„Starke Nachfrageschwankungen, die es so noch nie gab, haben die Bedarfs- und Logistikplanung der Unternehmen erschwert“, berichtet Mark Holmes.
„Die größte Herausforderung besteht darin, Transparenz über alle Lieferketten hinweg zu schaffen und die Prozesse genau zu dokumentieren“, so Werner Reuß.
ITD: Herr Reuß, wie war es in den vergangenen zwei, drei Jahren um die Transportlogistik der hiesigen Unternehmen bestellt – gerade im Hinblick auf die aktuellen Krisen (globale Pandemie, geopolitische Konflikte, Fachkräftemangel, Inflation ...)?
Reuß: Inzwischen nimmt der Druck auf die Lieferketten von Unternehmen in Deutschland wieder etwas ab und die Lage stabilisiert sich. Aber in den Jahren zuvor sah die Situation ganz anders aus: Viele Faktoren haben in Kombination die Logistik beeinflusst, wie z.B. die Corona-Lockdowns in China, geopolitische Konflikte oder der Fachkräftemangel. Als Folge kam es weltweit zu Unterbrechungen der Lieferketten und damit zu Engpässen bei einigen Produkten. Der Automobilindustrie fehlten hierzulande beispielsweise Chips, ohne die weder LKW noch PKW keinen Meter fahren. Viele Herausforderungen der vergangenen Jahre bestehen weiterhin, aber sie wirken sich nun weniger gravierend auf die Logistik aus.
ITD: Herr Holmes, welche Branchen hatten es zuletzt besonders schwer, mussten mit stockenden oder gar stillstehenden Lieferketten kämpfen?
Holmes: Betroffen waren vor allem die Automobilindustrie, Hersteller von Konsumgütern und daher auch der Einzelhandel. Starke Nachfrageschwankungen, die es so noch nie gab, haben die Bedarfs- und Logistikplanung der Unternehmen erschwert. Hinzu kamen eine beispiellose Rohstoffknappheit und der Fachkräftemangel. All das hat zeitweise zu stockenden oder gar stillstehenden Lieferketten geführt.
ITD: Welchen Stellenwert haben bereits Nachhaltigkeit und Transparenz in den Supply Chains deutscher Großunternehmen?
Reuß: Gerade im Hinblick auf das Lieferkettengesetz in Deutschland kommt es auf Transparenz an. Alle Unternehmen mit 3.000 oder mehr Mitarbeitern müssen die neuen Vorgaben bereits ab diesem Jahr erfüllen. Um ihre Einhaltung zu kontrollieren und gegebenenfalls gegenzusteuern, brauchen Unternehmen einen umfassenden Überblick über ihre Lieferketten, da diese ganz maßgeblich zu den CO2-Emissionen beitragen. Nur so können sie für sich selbst korrekt Bericht ablegen und ihren Kunden Daten liefern, die diese für ihre eigene Berichterstattung benötigen. In der Zukunft warten auf die Unternehmen außerdem weitere Anforderungen. Der geplante Data Act der Europäische Union verpflichtet große Unternehmen z.B. dazu, jedem mit einem berechtigten Interesse einen Zugriff auf die relevanten Daten zu gewähren. Das betrifft die Logistik und zudem alle anderen Unternehmensbereiche. Auch deshalb spielt Transparenz eine große Rolle.
ITD: Was macht für Sie eine nachhaltige Lieferkette aus?
Holmes: Eine nachhaltige Lieferkette beruht auf ethisch und ökologisch verantwortlichen Praktiken. Diese müssen über die gesamte Lieferkette hinweg gelten – von der Materialbeschaffung bis hin zu der letzten Meile und dem Aftermarket. In der Automobilindustrie geht es beispielsweise darum, genau zu wissen, woher Rohstoffe stammen und wie sie abgebaut werden. Kinderarbeit, Umweltverschmutzung und andere Missstände gilt es nicht zu unterstützen. Wenn Unternehmen durch ein modernes Datenmanagement einen 360-Grad-Blick auf ihre Lieferketten gewinnen, können sie außerdem ihre eigenen Prozesse optimieren und auf diese Weise z.B. ihren CO2-Ausstoß senken.
ITD: Was sind die großen Herausforderungen und Stolpersteine für Unternehmen, um dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz gerecht zu werden?
Reuß: Die größte Herausforderung besteht darin, Transparenz über alle Lieferketten hinweg zu schaffen und die Prozesse genau zu dokumentieren. Was passiert von den Quellen meiner Rohstoffe bis hin zum fertigen Auto? Das muss in den eigenen Berichten stehen. Große Unternehmen arbeiten mit vielen Lieferanten zusammen. An alle Daten zu den Lieferketten zu kommen, setzt dann ein strategisches Vorgehen voraus.
ITD: Welche innovativen IT-Lösungen und Software-Tools können bei der Einhaltung des Gesetzes unterstützen und die Leistungsfähigkeit der Lieferketten steigern?
Reuß: Moderne Datenplattformen helfen Unternehmen dabei, Daten jedes beliebigen Formats aus diversen Quellen in Echtzeit zu verknüpfen, zu verarbeiten und zu analysieren. Das Stichwort lautet Interoperabilität. So erhalten sie jederzeit Zugriff auf aktuelle und genaue Daten, um schnell die richtigen Entscheidungen zu treffen. Für die Einhaltung der Vorgaben und mehr Effizienz schaffen Datenplattformen umfassende Transparenz über die Lieferketten. Entscheidend ist dabei, dass eine solche Lösung alle Standards, Protokolle und Profile für den Datenaustausch in der Industrie beherrscht. Dazu zählt beispielsweise auch die Unterstützung für die Verwaltungsschale, einen standardisierten digitalen Zwilling, der alle verfügbaren Informationen zu einem Gegenstand innerhalb eines Unternehmens anzeigt. Das reicht von einer einzelnen Schraube, über eine vernetzte Maschine in der Produktion bis hin zu einem fertigen Gut. Auch Lieferketten können entsprechend nachgezeichnet werden. Smarte Datenplattformen vereinfachen dabei nicht nur die Erfüllung des Lieferkettengesetzes, sondern künftig auch die Einhaltung des geplanten Data Act der Europäischen Union.
ITD: Inwieweit kann Künstliche Intelligenz (KI) an dieser Stelle aushelfen und welche Rolle spielen Daten für die Effizienz in der Lieferkette?
Holmes: Machine Learning (ML) und KI können große Menge an historischen und aktuellen Daten besser und schneller als der menschliche Verstand analysieren und so neue Erkenntnisse liefern. Die Technologien unterstützen damit die Entscheidungsfindung von Unternehmen enorm. Intersystems Iris bringt z.B. dafür KI und ML als integrierte Funktionen gleich mit. Mit den Technologien können Unternehmen ihre Prozesse optimieren und für mehr Nachhaltigkeit sorgen. Dazu gehört beispielsweise, den CO2-Ausstoß zu senken und weniger vermeidbaren Abfall zu verursachen.
Bildquelle: Intersystems