Eine nachhaltige Lieferkette ist eine vernetzte und orchestrierte Lieferkette, bei der verstanden wurde, dass man in einem Netzwerk operiert.
Die Welt ist mittlerweile hochgradig vernetzt, es besteht eine nahezu endlose Anzahl an Abhängigkeiten. „Unser Leben ist eingebettet in eine chaotische Umgebung. Pandemien, Geopolitik, demografische Verschiebungen, Migrationsmuster, Klimawandel und wirtschaftliche Instabilität werden immer Teil unseres Lebens sein“, betont Dan MacGregor von Nexxiot. Die Transportlogistik durchlaufe derzeit eine Phase bedeutender Veränderungen, wobei die Digitalisierung eine immer stärkere Bedeutung gewinne. „Ohne eine durchgängige Sichtbarkeit von Gütern und Transportmitteln wird es für alle Beteiligten sehr schwierig, von der Flexibilität, dem Vertrauen und der Prozesseffizienz zu profitieren, die diejenigen, die digitale Technologien nutzen, jetzt bereits erleben“, so der Chief Experience Officer.
Von den vergangenen und gegenwärtigen Krisen waren und sind grundsätzlich die Lieferketten vieler Industrien betroffen – besonders allerdings Branchen, die komplexe Produkte herstellen, die viele Einzelteile benötigen. So hatte beispielsweise die Automobilindustrie „starke Probleme mit trägen oder sogar stillstehenden Lieferketten“, weiß Dirk Haschke, Vice President & General Manager bei der Descartes Systems (Germany) GmbH, zu berichten. Ebenso betroffen waren aber auch die Elektronikbranche, Luftfahrt-, Mode- und Textil- sowie Lebensmittelindustrie, „da viele Fabriken aufgrund von Schließungen oder Unterbrechungen der Produktion nicht arbeiten konnten“, ergänzt Felix Plapperer, Partner beim Berliner VC Squareone.
Trotz aller Herausforderungen gewinnen Nachhaltigkeit und Transparenz in den Lieferketten deutscher Großunternehmen zunehmend an Bedeutung. So haben viele Firmen erkannt, „dass nachhaltige Geschäftspraktiken nicht nur ethisch korrekt, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll sind“, meint Plapperer. „Sie setzen daher verstärkt auf Maßnahmen wie die Reduzierung von Treibhausgasemissionen, den Einsatz erneuerbarer Energien, die Vermeidung von Abfällen und die Förderung sozialer Gerechtigkeit.“ Außerdem habe sich in den vergangenen Jahren eine Gruppe an Start-ups mit hoch relevanten Technologien entwickelt, die dabei helfen könnten, den neuen Anforderungen effektiv zu begegnen.
Eine nachhaltige Lieferkette ist eine vernetzte und orchestrierte Lieferkette, bei der verstanden wurde, dass man in einem Netzwerk operiert. „Je eher Unternehmen dies verstehen, desto eher können sie Prozesse implementieren, von denen auch Nachhaltigkeit profitiert“, erklärt David Strauss, Vice President Strategic Partner Enterprise Solutions bei E2Open. Denn dann könnten die Teile der Lieferkette, die für einen hohen CO2-Fußabdruck verantwortlich sind, identifiziert und aktiv angegangen werden. Für Mark Holmes, Senior Advisor for Global Supply Chain bei Intersystems, beruht eine nachhaltige Supply Chain auf ethisch und ökologisch verantwortlichen Praktiken. „Diese müssen über die gesamte Lieferkette hinweg gelten – von der Materialbeschaffung bis hin zur letzten Meile und zum Aftermarket.“ Unterstützt wird Nachhaltigkeit auch durch papierlose Prozesse entlang der Supply Chain, ergänzt Dirk Haschke. Als Beispiel nennt er digitale Picklisten im Lager oder Zustellnachweise, die über mobile Geräte erstellt werden. „Zudem sollte beim Sourcing darauf geachtet werden, die kürzesten Transportwege vom Lieferanten zum Konsumenten zu finden, um die Umweltbelastung zu minimieren.“
Gerade im Hinblick auf das seit Jahresbeginn in Deutschland geltende Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) sollten Nachhaltigkeit und Transparenz im Fokus aller Unternehmen und ihrer Supply Chains stehen. Die größte Herausforderung besteht laut Werner Reuß, Manufacturing Solutions Executive bei Intersystems, darin, die Prozesse genau zu dokumentieren: „Was passiert von den Quellen meiner Rohstoffe bis hin zum fertigen Auto?“
Ähnlich sieht es Dirk Haschke: „Unternehmen haben oft Sublieferanten und es kann schwierig sein, die gesamte Lieferkette zu überwachen und zu kontrollieren.“ Selbst wenn das Unternehmen den Tier-1-Lieferanten identifizieren und überprüfen könne, sei es schwierig sicherzustellen, dass auch die darunterliegenden Lieferanten den Anforderungen entsprechen. Einen anderen Stolperstein sieht er darin, dass die Gesetze in anderen Ländern oft anders sind und die deutsche Gesetzgebung nicht immer einfach auf die globalen Lieferketten anwendbar oder übertragbar ist. „Unternehmen müssen sich also mit den verschiedenen Gesetzen in den Ländern, in denen sie Geschäfte tätigen, vertraut machen und sicherstellen, dass sie die Anforderungen des LkSG erfüllen, ohne gegen andere Gesetze zu verstoßen“, betont der Experte.
Zum Glück gibt es eine ganze Reihe an Lösungen z.B. aus der Start-up-Welt, welche mithilfe der intelligenten Nutzung von Daten und Automatisierungs-Workflows dabei unterstützen, den jeweiligen Herausforderungen zu begegnen. Als Beispiele nennt Felix Plapperer die Unternehmen Prewave, dessen Plattform Lieferanten in den sozialen Medien überwacht und Kunden dann relevante und spezifische Warnmeldungen sendet, und Riskmethods, dessen Supply-Chain-Risk-Management-Lösung Probleme in der Lieferkette identifiziert und das Schadensausmaß für Kunden bewertet.
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Künstliche Intelligenz (KI) kann an dieser Stelle dabei helfen, schmutzige Daten – also Daten mit Fehlern, die oft zu einer zeit- und kostenintensiven Angelegenheit werden können – zu bereinigen. David Strauss weiß: „Sobald man etwas tiefer in die Lieferkette eintaucht, werden die Daten immer unstrukturierter, Codes sind nicht mehr so zuverlässig und es nicht mehr so einfach, ein Produkt eines Tier-n-Zulieferers zu identifizieren.“ KI sei gut darin, dies zu korrigieren. Außerdem können Künstliche Intelligenz wie auch Machine Learning (ML) „große Mengen an historischen und aktuellen Daten schneller als der menschliche Verstand analysieren und so neue Erkenntnisse liefern“, fügt Mark Holmes bei. Die Technologien würden damit die Entscheidungsfindung enorm unterstützen.
Weitere Schlüsseltechnologien sowie Innovationsschwerpunkte für resiliente Lieferketten könnten die Implementierung von 3D-Drucktechnologien sowie die Nutzung von autonomen Transport- und Liefersystemen sein, meint Felix Plapperer. Und Dan MacGregor rückt u.a. noch wartungsfreie Internet-of-Things-Geräte (IoT), eine offene IT-Architektur, Geräte- und Datenmanagement, „spielerische“ intuitive Benutzeroberflächen und Big-Data-Analysen in den Fokus. Wichtig sei, dass die Nutzer solcher Anwendungen Wege finden, um ihre Geschäftsprozesse in einen hinreichenden Kontext zu stellen, das richtige Fachwissen einzubringen und mit Partnern und Kunden zusammenzuarbeiten, um den Informations- und Warenfluss neu zu definieren.
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