Eines der Probleme, die aus dem benötigten „Mehr“ an Nachhaltigkeit erwachsen sind, ist das sogenannte „Greenwashing“.
Die von Unternehmen angestoßenen Initiativen für Klimaschutz, Energiemanagement und Co. unterscheiden sich je nach Branche und Firmengröße. „Generell lässt sich jedoch sagen, dass Nachhaltigkeit für viele Unternehmen ein wesentlicher Bestandteil ihrer Geschäftsstrategie geworden ist“, erläutert Marcus Wagner, Global Environmental Manager bei SAP. Nachholbedarf gebe es aber bei der Umsetzung vieler Nachhaltigkeitsinitiativen. „Es reicht nicht aus, dass Ziele und Maßnahmen niedergeschrieben werden, sie müssen auch im Geschäftsalltag umgesetzt werden.“ Dem stimmt auch Philipp von der Brüggen, CMO der Natuvion GmbH, zu: „Insgesamt klafft eine große Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit.“
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Dies bestätigen diverse Studien, wie etwa der „Fujitsu Future Insights Global Sustainability Transformation Survey Report 2022“. 38 Prozent der Befragten nannten z.B. eine fehlende Ausrichtung der Führungskräfte auf die Nachhaltigkeitsvision und -umsetzung als Hauptproblem bei der Umsetzung entsprechender Initiativen. 35 Prozent gaben interne Skepsis gegenüber entsprechenden Initiativen an. Der Bericht „Drivers of Change“ von Pure Storage in Zusammenarbeit mit Wakefield Research zeigt auf, dass fast neun von zehn Verantwortlichen für Nachhaltigkeitsprogramme sagen, dass Unternehmen ihre Ziele nicht erreichen können, ohne den Energieverbrauch ihrer technologischen Infrastruktur deutlich zu senken. Dazu kommt, dass rund die Hälfte der Nachhaltigkeitsmanager mit der Erreichung ihrer Ziele in diesem Bereich im Rückstand sind.
„Aktuell geschehen mehrere Dinge gleichzeitig: Die Energiekrise hat ein radikales Umdenken in Sachen ‚Energiehaushalt‘ angestoßen, sowohl in der Politik als auch in den Chefetagen“, sagt Peter Wüst, Vice President und Geschäftsführer bei Netapp Deutschland. Die Digitalisierung bezeichnet er als „stärksten Effizienzmotor“. Demgegenüber stehe die Ressourcenhypothek des weltweiten Datenwachstums.
Auch von der Brüggen unterstreicht die wichtige Rolle der Digitalisierung für Klimaschutz und Nachhaltigkeitsvorhaben von Unternehmen. „Die IT-gestützte Optimierung von Prozessen führt eigentlich immer auch zur Ressourcenschonung“, betont der IT-Experte. Die Digitalisierung sei eine zwingende Voraussetzung für ökologisches Handeln. „Ich bin auf der Seite derer, die einen Weg zur Lösung der ökologischen Frage in neuen Technologien sehen.“
Die zunehmende Digitalisierung sieht Wagner stattdessen eher als zweischneidiges Schwert: „Die Pandemie hat dazu beigetragen, dass weniger Arbeitnehmer pendeln oder Geschäftsreisen unternehmen, dazu werden nur noch kleinere Büroflächen benötigt, die weniger Energie erfordern. Gleichzeitig hat der digitale Wandel jedoch auch den Ausbau von IT-Infrastrukturen und Rechenzentren- (RZ) sowie Cloud-Systemen vorangetrieben.“ Diese würden große Mengen an Energie verbrauchen und so zu einem wachsenden Ressourcenverbrauch führen. Unternehmen müssten sich daher mit einer nachhaltigeren Gestaltung ihrer IT-Infrastrukturen auseinandersetzen. So sehr das der Fall ist, so klar ist auch, dass diese Art Wandel nicht über Nacht passieren kann. „Es gibt kein Patentrezept für Unternehmen sämtlicher Branchen, jede Firma hat andere Voraussetzungen und auch Möglichkeiten“, unterstreicht SAP-Experte Wagner. Der Startpunkt jedes Unternehmens sollte seiner Ansicht nach die Entwicklung eines umfassenderen Plans sein, welcher die Geschäftsstrategie in Bezug auf Nachhaltigkeit festlegt. Er zeige nicht nur den Status quo und Veränderungspotenzial auf, sondern verfolge Metriken über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg, lege Verantwortungsbereiche fest und ermögliche es Unternehmen so, Ziele zu erreichen und Veränderungen vorzunehmen.
Wüst berichtet, dass etwa Netapp Unternehmen dabei hilft, den Energieverbrauch ihrer Rechenzentren zu reduzieren – indem die Lösungen der Firma aufzeigen, wie digitale Informationen über die gesamte Speicherinfrastruktur hinweg genutzt werden. „Damit lässt sich die RZ-Auslastung realistisch bewerten, als Grundlage für Sparmaßnahmen.“ Dazu gehört u.a., dass mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) ungenutzte Daten entdeckt werden. Mit diesem Wissen lasse sich einiges an Ressourcen sparen.
Ähnlich bewertet auch Wagner den Nutzen moderner Technologien: „Unternehmen, die ihre Daten mit KI oder Machine Learning (ML) analysieren, erhalten nicht nur wertvolle Erkenntnisse, sondern auch Handlungsempfehlungen, auf deren Basis sie Entscheidungen treffen können.“ Und Natuvion-Experte von der Brüggen betont: „Der Strauß an Technologien, der uns bei der Bewältigung der Klimakrise unterstützen könnte, ist groß.“ Entscheidend werde sein, wie schnell und einfach die Technologien eingeführt und genutzt werden können.
Durch den medialen Fokus auf die Nachhaltigkeitsthematik ist es mancherorts inzwischen zum sogenannten „Greenwashing“ gekommen. „Dabei rechnen sich Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsinitiativen schön, um nach außen hin besser dazustehen“, erklärt Peter Wüst. Deshalb seien die Kunden in der Pflicht, klare Bekenntnisse von ihren Zulieferern zu fordern – „und auch aufzuzeigen, wo diese Bekenntnisse schwammig sind oder ganz fehlen“.
„Der Konsument hat mit seinem Portemonnaie eine enorme Lenkungswirkung, ohne die eine klimafreundliche Ökonomie nicht entstehen kann. Aber in dem Maß, in dem ressourcenschonende Produkte erfolgreicher werden, wird auch der Missbrauch attraktiver“, erklärt Philipp von der Brüggen. Er befürchtet: „Das wird man sicher nicht alles abfangen können. Da hilft nur Aufklärung der Verbraucherverbände. Wir müssen den Menschen Werkzeuge an die Hand geben, um die Scharlatane zu entlarven.“
Fest steht: Alle Branchen müssen klimafreundlicher agieren. Doch können Unternehmen in Zukunft vollständig klimaneutral arbeiten? Das ist noch schwer vorhersehbar. Nach Meinung von IT-Experte Wagner hängt das nicht nur von den Bestrebungen Einzelner ab, sondern davon, ob rechtliche Rahmenbedingungen und die entsprechende Infrastruktur – etwa in Bezug auf die Wiederverwendung von Abwärme – gegeben sind. „Wir haben aber gesehen, wie schnell und engagiert Umdenken entstehen kann, wenn Not am Mann ist“, betont Wüst. „Ich bin sehr zuversichtlich, dass Politik, Privatwirtschaft und Verbraucher gemeinsam an dieser Herausforderung arbeiten. Ohne Dogmatismus, mit Pragmatik, aber mit hohem Anspruch.“
Anders sieht das von der Brüggen: „Absolute Klimaneutralität wird kurz- und mittelfristig nicht zu schaffen sein.“ Abgesehen davon könne Klimaneutralität zurzeit wie „moderner Ablasshandel“ gehandhabt werden. „Das ist für mich der falsche Weg. Wenn ich zu viel Emissionen verursache, gebe ich einfach Geld in ein Projekt auf der anderen Seite der Welt und bin dann klimaneutral.“ Unter dem Strich entstehe dadurch aber nicht der gewünschte Effekt. „Es lohnt sich immer noch viel zu wenig. Klimaneutralität muss deutlich attraktiver werden – dann kommt Dynamik in den Prozess.“
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