Sabina Molka ist für den Auf- und Ausbau der Unternehmenskultur sowie die Rekrutierung und Weiterentwicklung von Führungskräften und Mitarbeitern zuständig.
ITD: Frau Molka, mit welchen Recruiting-Strategien und -maßnahmen können Unternehmen in der heutigen Zeit passende IT-Fachkräfte finden und somit den War for Talents für sich gewinnen?
Molka: Um den War for Talents für sich zu entscheiden, ist bereits der Rekrutierungsprozess entscheidend. Da sich viele Arbeitskräfte nicht mehr auf langwierige, analoge Bewerbungsprozesse einlassen, legen wir großen Wert auf nahtlose digitale Abläufe, Agilität und Geschwindigkeit. Nur so ist es uns möglich, passende Kandidaten schnell und vor allem vor der Konkurrenz zu rekrutieren. Wir verfolgen beim Recruiting einen proaktiven Ansatz und setzen auf ganz unterschiedliche Maßnahmen wie z.B. Active Sourcing, Social-Media-Kanäle, Messeauftritte, Referral-Programme und Jobbörsen. Auch Employer Branding unterstützt bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiter. Wichtig ist jedoch, dass die Punkte, die nach außen kommuniziert werden, dann auch im Unternehmensalltag umgesetzt und gelebt werden. Nur so lassen sich langfristig neue Mitarbeiter gewinnen und bestehende Fachkräfte halten. Die Unternehmenskultur, Arbeitsbedingungen und Benefits sind außerdem entscheidend. Mitarbeiter erwarten heute Freiheit und Flexibilität von ihrem Arbeitgeber. Es ist ihnen wichtig, einen Beruf auszuüben, der sie erfüllt und Sinn stiftet. Diese Punkte sollten sich in der Unternehmenskultur widerspiegeln und auch Gesprächspunkt im Rekrutierungsprozess sein. Es ist schon lange nicht mehr ausreichend, den obligatorischen Obstkorb als Benefit anzubieten.
ITD: Welche Rolle spielt dabei das Thema „Mitarbeiterempfehlung“?
Molka: Engagierte Mitarbeiter, die sich stark mit ihrem Arbeitgeber identifizieren, können äußerst effektive Markenbotschafter sein. Wenn sie ihre positiven Erfahrungen mit dem und Einblicke in das Unternehmen teilen, tragen sie dazu bei, das Unternehmensimage zu stärken und potenzielle Bewerber anzuwerben. Mitarbeiterempfehlungen sind somit eine gute Möglichkeit, um das eigene Netzwerk zu erweitern und auf das der Mitarbeiter zuzugreifen. Jede Empfehlung stellt eine Möglichkeit dar, talentierte Individuen zu entdecken, die möglicherweise gut zum Team passen. Die Tatsache, dass empfohlene Personen oft eine gute Eingliederungsrate und hohes Engagement aufweisen, ist bemerkenswert. Dennoch unterliegt unser Auswahlprozess nach wie vor strengen und professionellen Kriterien. Wir berücksichtigen die fachliche Qualifikation ebenso wie den kulturellen Fit, um sicherzustellen, dass neue Teammitglieder einen echten Mehrwert bieten und sich langfristig erfolgreich bei uns entwickeln. Bei unserem Referral-Programm profitieren jedoch nicht nur wir als Arbeitgeber. Die Kollegen erhalten ebenfalls eine Prämie, wenn die Vermittlungsbemühungen erfolgreich waren. Insgesamt kommen rund 17 Prozent der Mitarbeiter durch Empfehlungen zu uns.
ITD: Welche Faktoren machen Großunternehmen/Arbeitgeber für potenzielle Mitarbeiter attraktiv? Welche Ansprüche hat insbesondere die junge Generation an ihren neuen Arbeitgeber?
Molka: Natürlich ist auch der jungen Generation ein sicherer Arbeitsplatz sowie ein gutes Gehalt wichtig, jedoch legt sie zusätzlich deutlich mehr Wert auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance. Hybride Arbeitsmodelle sind deshalb mittlerweile zu Standardanforderungen geworden. Viel mehr noch ist bei uns zusätzlich die Nachfrage nach sogenannter Workation stark angestiegen. Junge Bewerber suchen somit nach Möglichkeiten, zeitweise in Regionen zu arbeiten, in denen sie sonst Urlaub machen. Damit Unternehmen dies ermöglichen können, ist eine entsprechende IT-Infrastruktur notwendig. Modernste Technik sowie Cloud-Software gehören damit zum Standard. Nichtsdestotrotz kommt auch die jüngere Generation gern ins Büro zurück, wenn die Räumlichkeiten modern gestaltet sind und einen Ort der Kreativität und Konnektivität bieten. Abgesehen von der Flexibilität und dem selbstbestimmten Arbeiten sind die jüngeren Generationen außerdem auf der Suche nach Unternehmen, deren Ansichten und Ziele mit den eigenen übereinstimmen. Eine gute Chance haben Unternehmen, die soziale Werte pflegen, eine transparente Unternehmenskultur leben und Wert auf Umwelt und Nachhaltigkeit legen. Weiterbildungsmöglichkeiten sind ein weiterer entscheidender Faktor bei der Wahl des Arbeitgebers. Jungen Mitarbeitern ist es besonders wichtig, sich einzubringen, Verantwortung zu übernehmen und sich stetig weiterzuentwickeln. Unternehmen sollten demnach hochwertige Ausbildungs- und individuelle Weiterbildungsmöglichkeiten anbieten. Benefits, wie z.B. gemeinsame Lunches, Team-Events oder zusätzliche Urlaubstage überzeugen letztendlich ebenfalls.
ITD: Inwieweit lässt sich die Wichtigkeit flexibler Arbeitsmodelle bzw. von Hybrid Work mit Zahlen belegen?
Molka: Wie ein Beitrag von McKinsey & Company bestätigt, wünschen sich mittlerweile rund 60 Prozent der Erwerbstätigen unter 40 Jahren, wenigstens einige Tage von zu Hause zu arbeiten. Hybride Arbeitsmodelle haben somit eine hohe Priorität für Fachkräfte und sind in vielen Unternehmen bereits zu einem Standard geworden. Insbesondere Knowledge Worker erwarten diese Freiheit und Flexibilität von dem Arbeitgeber und suchen danach die Stelle aus. Damit flexible Arbeitsmodelle in der Realität jedoch auch gelingen, ist es wichtig, dass sich die Führungskultur dem Arbeitsmodell anpasst und eine moderne IT-Infrastruktur zur Verfügung steht.
ITD: Welche Aufgaben können moderne Technologien wie Cloud, Künstliche Intelligenz (KI) und Virtual Reality/Augmented Reality (VR/AR) übernehmen, um die Motivation und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter zu stärken?
Molka: Moderne Technologien werden in Zukunft eine große Rolle in der Arbeitswelt spielen und die Arbeitsweise maßgeblich beeinflussen.
ITD: Welche Bedeutung hat Teambuilding und welche konkreten Maßnahmen halten Sie in Großunternehmen für geeignet?
Molka: Teambuilding hat eine große Bedeutung, insbesondere bei remote arbeitenden Teams, da es u.a. die Zusammenarbeit, Motivation und Kommunikation der Mitarbeiter fördert. In bereits vorhandenen Teamstrukturen (z.B. Marketing oder Sales) steigern solche Maßnahmen die Konnektivität im Team sowie eine gute Arbeitsatmosphäre. Teambuilding-Maßnahmen, die Gruppen aus unterschiedlichen Abteilungen zusammenführen, sind besonders effektiv, da sie das Silodenken eliminieren und den Zusammenhalt über die Grenzen der jeweiligen Teams hinaus stärken. Neben Teambuilding-Workshops und -Seminaren bieten Aktivitäten, wie z.B. Outdoor-Veranstaltungen oder gemeinsame Kochveranstaltungen sowohl in größeren als auch in kleineren Gruppen, eine ideale Gelegenheit, den Teamgeist zu fördern. Gemeinsame Freizeitaktivitäten, wie z.B. Sportangebote, tragen zusätzlich zur Stärkung des Zusammenhalts bei und ermöglichen den Mitarbeitern, sich auf einer neuen Ebene kennenzulernen. Wichtig zu betonen ist, dass Teambuilding nicht nur den Gruppenzusammenhalt fördert, sondern auch eine Plattform bietet, um in Workshops die Unternehmensstrategie zu vermitteln und diese auf konkrete Projekte herunterzubrechen. Diese klare Verbindung zwischen der übergeordneten Vision und den individuellen Projekten ermöglicht es den Teammitgliedern, den Zweck ihrer Arbeit besser zu verstehen. Dies wiederum steigert nicht nur die Motivation, sondern verstärkt auch die Identifikation der Mitarbeiter mit den übergeordneten Unternehmenszielen.
ITD: Inwieweit beeinflusst das Verhalten des Chefs/der Führungsperson die emotionale Bindung der Mitarbeiter zu ihrem Job? Was sollte ein Chef niemals tun?
Molka: Das Verhalten von Führungskräften übt einen entscheidenden Einfluss auf die Zufriedenheit der Mitarbeiter aus und prägt somit auch maßgeblich ihre emotionale Bindung zum Job. In der heutigen, dynamischen Arbeitswelt, in der Führungskräfte zunehmend die Rolle von Coaches einnehmen und die Mitarbeiter auf ihrem Weg zu stetiger Leistungssteigerung und kontinuierlicher Weiterentwicklung begleiten, gewinnt diese Funktion stark an Bedeutung. Es liegt in der Verantwortung der Führungskräfte, die Beschäftigten auf eine Art und Weise zu unterstützen, die ihre Fähigkeiten und Leistungen optimiert und zugleich ihre Motivation für die Arbeit fördert. Eine klare und transparente Kommunikation, Wertschätzung, konstruktives Feedback, Bereitstellung von Entwicklungsmöglichkeiten sowie Vertrauen sind nur ein paar der Verhaltensweisen, die Führungskräfte gegenüber Mitarbeitern vorweisen sollten. Dagegen sollten Führungskräfte Mikromanagement, fehlende Kommunikation und Unterstützung, mangelnde Anerkennung und destruktive Kritik vermeiden. Eine gesunde Balance zwischen Führung und Empathie ist entscheidend, um die emotionale Bindung der Mitarbeiter sowie die Loyalität zum Unternehmen zu fördern.
ITD: Inwieweit lässt sich feststellen, ob ein Mitarbeiter bereits innerlich gekündigt hat? Was sind klassische Anzeichen?
Molka: Steigt die Unzufriedenheit der Mitarbeiter stark an, so kann es zur Folge haben, dass sie sich zunehmend vom Unternehmen entfremden und innerlich mit ihrer Arbeit abschließen. Die Anzeichen dieses Zustands können in Abhängigkeit von individuellen Persönlichkeiten und Umständen variieren. Generell lassen sich jedoch einige allgemeine Indikatoren erkennen, darunter mangelnde Motivation, geringe bis fehlende Interaktion mit dem Team, ein Mangel an Eigeninitiative, vermehrte Konflikte, abnehmende Produktivität, nachlassende Leistung und häufige Abwesenheit. Erkennen Vorgesetzte derartiges Verhalten, ist es ratsam, frühzeitig das Gespräch zu suchen. Dabei sollten sie die Gründe für die Veränderung im Verhalten untersuchen und Unterstützung anbieten. Hierbei sollte stets im Blick behalten werden, dass die Integrität des Teamgefüges nicht vernachlässigt wird. Mitarbeiter, die innerlich demotiviert sind, könnten schnell eine toxische Rolle innerhalb des Teams einnehmen, was wiederum einen negativen Einfluss auf die Teamdynamik und die gesamte Produktivität haben kann.
ITD: Wie wird sich der War for Talents im IT-Bereich Ihrer Ansicht nach in den kommenden Monaten entwickeln?
Molka: Die Nachfrage nach IT-Fachkräften wird weiterhin anhalten, da die bereits vorhandenen Lücken nicht so schnell geschlossen werden. Aus gegebenen Anlässen werden auch in Zukunft weiterhin verstärkt geeignete Fachkräfte in Bereichen wie Security oder Künstliche Intelligenz gesucht. Eine Lösung kann sein, Fachkräfte im Ausland zu rekrutieren – remote arbeitende Unternehmen haben auch hier wieder einen Vorteil. Andernfalls können Unternehmen mit Quereinsteigern den Fachkräftemangel ausgleichen.
Bildquelle: Docuware