. Tatsächlich denken viele Unternehmen, Masse allein genügt. Die KI würde dann schon „irgendwie“ sinnhafte Ergebnisse oder Vorschläge daraus generieren können.
ITD: Wie finden neue KI-Anwendungen Eingang in Ihr Portfolio?
Bachthaler: Zunächst einmal haben wir aufgrund der Erfahrungen, die wir gemacht haben, unsere eigene ERP- und Datenspeicherlandschaft KI-fähig gemacht, so dass die erhobenen Daten nun schon beim Ablegen gelabelt werden. Das ist die Ausgangsbasis. Mit unseren Kunden stehen wir zudem im ständigen Ideenaustausch, was neue, durch KI-gestützte Anwendungsszenarien angeht. Losgelöst von Salesbeat, die nach wie vor die erwähnten Produkte betreuen, haben wir ein eigenes „Creation Team“, das sich ausschließlich dem Thema „KI im ERP-Bereich“ widmet. Dieses Team strukturiert Ideen, prüft sie auf kaufmännische Relevanz, Umsetzbarkeit und technische Machbarkeit. So erproben wir mit und bei unseren Kunden neue Modelle – ein Prozess, bei dem sie uns auch neuen Input zurückspielen. Ein Beispiel ist die KI-gestützte Lageroptimierung, für die wir den Wünschen eines Kunden entsprechend einen neuen Algorithmus entwickelt haben. Dieser macht auf Basis von Erfahrungen – und mittlerweile sogar makroökonomischen Kennzahlen sowie absatzstrategischen Überlegungen – Vorschläge zur Verbesserung der Lagerhaltung. Immer wieder setzten wir so Kundenprojekte um, in deren Verlauf wir feststellen, dass gewisse Anwendungen allgemeine Relevanz für ERP-Produkte generell haben; diese bauen wir dann als zusätzlichen Service in unsere Lösung mit ein.
Die selbstlernenden Dashboards, die ich vorhin angesprochen habe, sind ein weiteres Beispiel. Hier schließt sich auch der Kreis zum mobilen Arbeiten, denn egal wo oder über welches Device sich der entsprechende User einloggt, wird ihm seine personalisierte Anwendungsoberfläche bereitgestellt.
Eine spannende Sache, an der wir aktuell arbeiten, ist auch die Inbox-Selektion für E-Mails. Die KI sortiert eingehende Mails automatisch und ordnet sie dem entsprechenden Adressaten, z.B. der HR-Abteilung oder dem Auftragswesen, zu. Das Besondere an dieser Art der Texterkennung ist, dass wir dabei nicht nur in der Lage sind, die Mails anhand bestimmter Buzzwords zu kategorisieren, sondern dass wir durch die Analyse auch den Inhalt gemäß seiner Relevanz einordnen können. So erreicht die Anfrage mit einer ziemlich hohen Trefferquote automatisch sofort den richtigen Empfänger.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 9/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
ITD: Welchen Ansatz verfolgen ihre aktuellen Projekte vor diesem Hintergrund?
Bachthaler: Alles, was in Richtung Data- oder Process Mining geht, ist natürlich ein großes Thema, wenn man an die zunehmende Automatisierung denkt. Unsere Idee ist, dabei auch von der angesprochenen Vereinfachung zu lernen, die etwa die E-Mobilität und das Autonome Fahren vorleben. Wir arbeiten also daran, ERP-Systeme ein Stück weit zu automatisieren. Dieser Gedanke mag den einen oder anderen zunächst abschrecken, doch in vordefinierten Schranken wird dies durchaus die Zukunft des ERP sein. Analog zum Autonomen Fahren ist etwa eine Abstufung des Autonomielevels denkbar, so dass die letztendliche Entscheidung, was automatisiert werden kann und was nicht, stets beim User verbleibt. Ziel ist es, dass ERP-Systeme die Gesamtsituation mit den relevanten Daten analysieren, um so den Automatisierungsgedanken weiter zu fördern. Für uns ist das der Weg, den wir in den nächsten zehn Jahren beschreiten müssen – kein einzelnes Projekt.
ITD: Was muss geschehen, damit KI-Technologie in den Alltag einzieht?
Bachthaler: Die Akzeptanz von KI ist aus meiner Sicht auch eine Frage des gesellschaftlichen Wandels. Noch sind wir längst nicht an dem Punkt, an dem wir etwa einem Auto die Hoheit erlauben, komplett selbstständig zu fahren – und das ist nur menschlich! Ebenso ist es auch bei den ERP-Systemen; jahrelang haben wir unsere Kunden darauf trainiert, alles selbst auszuführen, während wir ihnen höchstens Informationen zur Verfügung gestellt oder ihnen Vorschläge gemacht haben. Nun müssen die Nutzer erst einmal lernen, dass das System sie durch KI unterstützen und ihnen im Idealfall sogar Prozesse abnehmen kann.
ITD: Also KI um jeden Preis?
Bachthaler: Keineswegs. KI an sich erfüllt den Zweck, als Technologie Abläufe automatisierbar zu gestalten. Mein Credo ist: „Wenn es den Kunden in seiner Wettbewerbsfähigkeit stärkt, setzen wir es auch um.“ Nur so macht ein KI-Einsatz Sinn – von den netten Gimmicks, die zum Teil angeboten werden und auf keinen realen Bedarf abzielen, halte ich nicht viel. Diese können auch unschöne Nebeneffekte mit sich bringen. Man denke z.B. an die einseitige Informationspolitik und Beeinflussung, die die Analyse des Nutzerverhaltens auf Social Media haben kann. Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, dass KI einfach eine neue Technologie ist, die die Aufgabe hat, uns allen das tägliche Leben zu erleichtern, indem wir schneller bessere Entscheidungen treffen können – und diese anschließend vielleicht sogar ein wenig zu automatisieren.
ITD: Ihre Kunden stammen aus dem produzierenden Mittelstand, in dem viele Mitarbeiter fürchten, KI und Automatisierung könnten ihre Jobs „wegrationalisieren“. Wie begegnen Sie solchen Befürchtungen?
Bachthaler: Diese Angst ist natürlich da. Ich denke aber, die Akzeptanz kommt letztlich mit der Erfahrung. Ich sehe es als unsere Aufgabe, die Nutzer Schritt für Schritt an das Thema heranführen. Wer sich diesem Thema komplett verschließt, macht sich im schlimmsten Fall irgendwann selbst überflüssig. So wie sich – in diesem Fall – die ERP-Welt wandeln muss, müssen auch die User umdenken und Automatisierung als Chance begreifen. Wir sehen hierzulande eine demografische Entwicklung, die vorausahnen lässt, dass sich der Fachkräftemangel gerade in der Industrie weiter verschärfen wird, wenn in zehn Jahren die geburtenstarken Jahrgänge nicht mehr Teil des Arbeitsmarktes sind. Zum Abbau dieser Ressentiments möchten auch wir durch offene Kommunikation und Information beitragen. Die Menschen, die mit der Technologie arbeiten, müssen immer wissen, warum sie es tun und welchen Benefit es ihnen bringt. Das wollen wir vermitteln. Es geht also nicht nur darum, die reine Bedienung der KI-Lösung zu vermitteln; wichtig ist, die Nutzer didaktisch an die Materie heranzuführen. Wir haben heute Solution Architects im Unternehmen, die sich weniger mit den kleinteiligen Funktionalitäten, sondern vielmehr mit der Gesamtlösung als solcher und den zugehörigen Prozessen befassen. Unsere Berater müssen dazu nicht zwingend programmieren können oder jedes letzte Byte kennen. Für uns ist es essenziell, dass sie die Anwender mit ihren Sorgen und Nöten verstehen. Sie müssen den Usern vermitteln, dass dadurch repetitive Abläufe entfallen, was für sie ein essenzieller Vorteil ist! Denn so können die Mitarbeiter ihr menschliches Potenzial an anderer Stelle deutlich sinnvoller und wertschöpfender einsetzen. Eben für Aufgaben, bei denen menschliches Know-how unerlässlich ist und die eine Maschine auch in den kommenden Jahren nicht sinnvoll übernehmen können wird. Den Kunden zu verdeutlichen, dass Automatisierungslösungen keine Gefahr, sondern eine Bereicherung für den Job sind, ist unsere Aufgabe als Anbieter.
ITD: Was muss also ein moderner ERP-Anbieter heute und in Zukunft mitbringen, um sich auf dem Markt durchzusetzen?
Bachthaler: Aus meiner Sicht wird sich die Bedeutung des ERP in den nächsten zwanzig Jahren noch verstärken. Für Anbieter, die relevant bleiben möchten, ist es unerlässlich, in Zukunft Systeme zu entwickeln, die die Anwender viel stärker aktiv unterstützen. Die Konsequenz ist, dass die ERP-Welt sich neu erfinden muss. Damit meine ich nicht, dass sämtliche Aufgaben des Systems revolutioniert werden sollen – Lieferscheine z.B. wird es vermutlich auch in Zukunft immer noch brauchen. Vielmehr meine ich die Herangehensweise. KI, auf die wir schon sehr früh gesetzt haben, ist für uns nicht bloß ein Schlagwort, sondern ein Herzensthema. Hier begleiten wir unsere Kunden bis hin zum entsprechenden Change Management: Eine individuell abgestimmte Beratung ist heute wichtiger denn je. Viele Kunden möchten nicht, dass ihre Mitarbeiter Zeit für jedes noch so kleine Details der Lösung aufwenden; sie wünschen stattdessen ein umfängliches Consulting, das sie auf schnellstem Wege zur optimalen, passgenauen Implementierung führt. Dieses Bewusstsein muss sich bei den ERP-Anbietern festigen. Es ist daneben aber natürlich auch eine Frage von Kapital und Investment. Nur Unternehmen, die Mittel für technologische Innovationen aufbringen und diese im Sinne ihrer Kunden nutzen können, werden Bestand haben. Das können und wollen längst nicht alle, weshalb ich denke, dass wir in den nächsten Jahren eine weitere Konsolidierung des ERP-Markts erleben werden.
Bildquelle: Claus Uhlendorf