SCM: Interview mit Dirk Strehlow, Geodis

Softwaregestützte Supply-Chain-Management-Prozesse

Interview mit Dirk Strehlow, Head of System & Process bei Geodis Logistics, über softwaregestützte Supply-Chain-Management-Prozesse (SCM) und mit welchen Herausforderungen die Softwarenutzung verbunden ist

Dirk Strehlow, Geodis

„Generell kann die passende Software in allen logistischen Prozessen die Produktivität, Effizienz und auch die Qualität erhöhen“, betont Dirk Strehlow Head of System & Process bei Geodis Logistics.

IT-DIRECTOR: Herr Strehlow, in welchen Branchen bzw. Großunternehmen sind die Supply-Chain-Prozesse häufig softwaregestützt?
D. Strehlow:
Mittlerweile gibt es kaum noch erfolgreiche Unternehmen, die ihre Lieferkettenprozesse nicht in irgendeiner Form mittels Software optimieren. Das gilt grundsätzlich für alle Branchen – für aufstrebende Mittelständler wie auch für Konzerne. Den höchsten Wertbeitrag erreichen softwaregestützte Supply-Chain-Prozesse aber sicher in Fertigungsbetrieben und Handelsorganisationen: Hier tragen sie zu einer Verbesserung der Bestandsverfügbarkeit bei, was Kosten und Risiken reduziert und das für diese Unternehmen besonders wichtige Working Capital erhöht – all das können Wettbewerbsvorteile sein. Grundsätzlich profitieren aber wie gesagt alle Arten von Organisationen von den Vorteilen softwaregestützter Supply-Chain-Management-Prozesse (SCM): Erhöhte Transparenz, schneller Zugriff auf entscheidungsrelevante Informationen, besseres Lieferantenmanagement und natürlich die durch Software zu erreichende Automation sind immer gut fürs Geschäft.

IT-DIRECTOR: Ist eine effiziente Lieferkette ohne den Einsatz einer Softwarelösung heutzutage überhaupt noch möglich?
D. Strehlow:
Meiner Meinung nach definitiv nicht. Um alle relevanten Informationen, die innerhalb einer Lieferkette anfallen, zum richtigen Zeitpunkt verfügbar und auswertbar zu haben, ist der Einsatz entsprechender Software unabdingbar. Um rechtzeitig aktiv auf Probleme einwirken zu können, muss ein System eingesetzt werden, das Missstände innerhalb der Lieferkette unmittelbar erkennt und durch entsprechende Alert-Funktionen an einen definierten Anwenderkreis berichtet. Durch Transparenz und Verzahnung aller Schritte im Prozess können die Abläufe optimiert werden. Der Einsatz von Software überbrückt Zeitzonen und vereinfacht die Steuerung aller involvierter Unternehmen und Prozesse.

IT-DIRECTOR: Wie kann Software konkret bestehende Logistikprozesse unterstützen, um die Produktivität und Effizienz eines Unternehmens zu erhöhen? Welche Anforderungen muss die Software hierbei erfüllen?
D. Strehlow:
Generell kann die passende Software in allen logistischen Prozessen die Produktivität, Effizienz und auch die Qualität erhöhen. Aufgesetzte Re-Engineering-Projekte identifizieren eventuelle Schwachstellen und zeigen Verbesserungspotentiale auf. Die Umsetzung erfolgt entlang eines Maßnahmenkatalogs, in dem sowohl operative als auch systemtechnische „To Do’s“ erfasst werden. Das gezielte Anbinden von Lieferanten und deren Spediteure an SCM-Systeme macht es möglich, Inbound-Advices mit dazugehörigen Statusinformationen zur Steuerung der Wareneingangsressourcen zu verwenden. Das bedeutet, dass Mitarbeiter zeitgenau zur Bearbeitung eines Inbounds abgerufen werden. Der Einsatz neuer Pickstrategien und -technologien hilft dabei, im Komissionierprozess Wege- sowie Rüst- und Pickzeiten zu optimieren. ABC-Klassifizierungen der Produkte tragen zur Optimierung des Lagerlayouts, zur Verkürzung der Nachschubwege und zur Steigerung der Pick-Performance bei.

Ein System sollte modular, flexibel sowie einfach zu konfigurieren und zu erweitern sein. Die individuelle Anpassung von Systemen sollte immer mit der Aufstellung eines Anwendungsfalls einhergehen, um den Return on Investment (ROI) zu gewährleisten. Bei Auswahl und Implementierung einer Lösung sollten Unternehmen eine gute Balance aus Standardisierung und Individualisierung finden: Bei stark standardisierter Software müssen die Prozesse dem System angepasst werden –  dadurch ist man womöglich nicht in der Lage, den optimalen Prozess systemtechnisch abzubilden. Bei der Individualisierung besteht das Risiko, sich zu weit vom Standard zu bewegen und dadurch nachgelagert erhöhte Supportkosten bei Versions- und Releasewechsel zu erzeugen. Unter Umständen empfiehlt es sich daher, sogenannte „Customisable“-Systeme einzusetzen. Diese erlauben das Anpassen von Prozessen innerhalb eines vordefinierten Rahmens. Modulare Systeme ermöglichen zusätzliche Funktionen durch Inbetriebnahme weiterer Module. Das Optimum liegt sicherlich in der Kombination aus allen Möglichkeiten.

IT-DIRECTOR: Mit welchem Aufwand und welchen Herausforderungen ist die Softwarenutzung speziell für Logistikdienstleister verbunden?
D. Strehlow:
Als Logistikdienstleister, der über alle Branchen hinweg aktiv ist, wird man ständig mit neuen Herausforderungen und Problemstellungen konfrontiert. Dementsprechend flexibel und konfigurierbar müssen die Systeme sein, wobei es durchaus sinnvoll ist, Lösungen für die diversen Märkte – FMCG, Automotive, Healthcare, Fashion, Hightech, Industry – vorzudefinieren. Bei gewissen Bereichen gibt es größere Schnittmengen, was die Anforderungen an Prozessabläufe sowie an Daten- und Funktionsumfang anbelangt. Diese lassen sich entsprechend leichter in einer kombinierten, vordefinierten Lösung zusammenfassen. Grundsätzlich kritisch ist, dass die Systeme offen sind für die Anbindung von Kunden, Carriern und externen Sub-Systemen. Auch hier gilt, dass der Individualisierungsgrad angemessen sein muss, um die Wartbarkeit der Systeme zu gewährleisten.

IT-DIRECTOR: Was können Kunden und Dienstleister tun, um die softwaregestützte Zusammenarbeit zu optimieren?
D. Strehlow:
Wichtig ist, dass beide Seiten von Anfang an in das Lösungskonzept eingebunden sind; gerade die IT-Abteilung muss rechtzeitig involviert werden. Jeder muss die Problemstellung auf der jeweils anderen Seite verstehen und den kompletten Prozess begreifen. Nur so kann ein optimal funktionierender Ablauf definiert und implementiert werden. Alle Verantwortlichkeiten sollten bei Projektstart definiert, die Projektorganisation aufgesetzt und klare Eskalationswege skizziert werden. Darüber hinaus ist es wichtig, dass alle zugeordneten Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Gesamtprojektplan nicht zu gefährden. Eine einheitliche Methodik, ein einheitlicher Sprachgebrauch und eine Durchführungsplanung sollten zusammen abgestimmt und aufgesetzt werden. Alle Beteiligten haben ein gemeinsames Ziel, nämlich im Ergebnis das Projekt erfolgreich umzusetzen. Unterstützend dafür sind unternehmensübergreifende team-fördernde-Maßnahmen durchaus sinnvolle und unterstützende Aktionen.

IT-DIRECTOR: Stichwort „Industrie 4.0“ – inwieweit sind die Prozesse in Großunternehmen bereits vernetzt? Welche Vorteile, aber auch Risiken bringt diese Vernetzung mit sich?
D. Strehlow:
Damit Industrie 4.0 in der Praxis erfolgreich umgesetzt werden kann, müssen immer noch einige Voraussetzungen geschaffen werden. In gemeinschaftlicher Arbeit ist es wichtig, Standards zu definieren und zu implementieren, um Produktionsprozesse weltweit abzustimmen. Es bestehen in einigen Bereichen bereits Vernetzungen und die technischen Möglichkeiten – beispielsweise, dass das eigene Auto per Selbstdiagnose seinen Werkstatttermin vereinbart. Gleichzeitig wird bereits das erforderliche Ersatzteil geordert oder just-in-time produziert. Dennoch befinden wir uns immer noch in der Anfangsphase, und Deutschland muss sich als Ingenieurs- und Innovationsland bei dem Wettlauf mit den anderen führenden Industrienationen behaupten. Die sogenannte „vierte Industrielle Revolution“ bietet grundsätzlich Chancen eines weiteren Wachstumsschubs, birgt aber auch Risiken. Durch die zunehmende Vernetzung von Produktionsabläufen wird gleichzeitig auch die Angriffsfläche für Sabotage und Spionage erweitert. Durchdachte Sicherheitskonzepte müssen gemeinsam erarbeitet werden, um dieser neuen Gefahr entgegenzuwirken.

IT-DIRECTOR: In welche Richtung wird sich Ihrer Meinung nach der Softwaremarkt für Supply Chain Management (SCM) zukünftig entwickeln?
D. Strehlow:
Der Softwaremarkt für SCM ist sehr heterogen und unterteilt sich in verschiedenste Lösungsanbieter: klassische Anbieter von ERP/PPS-Systemen; modulare Gesamtlösungen, die alle Funktionsebenen innerhalb des SCM abdecken (Design/Modelling, Planning/Scheduling, Execution/Control); Anbieter von Teilbereichslösungen; Integratoren.

Treiber für Weiterentwicklungen sind immer neue Anforderungen seitens der Kunden und Innovationen der IT-Technologie. Es ist vom jetzigen Standpunkt betrachtet schwierig zu beurteilen, wie sich der Markt zukünftig entwickeln wird. Sicher bin ich mir jedoch, dass er weiterhin hart umkämpft bleiben wird – je innovativer die Lösung, desto sicherer die Stellung am Markt. ERP/PPS-Systeme werden ihre SCM-Funktionalitäten ausbauen, erweitern und noch mehr in ihrem Standard integrieren. Marktanteile für reine SCM-Lösungsanbieter werden entsprechend sinken. Große Anbieter werden Standards definieren, um ihren Kunden eine leichte Integration von Daten externer Systeme zu ermöglichen. Hier besteht durchaus auch ein großes Potential für die Integratoren, denn nach wie vor ist eines der größten Probleme die Vernetzung verschiedener Systemlandschaften über Unternehmens- und Landesgrenzen hinweg.

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