Nachhaltigkeitsstrategien fürs RZ

„Strompreis ist ein stark limitierender Faktor“

Im Interview betont Severin Braun, Chief Product Officer bei Plusserver, dass ESG-Reportings heute ein wichtiges Entscheidungskriterium bei der Wahl eines RZ-Anbieters sind.

Severin Braun, Plusserver

Der ausgebildete IT-Systemkaufmann Severin Braun bringt fast 20 Jahre Technologie-Erfahrung mit.

ITD: Herr Braun, sind Rechenzentren (RZ) bzw. ihre Betreiber in Ihren Augen Klimasünder?
Braun: Ich habe den Eindruck, viele Menschen machen es sich mit solchen Aussagen zu einfach. Rechenzentren und ihre Betreiber halten unsere Wirtschaft und Gesellschaft am Laufen und ja, dabei verbrauchen sie Strom, sie erzeugen Abwärme und es fällt Elektroschrott an. Alleine in Deutschland verbrauchen alle Rechenzentren zusammen rund 18 Milliarden Kilowattstunden – Tendenz steigend. Auch der Bedarf an Rechenzentrumskapazität wird weiter steigen und wir sollten uns hier die Frage stellen, wer diese Rechenzentren wie betreibt oder betreiben sollte. Der Großteil der Rechenzentrumsleistung wird heute von der unternehmensinternen IT in Anspruch genommen und viele Unternehmen und andere Institutionen betreiben ihr eigenes Rechenzentrum lediglich für den eigenen Bedarf. Hier gibt es oft minimalen Anreiz für mehr Effizienz oder nachhaltigerem IT-Infrastruktur-Management. Im Gegensatz dazu sind kommerzielle Rechenzentrumsbetreiber und Cloud-Provider, deren Kerngeschäft es ist, die Rechenzentrumskapazität im großen Stil anzubieten, deutlich stärker darauf bedacht, effizientes Ressourcen-Management zu betreiben und Nachhaltigkeit im Rechenzentrum voranzutreiben.

ITD: Inwieweit haben die Betreiber von Datacentern erkannt, wie wichtig es ist, sich um entsprechende Nachhaltigkeitsstrategien zu bemühen?
Braun: Gerade kommerzielle Betreiber von Datacentern haben die Wichtigkeit aus meiner Sicht recht früh erkannt – wenn auch zunächst aus rein wirtschaftlichen Gründen. Die steigenden Strompreise sind nicht erst seit des Ukraine-Konflikts ein ernsthaftes Problem für die Betreiber und auch die CO2-Abgaben werden weiter steigen. Daher hat die Effizienzoptimierung oft oberste Priorität, um mittel- und langfristig Kosten einzusparen. Und natürlich spielt auch eine ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategie eine immer größere Rolle, denn sowohl Kunden als auch Investoren achten immer stärker darauf. Hier geht es dann nicht nur um das Rechenzentrum selbst, sondern auch um das Unternehmen dahinter. ESG-Reportings sind heute ein wichtiges Entscheidungskriterium bei der Wahl eines Anbieters.

ITD: Wie sollte solch eine Nachhaltigkeitsstrategie aussehen bzw. an welchen Stellschrauben muss gedreht werden? Wo schlummern Energieeinsparpotenziale?
Braun: Einsparpotenziale betreffen zwei große Bereiche: Hardware und Betrieb. Erstere birgt oft nur bedingt Einsparpotenzial, denn wenn ein Unternehmen oder ein Betreiber lediglich neue, vermeintlich energieeffizientere Hardware beschafft, führt das nicht automatisch zum gewünschten Ergebnis. Wichtiger ist die ständige Optimierung des Betriebs – gerade bei Bestandsrechenzentren. Hier gibt es verschiedene Maßnahmen, von der Kaltgangeinhausung und der Optimierung von Luftströmen, um die benötigte Klimatisierung und den Energiebedarf zu reduzieren, bis hin zur Verwendung von natürlichen Kältemitteln wie Ammoniak, Propan oder CO2, was sich positiv auf die Umweltverträglichkeit auswirkt.

ITD: Welche Rolle spielen z.B. USV-Anlagen bei der Bewältigung der Klimaherausforderungen?
Braun: USV-Anlagen dienen ja in erster Linie der Notstromversorgung für unternehmenskritische Einrichtungen und Anwendungen, sind also auf den ersten Blick ein Treiber für Energieeinsparung. Doch da sie gerade in Rechenzentren unverzichtbar sind, lohnt es sich hier dennoch genau hinzusehen und im Zweifelsfall in die Modernisierung zu investieren. Als kommerzieller Rechenzentrumsbetreiber sind wir hier oft im Vorteil, denn wir kennen unsere Rechenzentren sehr genau und können etwa die Dimensionierung der USV-Anlagen und bei den Stützzeiten fundiertere Entscheidungen treffen als unternehmensinterne Rechenzentren.

ITD: Inwieweit können ältere oder wiederaufbereitete Komponenten zum Einsatz kommen?
Braun: Der Einsatz von wiederaufbereiteten Komponenten ist schon alleine aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu favorisieren. Dabei muss man jedoch abwägen, ob der Einsatz hinsichtlich der Energieeffizienz älterer Komponenten sinnhaft ist. Durch die stetige Erhöhung der Leistungsdichte können häufig die gleiche Anzahl an Rechenoperationen mit der Hälfte oder einem Viertel des Stromverbrauchs durchgeführt werden, wenn Komponenten der aktuellsten Generation zum Einsatz kommen.

ITD: Für welche Zwecke kann die Abwärme von Datacentern genutzt werden?
Braun: Derzeit wird Abwärme in der Regel hauptsächlich für die Beheizung der am Rechenzentrum ansässigen Büros und anderer Gebäude genutzt. Die Bundesregierung plant mit dem Energieeffizienzgesetz hier zwar bereits Anforderungen zur Versorgung von umliegenden Gebieten mit Abwärme, doch solche Vorhaben sind nur dann realistisch, wenn die dafür benötigte Infrastruktur in Form eines modernen Fernwärmenetzes etabliert wird.

ITD: Mit welchen Stolpersteinen ist die Umsetzung einer Nachhaltigkeitsstrategie für bestehende Rechenzentren häufig verbunden?
Braun: Aktuell ist sicherlich der Strompreis ein stark limitierender Faktor. Die Bundesregierung fordert von deutschen Rechenzentren die Nutzung von mindestens 50 Prozent Ökostrom ab dem kommenden Jahr und ab 2027 100 Prozent Ökostromnutzung. Wir setzen schon seit einigen Jahren auf 100 Prozent Naturstrom, doch das ist nicht allen Rechenzentrumsbetreibern überall möglich.

ITD: Wie können Betreiber von Datacentern ihre Klimabilanz stets im Blick behalten?
Braun: Wichtig ist, dass die Betreiber die Themen „Klimaschutz“ und „Nachhaltigkeit“ als Priorität ansehen und entsprechendes Monitoring und Maßnahmen etablieren. Eine klare Verantwortung sollte benannt werden und über regelmäßige ESG-Reports die erhobenen Daten transparent gemacht werden. DIN EN16247 und darauffolgend die ISO 50001 bieten hier Orientierung und den notwendigen Rahmen für eine Zertifizierung des Energiemanagements.

ITD: Welchen Stellenwert schreiben Sie Emissionszertifikaten für Rechenzentren zu?
Braun: Die EU verlangt die CO2-Neutralität der Branche bis 2030 – ohne den Kauf von Emissionszertifikaten. Da die Modernisierung von Rechenzentren einiges an Engagement, Planung und Strategie erfordert, sollten sich Betreiber und Unternehmen daher nicht auf den Zertifikaten ausruhen, sondern bereits jetzt für eine Zeit danach planen. Für uns selbst spielen diese Zertifikate schon jetzt keine Rolle mehr.

Bildquelle: Plusserver

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