Microsoft mit neuer Struktur

Seattle, wir haben ein Problem

Microsoft gibt sich neue Strukturen, aber gegen den Vertrauensverlust durch Prism hilft das nicht.

“One Microsoft” - das ist die Vision von Steve Ballmer für das neue Microsoft. “One Stop for the agencies” - das ist der öffentliche Eindruck, den Microsoft im Moment macht. Nach einem aktuellen Bericht des Guardian habe Microsoft den US-Behörden Hintertüren zu geschützten Diensten wie SkyDrive, Hotmail.com, Outlook.com und Skype gewährt.

Bei der dort genutzten Verschlüsselung handelt es sich nicht um eine “echte” End-To-End-Verschlüsselung, bei der ein Anwender von seinem Endgerät nur verschlüsselte Dateien absendet und der Diensteanbieter die Schlüssel nicht kennt. Es ist eine automatisierte Verschlüsselung, bei denen die Daten an bestimmten Stellen als unverschlüsselter Datenstrom auftauchen.

Eine solche Art der Verschlüsselung ist geradezu eine Einladung, dort Hintertüren einzubauen. Zwar sind die letztendlich verschlüsselten Daten für niemanden so leicht zu dekodieren, doch der Anbieter des Dienstes hat natürlich prinzipiell Zugriff darauf, bevor der Verschlüsselungsalgorithmus seine Arbeit erledigt.

Eine Kopie jedes Datenblocks vor der eigentlichen Verschlüsselung ist leicht anzulegen. Ob eine solche Hintertür existiert oder nicht, ist von niemandem zu kontrollieren, da sich die gesamte Software im Nebel der Cloud befindet.

Der Vorwurf wiegt extrem schwer, ist aber letztlich wieder zu beweisen noch zu widerlegen. Es geht um die Frage, wem man mehr glaubt: Den Beteuerungen von Microsoft oder den Enthüllungen im Guardian. Trotzdem ist es eindeutig: Microsoft hat jetzt ein großes Problem, denn es wird im bedeutenden Markt der Non-US-Firmenkunden Vertrauen verlieren.

Bereits seit geraumer Zeit hört man aus dem Hause Microsoft fast nur noch Sätze, die mit “Cloud” beginnen und mit “BYOD” aufhören. Die aktuelle Umstrukturierung von Microsoft vollzieht und beschleunigt also eine Entwicklung, die bereits mit hoher Geschwindigkeit abläuft. Microsoft wird mehr und mehr zum Vermarkter von Cloud-Diensten und den dazu passenden Geräten.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird eine Art Cloud-Office/Desktop die Unternehmensarbeitsplätze der nahen Zukunft bestimmen. Microsoft möchte natürlich an vorderster Front mitspielen und propagiert Dinge wie Cloud-OS oder seinen Business-Service Office 365. Jetzt hat CEO Steve Ballmer persönlich eine längere Mail an seine Mitarbeiter geschrieben, um die neue Microsoft-Struktur bekannt zu geben.

Der Software-Riese aus Seattle verabschiedet sich von der Unternehmensgliederung nach Produktgruppen. Statt dessen werden jetzt Funktionsbereiche zum Beispiel “Operating Systems”, “Devices and Studios”, ”Applications and Services” oder “Cloud and Enterprise” eingeführt. Steve Ballmer möchte vor allem erreichen, dass die einzelnen Konzernbereiche nicht mehr unabhängig voneinander arbeiten, sondern Hand in Hand.

Vor allen Dingen geht es ihm um konsistente Lösungen, die innovativ sind und sich auf dem Markt behaupten können. Das Stichwort “Devices” kommt sehr häufig vor und vermutlich wird Microsoft den Hardware-Output noch vergrößern. Und dass die Cloud jetzt ein eigener Funktionsbereich geworden ist, deutet darauf hin, dass Microsoft die Zukunft der Business-Software in der Wolke sieht.

Doch Cloud Computing braucht drei Dinge: Hardware, Software und Vertrauen. Mit dem Letzteren könnte es schwierig werden. Dabei ist das Vertrauen in die Güte und Sicherheit der Cloud-Dienste eine wichtige Voraussetzung für die Vermarktung einer solchen Lösung.

Die typische Frage eines potentiellen Kunden lautet: “Sind meine Daten sicher?” Das Microsoft-Marketing sagt “natürlich”, doch die Enthüllungen des Guardian legen zum Beispiel den Unternehmen in Deutschland, dem US-Freund dritter Klasse, nahe: Eher nicht.

Bildquelle: Microsoft

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