Maturity zeigt Potentiale auf

Software wirtschaftlich bewerten und steuern

Die finanzielle Analyse von Applikationen wird oft vernachlässigt – schließlich gilt Software als eine Art Kunst, die sich konkreten Vergleichen widersetzt. Dabei gibt es erprobte Methoden, um Ansätze zur Kostensenkung zu entdecken und sinnvolle Verbesserungsmaßnahmen einzuleiten.

In den vergangenen Jahren haben sich die IT-Infrastruktur und die Applikationen in vielen Unternehmen unterschiedlich entwickelt. Da die IT-Infrastruktur als vermeintliche Commodity leichter industrialisierbar ist, wurde sie vielfach optimiert. Demgegenüber gelten Applikationen als schwer quantifizierbar und damit in der Folge auch als nicht vergleichbar. So blieben Standardisierungsarbeiten an der Softwarelandschaft unerledigt. Dabei ist das wirtschaftliche Potential enorm: Bei einer bereits optimierten IT-Infrastruktur sind in der Anwendungsumgebung durchschnittliche Einsparungen im zweistelligen Prozentbereich machbar.

Unternehmen, die das Management der Anwendungslandschaft vernachlässigen, schränken ihren Handlungsspielraum zunehmend ein. Pflege und Anpassungen an neue Anforderungen belegen ebenso wie Wartung und Weiterentwicklung einen gewichtigen Teil des Budgets. Hinzu kommt, dass der Projektaufwand für Anwendungen mit höherem Alter zunimmt. Zudem entfaltet eine optimierte Infrastruktur nur dann das volle Potential, wenn die Verbesserung im Kontext der geschäftskritischen IT-Anwendungen erfolgt. Die Anwendungen wiederum müssen gut gesteuert werden, um die operative IT-Exzellenz zu erreichen. Wer sich einen der beiden Schritte spart, spart am falschen Ende.

IT-Organisationen haben zwei Möglichkeiten, ihre Applikationsumgebung zu analysieren: Erstens durch die Bewertung einzelner Anwendungen, und zweitens mit einer Untersuchung der übergreifenden Leistungen. Letzteres umfasst den Betrieb, die Wartung und den Support für Applikationen. Der spezielle Nutzen dieser Perspektive liegt darin, dass IT-Verantwortliche umfangreiche Kennzahlen zur Wirtschaftlichkeit ihres jeweiligen Aufgabengebietes erhalten. Alternativ können auch komplette geschäftskritische Schlüsselapplikationen wie ein SAP- oder ein Abrechnungssystem gezielt analysiert werden. So lassen sich grundsätzliche Aussagen zu Kosten und Leistungen einer wichtigen Anwendung treffen und mit Applikationen in anderen Unternehmen vergleichen. Zudem zeigt sich, ob etwa das Verhältnis von Wartung und Entwicklung einer Anwendung noch gesund ist.

In der Praxis stößt man auf Applikationen, die zwischen 500 Euro bis zu über 80.000 Euro pro Monat im Betrieb kosten. Angesichts dieser Bandbreite ist es wichtig, die Leistung jeder Anwendung mit einem fairen Modell exakt zu bewerten. Dies geschieht über aussagekräftige Kennzahlen, welche durch Basisdaten aus einer detaillierten Analyse befüllt werden. Im Applikationsbetrieb sind das beispielsweise die Verfügbarkeit, die Zahl der von IT-Mitarbeitern betreuten Instanzen und die Anzahl der OS-Versionen. Bei der Entwicklung und Wartung werden unter anderem Entwicklungs-/Wartungsaufwand und -produktivität, Kosten pro Testfall, Servicezeiten, die Use Cases pro IT-Mitarbeiter sowie die Anzahl der Installationen gemessen. Um tatsächlich einen fairen Vergleich sicherzustellen, müssen noch die übergeordneten Rahmenbedingungen wie Programmiersprachen und -Methodiken erhoben und bewertet werden.

Durch die Erhebung und Aggregation der verschiedenen Kennzahlen können Unternehmen ihre Anwendungsumgebung aus mehreren Perspektiven betrachten. Dies umfasst unter anderem die Kostenstruktur (Personal, Hardware und Software), die Struktur der Personalaufwände, die Anzahl der nachträglich notwendigen Personentage etwa aufgrund von konzeptionellen Erweiterungen, die Verteilung der Kosten auf die Phasen der Entwicklung, den Vergleich der Servicelevel, den Rework-Faktor, die Budget- und Termintreue oder die Softwarequalität.

Klassische Kostenkennzahlen in dem Bereich Anwendungsentwicklung sind die Kosten pro Use Case beziehungsweise Function Point. Bei der Produktivität wird beispielsweise die Anzahl der Function Points pro Anwendungsentwickler verglichen. Die Anzahl der Change Requests pro 1.000 Function Points wiederum kennzeichnet die Qualität der fachlichen Spezifikationen. Hier zeigt sich, dass Fachabteilungen ihren Aufwand zwar durch unzureichende Anforderungen reduzieren können, jedoch sinkt dadurch unter dem Strich die Produktivität der Entwicklungsabteilung.

Werden die Kennzahlen etwa in einem Benchmark den Werten vergleichbarer Organisationen gegenübergestellt, erkennt man auf einen Blick, in welchen Segmenten das Applikations-Management Verbesserungspotentiale aufweist und wo die Anwendungen besser als bei den Peers geführt sind. Hierbei dürfen nicht nur die Kosten erfasst werden – für einen sinnvollen Vergleich müssen alle Treiber wie Komplexität, Qualität und Volumen in die Berechnung einfließen. Auf Basis der Analyse lassen sich die Aufwände in jeder Phase der Entwicklung miteinander abstimmen, um den Gesamtprozess zu optimieren. Wer die entscheidenden Kennzahlen erhebt, sieht nicht nur das Ziel klarer, sondern auch die beste Route dorthin.

Die Methoden

Zur Bewertung der Leistungen im Bereich der Wartung und Entwicklung von Applikationen stehen erprobte und effiziente Vorgehensweisen zur Verfügung:

- Function Point-Analyse: Standardisierte Applikationsparameter und Einflussfaktoren werden kalkuliert. Das normierte Ergebnis der Funktionspunkte bildet die Grundlage für einen detaillierten Vergleich.

- Backfired Function Points: Lines of Code werden mit Konvertierungstabellen – etwa vom Software-Experten Capers Jones – in Function Points umgewandelt („backfired“), wobei unterschiedlichen Programmiersprachen und Entwicklungsumgebungen berücksichtigt werden. So errechnen sich beispielsweise aus 300.000 Lines of Code in Cobol rund 2.800 Function Points. Im Gegensatz dazu ergeben 300.000 Lines of Code in Java zirka 16.800 Function Points.

- Use Case Points: In objektorientierten Umgebungen werden Anzahl und Komplexität der Use Cases (Anwendungsfälle) und Akteure im System zusammen mit den Rahmenbedingungen (Team, Performance, Portabilität etc.) erhoben und für Vergleiche genutzt.
www.maturity.com

Bildquelle: Paul Golla/Pixelio

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