Lorenz Kuhlee, Consultant für Network Security im Risk Team EMEA bei Verizon
IT-DIRECTOR: Was versteht man allgemein unter IT-Forensik?
L. Kuhlee: Computerforensik ist ein Zweig der digitalen Kriminaltechnik und betrifft die Suche nach rechtlichen Beweismitteln auf Computern und digitalen Speichermedien. Ziel der Computerforensik ist es, digitale Medien in forensisch angemessener Form mit dem Ziel zu untersuchen, Informationen zu identifizieren, zu sichern, wiederherzustellen, zu analysieren und Fakten und Stellungnahmen hierzu vorzulegen.
IT-DIRECTOR: Mit welchen Lösungen (Hardware, Software, Anwendungen) lässt sich das Feld der Forensik am besten bearbeiten?
L. Kuhlee: Forensik ist eine Befähigung, keine in sich geschlossene Lösung, die man von der Stange kaufen kann. Es stehen verschiedene Software- bzw. Hardwaretools zur Verfügung; allerdings werden sie von Fall zu Fall je nach Einschätzung des jeweiligen Forensikers eingesetzt. Zur Auswertung des Outputs und für entsprechende Schlussfolgerungen sind Intelligenz und Verständnis eines Menschen erforderlich.
IT-DIRECTOR: Welche Schritte sollte ein Unternehmen auf jeden Fall unternehmen, falls ein Hackerangriff, Datendiebstahl oder Datenmissbrauch vermutet wird?
L. Kuhlee: „Attacken” können in Heftigkeit und Auswirkung variieren; sie können von ganz gewöhnlichen bis hin zu professionellen Target Attacks (TAs) reichen. Unternehmen können von den Fähigkeiten professioneller Dritter wie zum Beispiel unserem Risk-Team (Response, Intelligence, Solutions, Knowledge) profitieren. Durch die Zusammenarbeit mit solchen Experten können sie dafür sorgen, dass ein Security-/Forensik-Plan aufgestellt und umgesetzt wird, noch bevor es zu einem Angriff kommt. Ein solcher sollte Informationen darüber einschließen, wo sich kritische Daten innerhalb des Unternehmens befinden und nach welchen Mustern sie bewegt werden. Ohne das Wissen, wo die Risiken und das Potential für mögliche Angriffe liegen, ist kein Sicherheitsprogramm vollständig. Unternehmen sollten bedenken, dass sich das Thema Sicherheit ständig weiterentwickelt und die entsprechenden Pläne in regelmäßigen Abständen überprüft werden müssen.
IT-DIRECTOR: Wie sehen aktuell die technischen und unternehmerischen Herausforderungen im Bereich der IT-Forensik aus?
L. Kuhlee: Gewöhnlich denken Unternehmen nicht über IT-Forensik nach, wenn sie Services einkaufen oder auslagern. Wird zum Beispiel die Verwaltung auch nur eines Teils einer Infrastruktur nach draußen vergeben und kommt es dann zu einer Datenverletzung, ist die verwaltende Firma häufig wenig geneigt, spezifische Daten, mit denen sich der Vorfall vollständig untersuchen ließe, mit jemandem außerhalb der eigenen vier Wände zu teilen. Dieses Problem lässt sich einfach durch entsprechende Regelungen/untersuchungsbezogene Klauseln in den Verträgen beheben.
IT-DIRECTOR: Was sind gegenwärtig die Schwachstellen von IT-Forensikverfahren? Wie lassen sich diese in Zukunft beseitigen?
L. Kuhlee: Beim Thema Technologie ist immer enorm viel Dynamik im Spiel. Ständig werden neue Programme (Closed Source), neue Cybercrime-Taktiken und -Methoden entwickelt, die für die Forensikexperten eine fortwährende Herausforderung darstellen. Wenn jedoch die Forensikbranche grundsätzlich zusammenarbeitet, sind wir in einer überaus guten Position, diese Herausforderungen in den Griff zu bekommen und eine geschlossen Front gegen die Cyberkriminalität zu bilden. Weiter sollten Unternehmen bedenken, dass Sicherheitsstrategien regelmäßig überprüft werden sollten, damit Schwächen beseitigt werden, noch bevor eine Datenverletzung stattfindet und nicht erst danach.
IT-DIRECTOR: Welche Bedeutung haben Ergebnisse der IT-Forensik für interne, zivile und strafrechtliche Untersuchungen?
L. Kuhlee: Bei digitalen Verbrechen bringt selbstverständlich die IT-Forensik die Untersuchungen voran, doch wir leben in einer Zeit, in der alles gespeichert wird. Selbst Untersuchungen „konventioneller“ Verbrechen stützen sich vermehrt auf digitales Beweismaterial zur unmittelbaren (digital gespeicherte Aufnahmen einer Überwachungskamera) oder mittelbaren Beweisführung (das GPS-Log eines Fahrzeugs, wodurch sein Besitzer in den Kreis der Verdächtigen gerät).
IT-DIRECTOR: In welchem Umfang kooperieren Unternehmen im Rahmen von IT-Forensik mit staatlichen Behörden wie dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), dem Bundeskriminalamt (BKA) usw.?
L. Kuhlee: Leider sehen die meisten Opfer von Datenverletzungen keinen Anlass, Strafverfolgungsbehörden einzuschalten. Ihrer Auffassung nach, kommen die „Bösen“ ohnehin ungestraft davon und es ist besser, einfach danach die Lücke zu schließen und es dabei zu belassen. Wir ermutigen unsere Kunden stets, mit den Strafverfolgungsbehörden zusammenzuarbeiten, und wenn dann die Bösewichte geschnappt werden, findet die Strafverfolgungsbehörde meist Hinweise auf Dutzende weiterer Verbrechen. Anhand solcher Daten können häufig Opfer alarmiert werden, die sich der Datenverletzungen gar nicht bewusst waren, und so kann der Schaden minimiert werden.