Große Herausforderungen

Turbulente Zeiten für die Lieferketten

Geopolitische Konflikte, Inflation, Streik, außergewöhnliche Wetterereignisse: Der Druck auf die Lieferketten ist höher denn je. Zugleich müssen Unternehmen neuen gesetzlichen Supply-Chain-Anforderungen gerecht werden.

Verschiedene Transportmittel

Um allem Druck anno 2024 stand zu halten, sollten sich Unternehmen neben der Digitalisierung und Transparenz ihrer Lieferketten auch dem Schlüsselwort „Standardisierung“ widmen.

Der Druck eines einzelnen Ereignisses wäre dabei vielleicht noch problemlos beherrschbar. Die Herausforderungen sind allerdings die Vielzahl der Ereignisse und deren gegenseitigen Wechselwirkungen. „Wir beobachten, dass dies selbst bei den erfahrenen Akteuren in der Logistik Probleme verursacht in Bezug auf die kurzfristige Nachsteuerung von Kapazitäten, Routen und weiteren Maßnahmen“, berichtet Friedrich Schierenberg, Geschäftsführer von Cargosoft in Bremen, aus der Praxis. Doch nicht nur der Druck sei hoch, sondern auch der Bedarf nach Informationen und Entscheidungsunterstützung, meint der Experte.

„Unternehmen sehen sich mit Herausforderungen bei der Beschaffung, Transportplanung und dem Risikomanagement konfrontiert, um die Lieferstabilität aufrechtzuerhalten“, ergänzt Sebastian Glenschek. Eine proaktive Anpassung von Logistikstrategien sei entscheidend, um diesen vielfältigen Belastungen erfolgreich zu begegnen, so der Head of Sales von Hermes International. Zu bedenken ist auch, dass es sich nicht ausschließlich um kurzfristige Ereignisse handelt, die sich einfach „aussitzen“ lassen, sondern vermehrt um mittel- bis langfristige Herausforderungen, die ein aktives Suchen nach Lösungen fordern.

Angriffe im Roten Meer

Eines dieser Ereignisse sind z.B. die Angriffe auf Containerschiffe im Roten Meer. Dieses bildet die Hauptroute zum Suezkanal, „durch die 30 Prozent des weltweiten Containerverkehrs fließen“, weiß David Strauss, Vice President Strategic Partner Enterprise Solutions bei E2open. „Das Risiko durch die Attacken der Huthi-Rebellen veranlasst viele Verlader und Reedereien dazu, ihre Schiffe entlang des Kaps der Guten Hoffnung umzuleiten. Die Fahrt um Afrika herum ist 56 Prozent länger als die Fahrt durch den Suezkanal. Da knapp 10 Prozent des deutschen Außenhandels über jenen Kanal abgewickelt werden, müssen wir mit Verspätungen rechnen.“ Zudem habe die Suezkanal-Behörde die Transitgebühren um 5 bis 15 Prozent erhöht.

Diese höheren Kosten für die Transportunternehmen bzw. Versicherer werden sich wohl sehr wahrscheinlich in höheren Preisen für die Verbraucher niederschlagen. Da die Krise im Roten Meer noch recht frisch ist, sind bislang keine großen Engpässe bei bestimmten Waren in den deutschen Lagern und Medien angekommen – doch es wird vermutlich wieder einiges an Mangelwirtschaft zu ertragen geben.

Dr. Fabian Struck, Chief Commercial Officer bei Forto, sieht die Lage allerdings nicht so schlimm wie während der Pandemie. Seiner Ansicht nach sind die Lager bei vielen produzierenden Unternehmen noch relativ voll, weil die Konjunktur im vergangenen Jahr deutlich schwächer war als angenommen. Zudem seien Schätzungen nach weltweit 25 Prozent mehr Frachtkapazitäten verfügbar, als eigentlich gebraucht würden. Und die Frachtraten für den Lufttransport würden nur rund 20 Prozent über dem normalen Satz liegen. „Wenn man seine Lieferketten gut im Blick hat, genügen zwei Wochen, um Ersatz per Bahn oder Luftfracht zu organsieren“, gibt er Entwarnung.

Druck durch Lieferkettengesetz

Doch nicht nur die Lage im Roten Meer, sondern z.B. auch das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) übt derzeit Druck auf die Unternehmen und ihre Supply Chains aus. Dabei werden gelebte Nachhaltigkeitsprogramme und Transparenz die Attraktivität von Anbietern spürbar erhöhen und auch hinsichtlich Finanzierung eine immer wichtigere Rolle spielen, ist sich Marcus Schneider sicher. „Gerade die EU-Taxonomie wird vermehrt Investments in solche Unternehmen lenken, die mit eindrucksvollen Berichten zu ihren direkten und indirekten Lieferketten aufwarten können“, so der Regulatory and Sustainability Expert, Product and Material Compliance bei Assent. „Und nicht zuletzt bieten beide Faktoren einen guten Ansatz zum Identifizieren und Vermeiden von Beschaffungsrisiken – Stichwort ‚Obsoleszenz durch Nichtverfügbarkeit‘.“

Langfristig gesehen, spart eine transparente und nachhaltige Lieferkette Kosten ein und steigert die Effizienz. Zugleich treibt die Tatsache, dass Verstöße gegen das LkSG mit empfindlichen Strafen belegt werden, die Dringlichkeit der Umsetzung „mit Dampf in die Chefetagen“, betont David Strauss. Unternehmen, die ihre Lieferketten bereits in den vergangenen Jahren auf Widerstandsfähigkeit sowie Nachhaltigkeit in den Bereichen „Umwelt“ und „Soziales“ umgeformt hätten, seien nun ganz klar im zeitlichen Vorteil. Denn nicht zu vergessen ist: „Die Umsetzung des LkSG ist mit verschiedenen Herausforderungen verbunden“, ergänzt Sebastian Glenschek. „Insbesondere bereiten die Identifikation und Überwachung von globalen Lieferkettenkomponenten Schwierigkeiten, da diese oft komplex und weit verzweigt sind.“ Die genaue Einhaltung von menschenrechtlichen und ökologischen Standards über alle Zulieferer hinweg stelle eine weitere Hürde dar. Es bestehe ebenso die Herausforderung, ein effektives Sanktionssystem für Verstöße zu etablieren und die internationale Zusammenarbeit in diesem Bereich zu fördern.

Auch Friedrich Schierenberg sieht gerade in der Internationalität von Logistikprozessen durch die Einbindung zahlreicher Akteure eine besondere Komplexität. Die Branche sei geprägt durch die kleinteilige Zusammenarbeit von verschiedenen Logistikpartnern und Subunternehmen, die wiederum weitere Subunternehmer beauftragen. Diese Strukturen über die Kontinente hinweg zu monitoren und gemäß der Gesetzesanforderungen „unter einen Hut“ zu bekommen, sei eine anspruchsvolle Aufgabe, so der Experte.

Digitale Tools liefern Unterstützung

Zur Erhöhung der Lieferkettentransparenz können Unternehmen allerdings auf verschiedene smarte Technologien vertrauen. „Gewissermaßen machen digitale Tools die entsprechenden Gesetze überhaupt erst in dieser Gestalt möglich“, betont Marcus Schneider. Ohne digitale Werkzeuge seien die riesigen Datenmengen aus Logistikprozessen kaum zu bewältigen. Das sieht auch Sebastian Glenschek so und berichtet: „Durch den Einsatz von Technologien wie Blockchain, Internet of Things (IoT) und fortschrittlicher Datenanalytik können Unternehmen Echtzeitinformationen über ihre Lieferketten erhalten, was zu besserer Nachverfolgbarkeit, Effizienz und einem besseren Risikomanagement führt.“ Diese Tools ermöglichten eine präzise Überwachung von Warenbewegungen, Qualitätskontrollen und die Einhaltung von Nachhaltigkeitsstandards. An verschiedenen Stellen ist auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) sinnvoll, weiß Friedrich Schierenberg. So könne sie helfen, im riesigen Datenpool Zusammenhänge herzustellen und Prognosen zu erzeugen. Auch könne die KI mithilfe von E-Mails mit Akteuren in der Kette kommunizieren, um Informationen zu erhalten, die nicht aus einer anderen Datenquelle zur Verfügung stehen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 1-2/2024. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Um allem Druck anno 2024 stand zu halten, sollten sich Unternehmen neben der Digitalisierung und Transparenz ihrer Lieferketten auch dem Schlüsselwort „Standardisierung“ widmen. „Standardisierung führt letztlich trotz aller Hemmnisse zu einer deutlichen Effizienzsteigerung, da Zufälligkeiten und Unwägbarkeiten in Prozessen und Daten eliminiert werden“, weiß Marcus Schneider. Aus Sicht eines Anbieters für Transparenz in der Supply Chain hält wiederum Friedrich Schierenberg jene Standards für wichtig, „die einen einheitlichen Datenaustausch ermöglichen“. Im Straßentransport gebe es z.B. national bzw. europaweit Quasistandards wie Fortras, in der Luftfracht würden viele Standards durch den Welt-Spediteursverband FIATA gesetzt und in der Seefracht gebe es beispielsweise mit der Digital Container Shipping Association gute Ansätze. Schlussendlich sei das Thema aber sehr dynamisch und entwickle sich jeden Tag weiter.

Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus

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