Kommentar

Technologie – das „fehlende Bindeglied“ der KI in Europa

Andreas Scheffer, Territory Manager Central Europe & Automotive EMEA beim Halbleiterunternehmen Graphcore, beschreibt im Kommentar, welche Hürden Europa meistern muss, um in Sachen „KI“ die Nase vorn zu haben.

Mensch und Roboter im Profil

Bei der Entwicklung und dem Einsatz kann Europa eine Vorreiterrolle einnehmen – doch einige Hürden sind noch zu nehmen.

Europa behauptet sich als wichtiger Akteur auf der Weltbühne der Künstlichen Intelligenz (KI). Dafür wurden die notwendigen Überlegungen zu Ethik und Vertrauen getroffen und mit dem Einsatz von verschiedenen Anwendungen begonnen. Jedoch darf die wesentliche Phase der Technologieentwicklung nicht vernachlässigt werden – anderenfalls könnten alle Bemühungen umsonst gewesen sein.

Keine Woche vergeht, ohne dass eine neue KI-Anwendung vorgestellt, ein neues Forschungszentrum eingeweiht oder ein Start-up in diesem Bereich gegründet wird.

KI ist seit einigen Jahren ganz vorne in der digitalen Szene mit dabei. Zu Recht, denn ihr Beitrag hat sich in allen Wirtschaftsbereichen bewährt – vom Gesundheits- über das Finanzenwesen bis hin zu Industrie, Bildung und Mobilität.

Intelligente Algorithmen sind in der Lage, Muster zu finden, Korrelationen zu erkennen und Prozesse zu konstruieren, die weit über die Fähigkeiten des Menschen hinausgehen. Sie steuern autonome Fahrzeuge, erkennen Verletzungen auf Röntgenbildern von Patienten, antizipieren Wetterphänomene, optimieren den Datenverkehr in Telekommunikationsnetzen und prognostizieren die Entwicklung der Finanzmärkte mit einer Präzision und Genauigkeit, die Experten mit ihren biologischen Gehirnen nur staunen lässt.

Europa als Ganzes, angeführt von Deutschland und Frankreich, hat seine Ambitionen bekräftigt, ein wichtiger Akteur in der globalen KI-Szene zu werden, um mit China und den USA konkurrieren zu können. Deutschland und Frankreich haben Initiativen auf europäischer oder nationaler Ebene gestartet und investieren erhebliche Summen in die Forschung, sowie Gründung von Start-ups in diesem Bereich. Bereits 2019 plante Deutschland bis 2025 rund 3 Mrd. € in die Umsetzung einer fortschrittlichen KI-Strategie zu investieren, um das Land zu einem führenden KI-Standort zu machen. Diese Summe wurde seitdem auf 5 Mrd. € erhöht, und weitere 2 Mrd. € wurden in die KI-Forschung gesteckt, mit dem Ziel die besten Forscher im KI-Bereich ins Land zu holen. Zudem gibt es bereits einige größere Zusammenschlüsse hochkarätiger Forschungsinstitute und Experten. Ein Beispiel bildet die bayerischen KI-Agentur, die ihre Heimat im Leibniz-Rechenzentrum (LRZ) der Bayerischen Akademie der Wissenschaften hat. Deren Hauptaufgabe ist es, die strategischen Ziele des Bayerischen KI-Rates umzusetzen. Dieser besteht aus international renommierten Experten aus Forschung und Wirtschaft und befasst sich mit der Stärkung der Forschung im Bereich der KI und der Förderung von deren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzung.

Um in diesem Sektor wirklich Vorreiter zu werden oder auch nur mit den USA und China Schritt halten zu können, muss Europa seinen Blick auf alle Ebenen seiner KI-Fähigkeiten richten.

Die Forschung ist sicherlich von entscheidender Bedeutung. Viele der weltweit führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Maschinenintelligenz sitzen in Europa und jeder Durchbruch, den sie erzielen, wird zum Ausgangspunkt für die nächste Innovation.

Worüber momentan weniger gesprochen wird, was aber mindestens genauso wichtig ist wie die Strategie, Wissenschaft und Ethik hinter KI, ist die Technologie, die nötig ist, um eine solche Vision umzusetzen.

Europa muss sicherstellen, dass seine Rechenkapazitäten der Aufgabe gewachsen sind, denn  andere Nationen werden „aufrüsten“ – insbesondere bei den KI-Chips, die die Basis für den Fortschritt von KI bilden. Bislang wurden die jüngsten Entwicklungen der KI durch kontinuierliche Fortschritte in der Computertechnologie ermöglicht, aber die Zukunft wird anders aussehen. Die Anforderungen der neuesten KI-Modelle wachsen exponentiell und die Art von Prozessoren und Systemen, die bisher verwendet wurden, werden nicht ausreichen, um das Momentum aufrechtzuerhalten.

Akteure im Bereich KI müssen sich daher ständig die Frage stellen: Bin ich heute bereits mit den richtigen Werkzeuge ausgerüstet , um die bevorstehenden Herausforderungen zu meistern?

Dieses Konzept, im Voraus zu investieren und sich angemessen auszurüsten, ist eines, das jetzt vielleicht noch mehr Anklang findet, da wir aus der Pandemie, die unsere Welt überrollt hat, gelernt haben. Denn Covid-19 ist mehr als nur eine Herausforderung vorausschauend zu planen - es hat sich auch als ein Lehrstück für die Vorteile erwiesen, die diese neue Technologie mit sich bringt.

Im Jahr 2020 nutzte eine Gruppe von Microsoft-Forschern Intelligence Processing Units (IPU), um den Trainingsprozess eines KI-Modells zu beschleunigen, das die Anzeichen von Covid-19 auf Röntgenaufnahmen des Brustkorbs erkennen konnte. Die IPU wurde von Graphcore entwickelt und speziell für KI-Berechnungen ausgelegt, was ein völlig neues Arbeiten ermöglicht. Ein ähnlicher Ansatz wurde kürzlich von Forschern der University of Massachusetts Amherst verwendet. Sie setzten dieselbe Technologie ein, um die epidemiologische Analyse zur Ausbreitung von Corona-Erkrankungen zu beschleunigen.

Mit diesen Beispielen wollen wir nicht sagen, dass KI das Allheilmittel für alle Probleme unserer Gesellschaft darstellt, sondern ein Gefühl dafür vermitteln, wie wir alle in Zukunft von dieser Technologie profitieren können, wenn wir die Herausforderung der KI ernst nehmen.

Nun hört man viel über die KI-"Supermächte" (USA und China) und ob Europa zu ihnen aufschließen kann. Auch die Sprache des Kalten Krieges wird in diesem Kontext oft beschworen. Aber es gibt einen grundlegenden Aspekt, den wir uns als Gesellschaft und Nation gut merken sollten: Der Wettbewerb sollte nicht im Vordergrund stehen, denn es geht nicht um Gewinner und Verlierer. Im Gegenteil, die Innovation in der KI hat das Potential dazu alle zu Gewinnern dieser Technologie zu machen, solange man sich darauf einlässt.

Mit KI haben wir in Europa die Möglichkeit ein Vorreiter zu sein – aber wir sollten es auf eine Art und Weise sein, die andere Nationen inspiriert und die uns allen zugutekommt.

Bildquelle: Gettyimages/iStock/Gettyimages Plus

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